München hängt Berlin ab: Der neue Start-up-Gigant – vor allem beim Thema Verteidigung

Die Neugründungen in München haben 2025 deutlich zugelegt und zuletzt wurde in sie mehr Geld gesteckt als in die Start-ups in Berlin. Was die Stadt als Standort so interessant macht – und was sie von Berlin lernen kann.
Maximilian Neumair |
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München bietet als Standort für Start-up-Unternehmen viele Vorteile. Einer davon: die Nähe zu großen Firmen wie BMW, die sie als Kunden gewinnen können.
München bietet als Standort für Start-up-Unternehmen viele Vorteile. Einer davon: die Nähe zu großen Firmen wie BMW, die sie als Kunden gewinnen können. © Dreamstime/GoranJaku (www.imago-images.de)

Wer ein Unternehmen aus dem Boden stampfen will, braucht das passende Umfeld. Das finden ambitionierte Gründer schon lange nicht nur in Berlin: München ist in den vergangenen Jahren aus dem Schatten der Hauptstadt getreten. Das Investitionsvolumen der Region München lag zwischen 2018 und 2020 noch bei 3,2 Milliarden Euro, hat sich seitdem aber verdoppelt. In Berlin hingegen gingen die Investitionen im gleichen Zeitraum um 19 Prozent zurück.

Auch bei den Neugründungen legt München zu: 2025 wurden 290 neue Start-ups gegründet – ein Plus von 43 Prozent gegenüber dem Vorjahr und damit weit über dem bundesweiten Schnitt (29 Prozent), wie eine am Dienstag vorgestellte Auswertung der bayerischen Industrie- und Handelskammer (IHK) und des "Startup-Verbands" zeigt.

Investments in Verteidigungs-Start-ups: München übertrifft London

München macht 39 Prozent der bayerischen Start-up-Aktivitäten aus und ist damit das zweitgrößte Start-up-Ökosystem Deutschlands. Die Stadt ist führend im Sicherheits- und Verteidigungssektor sowie im Bereich Deeptech – gemeint sind zukunftsweisende Innovationen auf Basis neuer wissenschaftlicher Forschungsergebnisse.

Im stark wachsenden Verteidigungssektor flossen zwischen 2023 und 2025 über 1,7 Milliarden Euro in Münchner Start-ups – das ist europäische Spitze, gefolgt von London mit nur 230 Millionen Euro.

Aber warum ist ausgerechnet München in diesen Bereichen so gut aufgestellt? Alexander Hirschfeld vom "Startup-Verband" sagt der AZ: "Ein ganz wichtiger Grund ist, dass München so stark ist in der Zusammenarbeit mit Forschung und Entwicklung." Vor der Haustür liegen etwa die Technische Universität München (TUM), die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und die Universität der Bundeswehr München, die zugleich einer der vielen Bundeswehr-Standorte in der Stadt ist.

Siemens, BMW und Co als Kundschaft

"Das andere ist natürlich die Stärke der etablierten Wirtschaft", sagt Hirschfeld. Große Fische wie Siemens, BMW, Infineon und Co. haben ihren Sitz gleich um die Ecke und sind potenzielle Kundschaft, die "relativ schnell für erste Umsätze sorgt".

Von diesem Umfeld profitiert etwa das Münchner Unternehmen Marvel Fusion, das 2019 als Start-up gegründet wurde und seitdem eine laserbasierte Kernfusion zur sauberen Energiegewinnung entwickelt. Die operative Geschäftsführerin (COO) Heike Freund sagt der AZ: "Wir arbeiten mit starken Industriepartnern und Universitäten zusammen, zum Beispiel mit Siemens Energy und der LMU."

Heike Freund ist COO der Münchner Firma Marvel Fusion. Die Firma arbeitet an kommerzieller Kernfusion.
Heike Freund ist COO der Münchner Firma Marvel Fusion. Die Firma arbeitet an kommerzieller Kernfusion. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur (www.imago-images.de)

Außerdem helfe der Firma das internationale Ökosystem in München, wodurch sich Talente aus aller Welt gewinnen lassen. "Unsere 100 Mitarbeiter kommen aus 26 verschiedenen Nationen."

