München: Der standhafte Mieter vom Wedekindplatz

Ein neuer Eigentümer will, dass die Mieter der Occamstraße ausziehen. Ein Letzter bleibt – und erringt einen Sieg.
| Lea Kramer
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Die Pizzeria hat die Segel gestrichen. Ihr Gewerbemietvertrag wurde nicht mehr verlängert.
Lea Kramer 2 Die Pizzeria hat die Segel gestrichen. Ihr Gewerbemietvertrag wurde nicht mehr verlängert.
Die Schreibwaren werden seit Jahrzehnten nicht mehr verkauft. Der Kiosk hat erst kürzlich geschlossen.
Lea Kramer 2 Die Schreibwaren werden seit Jahrzehnten nicht mehr verkauft. Der Kiosk hat erst kürzlich geschlossen.

München - Er hat in Spanien gedreht, in den Vereinigten Staaten gelebt: Daheim ist Burkhard Stolla am Wedekindplatz. Und da will er auch bleiben – am liebsten bis zum Ende. Für das Vorhaben sah’s schon mal schlechter aus, denn kürzlich hat sich Stolla gegen einen Immobilieninvestor gewehrt. Mit Erfolg!

Genau genommen, wohnt der 65-Jährige seit 33 Jahren im Eckhaus an der Occamstraße. Bückt er sich aus dem Fenster, schaut er auf den Drugstore und die schiefe Laterne der Schwabinger Gisela. Premiumlage, nennen Makler so einen Standort, und lassen sich gutes Geld für die Vermittlung einer Immobilie im Herzen von Altschwabing bezahlen.

Die Pizzeria hat die Segel gestrichen. Ihr Gewerbemietvertrag wurde nicht mehr verlängert.
Die Pizzeria hat die Segel gestrichen. Ihr Gewerbemietvertrag wurde nicht mehr verlängert. © Lea Kramer

Münchner wehrt sich erfolgreich gegen Immobilieninvestor

Zweiter Stock. 50 Quadratmeter. Winzige Durchgangsküche. Geteilter Flur, geteiltes Bad. Drei Jahrzehnte Herzblut hat der frühere Kulissenschreiner in sein Heim investiert. "Es war eine Bruchbude. Die Gardinen hingen in Fetzen vom Fenster, als ich einzog", sagt er. Inzwischen ist fast jeder Zentimeter der hohen Altbauwände ausgenutzt.

Im Schlafzimmer hat Stolla eine rote Brokattapete angebracht, die Leisten an der Wand hat er in derselben Farbe gestrichen. Das Bett unter dem feurigen Himmel ist ein einzigartiges Gebilde. Bunte Glassteinchen hat Stolla zu Mosaiken und Türmchen einzeln aufgeklebt. Wohin das Auge wandert, überall Erinnerungen: "Hier stecken viele Arbeitsstunden drin."

Zeit, die ein Investor mit Geld aufzuwiegen glaubte. Die Altschwabing Projekt GmbH hat das gesamte Gebäude 2018 gekauft. Einige Wohnungen standen bereits leer, andere Mieter akzeptierten Handgeld, damit sie ausziehen. In München werden bei solchen Geschäften häufig fünfstellige Summen unter dem Tisch durchgereicht. Investoren kalkulieren das inzwischen in ihre Budgets ein.

"Ich würde auch das Doppelte bezahlen"

Für Stolla war das keine Option. Für seine Wohnung zahlt er knapp 200 Euro Miete – auch, weil er die Wohnung beim Einzug mit Sanitäranlagen ausgestattet hat. Es ist ein unschlagbarer Preis. "Ich würde auch das Doppelte bezahlen", sagt er, "aber selbst dafür finde ich nichts." Deshalb holt er sich Beistand von Nachbarn und dem Verein "Pro Schwabing", als der Immobilienentwickler vor der Tür steht. Die Initiative hat bisher 500 Unterschriften für den Erhalt des Gebäudes gesammelt, das zwar Teil eines Ensembles, aber kein Einzeldenkmal ist.

"Das Treppenhaus mit seinem tollen Geländer und die ursprünglichen Fenster mit Originalgriffen sind unbedingt erhaltenswert", sagt Birgit Sasowski von Pro Schwabing. Sie appelliert an die Eigentümer historischer Häuser. Sie sollten deren Wert erkennen und sie dann "nachhaltig und behutsam" sanieren – und das sozialverträglich. Das Landesamt für Denkmalpflege will prüfen, ob das Haus Einzeldenkmal werden könnte. Der Fall sei aber noch nicht abschließend geklärt, heißt es von der Behörde.

Generalkonservator Mathias Pfeil äußerte sich unlängst kritisch über den Denkmalschutz als Mittel der Stadtgestaltung: "Es gibt die verbreitete Ansicht, dass der Denkmalschutz – gerade in den historischen und von Gentrifizierung bedrohten Stadtvierteln – die letzte Möglichkeit ist, Veränderungsprozesse, die einfach einen Gutteil der Normalität darstellen, aufhalten oder verhindern zu können", sagte er der "SZ".

Die Schreibwaren werden seit Jahrzehnten nicht mehr verkauft. Der Kiosk hat erst kürzlich geschlossen.
Die Schreibwaren werden seit Jahrzehnten nicht mehr verkauft. Der Kiosk hat erst kürzlich geschlossen. © Lea Kramer

Mieter hat nie Kündigungsschreiben bekommen

Ein Kündigungs- oder Modernisierungsschreiben hat Stolla nie bekommen. Das Planungsreferat weiß, was der Investor will. "Seit Ende Juni liegt ein Vorbescheidsantrag zur Aufstockung eines Wohn- und Geschäftshauses, den Einbau eines Aufzugs und den Anbau von Balkonen vor", heißt es. Dieser Antrag werde geprüft.

Der Besitzer hat angekündigt, dass er im Frühjahr sanieren will. Stolla könnte darüber hinaus bleiben. Seine Miete wird angepasst – "nach den gesetzlichen Regeln", heißt es von den Projektentwicklern.

Lesen Sie hier: Münchner Mieterstammtisch - Frust in allen Schichten

Lesen Sie hier: Entwicklung der Mieten in München - Preise um das 5,5-fache gestiegen

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – mitdiskutieren Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren