München kurz nach dem Krieg: Sensationelle Farbfotos aufgetaucht!

Sensationelle Farbfotos von München aus den Jahren 1945 bis 1965 hat der Münchner Sebastian Winkler ausfindig und zusammen mit Verleger Franz Schiermeier ein Buch draus gemacht: "München farbig" – die AZ stellt herausragende Aufnahmen daraus in einer Serie vor, quasi als Abschluss der AZ-Reihe "Münchner Foto-Schätze".
| Thomas Müller
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1953: Von einer Dachterrasse in der Maffeistraße aus ist die Frauenkirche zum Greifen nah. Das riesige Dach ist seit 1948 bereits wieder eingedeckt – die welschen Turmhauben werden gerade wieder hergestellt. Die massiven Ziegeltürme hatten den Bombenhagel überstanden.
Sebastian Winkler Verlag und Bildarchiv 12 1953: Von einer Dachterrasse in der Maffeistraße aus ist die Frauenkirche zum Greifen nah. Das riesige Dach ist seit 1948 bereits wieder eingedeckt – die welschen Turmhauben werden gerade wieder hergestellt. Die massiven Ziegeltürme hatten den Bombenhagel überstanden.
1952: Dieser Herr genießt die mittelalterliche Romantik im Innenhof des Weinstadls, der mit seinem bröckelndem Charme durchaus zu bestechen weiß.
Sebastian Winkler Verlag und Bildarchiv 12 1952: Dieser Herr genießt die mittelalterliche Romantik im Innenhof des Weinstadls, der mit seinem bröckelndem Charme durchaus zu bestechen weiß.
1953: Neuhauser Straße, Ecke Ettstraße: Die Alte Akademie ist noch eine Ruine, die Fassade der Michaelskirche wird gerade wieder hergerichtet. Ganz hinten links: die Baustelle vom Kaufhof am Stachus.
Sebastian Winkler Verlag und Bildarchiv 12 1953: Neuhauser Straße, Ecke Ettstraße: Die Alte Akademie ist noch eine Ruine, die Fassade der Michaelskirche wird gerade wieder hergerichtet. Ganz hinten links: die Baustelle vom Kaufhof am Stachus.
Sebastian Winkler Verlag und Bildarchiv 12
1960 in der Müllerstraße (mit Blick aus der Thalkirchner Straße): Ein bunter Mix aus Café, Kneipe, Tanz-Café und Bar. Wenig später weicht der Behelfsbau für den Bau des Altstadtrings.
Sebastian Winkler Verlag und Bildarchiv 12 1960 in der Müllerstraße (mit Blick aus der Thalkirchner Straße): Ein bunter Mix aus Café, Kneipe, Tanz-Café und Bar. Wenig später weicht der Behelfsbau für den Bau des Altstadtrings.
Zum 800. Stadtgeburtstag 1958 ist München festlich rausgeputzt – auch im Tal. Das Isartor ist rechtzeitig wiederaufgebaut worden.
Sebastian Winkler Verlag und Bildarchiv 12 Zum 800. Stadtgeburtstag 1958 ist München festlich rausgeputzt – auch im Tal. Das Isartor ist rechtzeitig wiederaufgebaut worden.
1968: Der nagelneue "Schwarze Riese" an der Münchner Freiheit war eine astreine Bausünde. Sein Abriss 1992 allerdings dann ebenso.
Sebastian Winkler Verlag und Bildarchiv 12 1968: Der nagelneue "Schwarze Riese" an der Münchner Freiheit war eine astreine Bausünde. Sein Abriss 1992 allerdings dann ebenso.
Sebastian Winkler Verlag und Bildarchiv 12
1958: Nagelneue Nachkriegsarchitektur in der neuen Maxburg. Die Stühle mit den bunten Bändern waren legendär ungemütlich.
Sebastian Winkler Verlag und Bildarchiv 12 1958: Nagelneue Nachkriegsarchitektur in der neuen Maxburg. Die Stühle mit den bunten Bändern waren legendär ungemütlich.
Ja, 1960 waren die Winter noch richtig kalt und war der Eislauf am Kanal vor dem westlichen Nymphenburger Schlossrondell noch Standard.
Sebastian Winkler Verlag und Bildarchiv 12 Ja, 1960 waren die Winter noch richtig kalt und war der Eislauf am Kanal vor dem westlichen Nymphenburger Schlossrondell noch Standard.
1950: Blumenmarkt an der Blumenstraße – die mittelalterliche Häuserzeile am Sebastiansplatz dahinter hat den Krieg heil überstanden.
Sebastian Winkler Verlag und Bildarchiv 12 1950: Blumenmarkt an der Blumenstraße – die mittelalterliche Häuserzeile am Sebastiansplatz dahinter hat den Krieg heil überstanden.
Anstelle der 1938 abgerissenen Synagoge befindet sich 1958 der Parkplatz für den Oberpollinger – dahinter das immer noch zerstörte Künstlerhaus am Lenbachplatz.
Sebastian Winkler Verlag und Bildarchiv 12 Anstelle der 1938 abgerissenen Synagoge befindet sich 1958 der Parkplatz für den Oberpollinger – dahinter das immer noch zerstörte Künstlerhaus am Lenbachplatz.