Trotz der vorteilhaften Umgebung gibt es auch Stellen, wo der Schuh drückt. In nur 46 Prozent der Münchner Start-ups ist die primäre Arbeitssprache Englisch, in Berlin sind es dagegen 67 Prozent. Kommunikation auf Englisch hilft, Top-Talente aus dem Ausland anzuwerben. Hirschfeld vom "Startup-Verband" empfiehlt deshalb den Jungunternehmen, vom ersten Tag an nur Englisch zu sprechen. "Da kann sich München von Berlin sicherlich eine Scheibe abschneiden", sagt er.

Start-ups: "Herausforderung, mit China und USA mitzuhalten"

Auch bei der Mittelbeschaffung könnte es besser laufen: Zwar ist die Gründungsfinanzierung laut IHK-Bayern-Chef Manfred Gößl gut aufgestellt, aber nicht die Wachstumsfinanzierung. "Unsere Herausforderung ist, mit China und einigermaßen mit den USA mitzuhalten. Das können wir nicht mehr auf nationaler Ebene, das ist völlig ausgeschlossen", sagt Gößl.

Deshalb brauche es eine europäische Kapitalmarktunion, wodurch Investoren leichter über EU-Grenzen hinweg in Firmen investieren können. Zudem müsste laut Hirschfeld mehr vorhandenes Kapital, etwa von Versicherungen oder Pensionskassen, in den Wagnisbereich fließen. Das heißt: in junge Start-ups, die ein hohes Wachstumspotenzial, aber eben auch ein hohes Ausfallrisiko haben.

Marvel-Fusion: "Wir haben viele Talente von Lilium eingestellt"

Das wäre wichtig, damit Unternehmen in Deutschland nicht nur entstehen, sondern auch wachsen und dauerhaft Arbeitsplätze schaffen, die die wegbrechenden Jobs in der Industrie auffangen können. Stattdessen beschreibt Marvel-Fusion-COO Freund die Lage in den Wachstumskapitalrunden so: "Unternehmen müssen leider Kapital aus dem Ausland annehmen und teilweise auch ins Ausland abwandern."

Ein wichtiges Zeichen für eine Veränderung ist laut Hirschfeld die von der Ampelregierung ins Leben gerufene Win-Initiative. Die dabei teilnehmenden Unternehmen haben sich verpflichtet, bis 2030 zwölf Milliarden Euro in den Wagniskapitalmarkt zu investieren.

Ein Wissenschaftler zeigt eine Laserlinse. Die LMU arbeitet eng mit der Münchner Firma Marvel Fusion zusammen, die eine laserbasierte Kernfusion entwickelt.
Ein Wissenschaftler zeigt eine Laserlinse. Die LMU arbeitet eng mit der Münchner Firma Marvel Fusion zusammen, die eine laserbasierte Kernfusion entwickelt. © IMAGO/Sachelle Babbar (www.imago-images.de)

Und damit womöglich auch in Unternehmen, die scheitern. Freund ruft jedoch dazu auf, in Deutschland davor weniger Angst zu haben. "Wir haben zum Beispiel viele Talente von Lilium bei uns eingestellt. Das sind Mitarbeiter, die extrem viel gelernt haben und tolle Qualifikationen sowie Erfahrungen im Aufbau eines Unternehmens mitbringen." Das zeigt: Große Pleiten stärken andere Start-ups und die Mitarbeiter bleiben zugleich im Münchner Ökosystem.

Freund ist sich außerdem sicher: "Wenn es kein Scheitern gäbe, dann war die Messlatte nicht hoch genug." Marvel-Fusion ist etwa ein Beispiel für eine hohe Messlatte: Das Unternehmen hat sich schließlich die Kommerzialisierung der Fusionsenergie zum Ziel gesetzt. Freund sagt: "Das ist aktuell eine der größten Herausforderungen der Menschheit." Um gegen die internationale Konkurrenz zu bestehen, müssen sich bayerische Start-ups eben diesen Themen widmen.

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