München kurz nach dem Krieg: ein Albtraum. Über zwei Drittel der Altstadt sind durch Bomben zerstört oder beschädigt. Von allen Innenstadt-Kirchen ist gerade einmal eine, die Dreifaltigkeitskirche, unversehrt geblieben. Ein Wiederaufbau erscheint 1945 komplett undenkbar. München kurz nach dem Krieg? Ein Albtraum, aber auch: eine Touristen-Attraktion.

Neues Buch mit Farbfotos aus dem zerbombten München

"Amerikanische Touristen wollten sich nach 1945 die zerstörten Städte in Deutschland einfach anschauen", weiß Verleger Franz Schiermeier, "vor allem Köln, Frankfurt und München." Das Gute an dieser sehr frühen Ausformung von Katastrophen-Tourismus: Die US-Touris und natürlich auch die hier stationierten US-Soldaten haben viel fotografiert – und das auch noch in Farbe.

1950: Blumenmarkt an der Blumenstraße – die mittelalterliche Häuserzeile am Sebastiansplatz dahinter hat den Krieg heil überstanden.
1950: Blumenmarkt an der Blumenstraße – die mittelalterliche Häuserzeile am Sebastiansplatz dahinter hat den Krieg heil überstanden. © Sebastian Winkler Verlag und Bildarchiv

Der Münchner Sebastian Winkler hat solche farbigen Zeitdokumente aus der zerstörten Stadt über zehn Jahre lang gesammelt. Sammlungen und Nachlässe hat er in den USA gekauft – Ebay macht’s möglich. Und auf der Auer Dult schließt sich dann der Kreis. Dort kam Winkler mit Franz Schiermeier ins Gespräch – am Bücherstand von Angelika Kurth, die in der Stadt die breiteste Auswahl an München-Büchern hat. Und schlug vor, aus diesen bunten Raritäten ein Buch zu machen. "Begeistert war ich nicht gerade", erinnert sich Schiermeier – "bis ich dann die Bilder gesehen habe." Sie waren: fantastisch!

Das Ergebnis war am Ende der Schmöker "München farbig 1946 bis 1965 – vom Trümmerfeld zum U-Bahnbau". 300 Seiten mit 270 Abbildungen, die einen kaum mehr loslassen. Der Preis von 34 Euro ist hierfür wirklich ein Schnäppchen.

In der Architekturgalerie wurden die Fotos in einer Ausstellung im vergangenen Jahr erstmals vorgestellt – sie wurde ein gigantischer Erfolg. "Sehr viele Ältere sind damals gekommen und haben sehr emotional reagiert", erinnert sich der Verleger. "Die Farbe hat dabei eine sehr große Rolle gespielt – weil dadurch die Distanz zum Gesehenen weggefallen ist." Es hätten wohl auch die persönlichen Erinnerungen der alten Münchner eine große Rolle gespielt.

Wie eine surreale Zeitreise durch das alte München

So gerät die Durchsicht der farbigen Zeitdokumente zur unglaublichen, fast schon surrealen Zeitreise. Angefangen von der unfassbaren Zerstörung vor allem in der Altstadt, rund um den Hauptbahnhof, in Schwabing oder in der Au, dann die riesigen, vom Schutt freigeräumten Flächen in der Stadt bis hin zu den zarten Anfängen des Wiederaufbaus, wenn etwa der Chor der Michaelskirche einen neuen Dachstuhl bekommt, während das Langhaus noch komplett ohne Dach und Gewölbe zu sehen ist. Es endet beim vorläufigen Schlusspunkt im Buch, mitten im Wirtschaftswunder, der die Stadt fast schon wieder komplett – und wieder sehr lebens- und liebenswert – aussehen lässt. Was noch auffällt, ist ein besonderes Charakteristikum des Münchner Wiederaufbaus: die vielen ebenerdigen Behelfsbauten, die überall dort entstanden sind, wo der Bombenkrieg nichts mehr übriggelassen hatte.

Diese Bauten sollten noch lange das Stadtbild prägen – sind heute aber so gut wie vollständig verschwunden. Bis auf ganz wenige prominente Ausnahmen: "Das Lindwumstüberl ist noch so ein Relikt", sagt Schiermeier.

Anstelle der 1938 abgerissenen Synagoge befindet sich 1958 der Parkplatz für den Oberpollinger – dahinter das immer noch zerstörte Künstlerhaus am Lenbachplatz.
Anstelle der 1938 abgerissenen Synagoge befindet sich 1958 der Parkplatz für den Oberpollinger – dahinter das immer noch zerstörte Künstlerhaus am Lenbachplatz. © Sebastian Winkler Verlag und Bildarchiv

Irgendwie kein Wunder, dass das Buch inzwischen so viele Anhänger gefunden hat. Und selbst eine Fortsetzung dieser farbigen Foto-Schätze angedacht ist. Freunde von anspruchsvollen München-Büchern wird’s freuen. Wobei gerade sie in den etablierten Buchhandlungen der Stadt immer seltener fündig werden. "Das München-Sortiment ist dort nur noch sehr marginal", weiß auch Franz Schiermeier, "für mich als Verleger ist das schon sehr schlecht."

Weshalb sich inzwischen sieben Verlage – Schiermeier, Hirschkäfer Verlag, Morisken Verlag, Susanna Rieder Verlag, Austernbank Verlag und die Edition Tingeltangel – zu einer Marke zusammengeschlossen haben: Als "Münchner Buchmacher" versuchen sie, dass das anspruchsvolle München-Sortiment auch künftig in der Stadt sichtbar bleibt, auch wenn sie der etablierte Buchhandel mehr und mehr auslistet.

In einem Pop-Up-Laden haben sich die Buchmacher jüngst in einem kleinen Laden im Neuen Rathaus präsentiert – der Zuspruch war enorm. Für Franz Schiermeier eine Bestätigung: "Auch wenn sie kaum noch versorgt werden – es gibt genügend Leute, die das Thema München interessiert." Sein Ziel ist ein "München-Laden" – der Oberbürgermeister ist bereits kontaktiert. 

Weitere Bilder finden Sie in unserer Fotostrecke.


"München farbig, 1946 – 1965, Vom Trümmerfeld zum U-Bahnbau", erschienen im Franz Schiermeier Verlag München zum Preis von 34 Euro. Erhältlich direkt beim Verlag: www.franz-schiermeier- verlag.de, Waltherstr. 28, 80337 München, Telefon: 089 / 599 477 51

 

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