Mord in München nach 21 Jahren aufgeklärt

Im November 1990 wurde ein 50 Jahre alter Angestellter tot mit Verletzungen an Kopf und Hals in seiner Wohnung aufgefunden. Jetzt ist der Fall gelöst. Ein Ungar wurde festgenommen.
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Die Polizei sperrt den Tatort ab (Symbol)
dpa Die Polizei sperrt den Tatort ab (Symbol)

Im November 1990 wurde ein 50 Jahre alter Angestellter tot mit Verletzungen an Kopf und Hals in seiner Wohnung aufgefunden. Jetzt ist der Fall gelöst. Ein Ungar wurde festgenommen.

München – Die Polizei hat einen Mord in München nach 21 Jahren offenbar aufgeklärt. Ein 38 Jahre alter Mann wurde unter dem dringenden Verdacht festgenommen, im Jahr 1990 einen 50 Jahre alten Angestellten getötet zu haben. Die Staatsanwaltschaft München will Mordanklage erheben.

Der 50-Jährige war damals tot in seiner Wohnung gefunden worden, nachdem er vier Tage lang nicht zur Arbeit erschienen war. Kopf und Hals wiesen massive Verletzungen auf. Eine Flasche wurde neben der Leiche gefunden. Wie genau der Mann starb, dazu wollte sich die Polizei am Freitag nicht äußern. Der Leiter der Mordkommission, Martin Kraus, sprach von „massiver Gewalteinwirkung gegen Kopf und Hals“. Dabei seien auch Tücher im Einsatz gewesen. 1990 hatte die Polizei angegeben, der Mann sei erschlagen und erwürgt worden.

Die Geldbörse des Mannes und ein wertvoller silberner Schlüsselanhänger mit zwei gekreuzten Schwertern fehlten. Die Polizei ging von Anfang an von einem Gewaltverbrechen aus und ermittelte auch in einschlägigen Bars der Homosexuellen-Szene. Das verwitwete Opfer soll schwul gewesen sein.

Die Polizei hat nun wohl endlich den mutmaßlichen Täter gefunden, wie die Beamten am Freitag mitteilten. Ein damals 17-Jähriger, der sich seinen Lebensunterhalt nach Polizeiangaben offensichtlich als Stricher verdiente, soll den Mann getötet haben – aus Habgier und heimtückisch, davon geht die Staatsanwaltschaft aus. Weil sich auch nach der Aussetzung einer Belohnung von 5000 D-Mark keine heiße Spur auftat, wurde der Fall zu den Akten gelegt. Im Jahr 2010 wurde er aber – wie zahlreiche andere ungeklärte Mordfälle in München - aufgrund neuer technischer Möglichkeiten wieder aufgerollt.

Auf die Spur des heute 38 Jahre alten Ungarn kamen die Beamten durch Zufall. Bei einer Verkehrskontrolle in Baden-Württemberg fiel er wegen des Besitzes eines nach dem Waffengesetz verbotenen Gegenstandes auf. Seine Daten wurden bei der Überprüfung alter, unaufgeklärter Mordfälle mit DNA-Spuren vom Tatort verglichen: Treffer. Bereits im Juli 2011 wurde der Mann, der nach Polizeiangaben mit Frau und Kind in Ungarn lebt und in der Gastronomie tätig ist, festgenommen. Die Polizei machte die Festnahme erst jetzt öffentlich, um die Ermittlungen nicht zu gefährden.

Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch bestritt der Beschuldigte zunächst, das Opfer gekannt zu haben und jemals in dessen Wohnung gewesen zu sein. Im Laufe der Befragungen revidierte er diese Aussage etwas und gab an, er könne sich nicht erinnern. Weil der Ungar zum Tatzeitpunkt erst 17 Jahre alt war, wird im nach Jugendstrafrecht der Prozess gemacht. „Es ist jetzt egal, ob der Mann 38 Jahre alt ist. Er könnte auch 80 sein“, sagte Steinkraus-Koch. Die Höchststrafe beträgt dann im Falle einer Verurteilung zehn Jahre. Der Prozess wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

Dieser Fall dürfte nicht der letzte der erst nach vielen Jahren aufgeklärten Mordfälle in München bleiben. Die Arbeitsgemeinschaft Altfälle bearbeitet nach Angaben von Martin Kraus 110 Fälle, die bis ins Jahr 1970 zurückreichen. 21 davon konnten dank neuer technischer Möglichkeiten geklärt werden, acht wurden als ungeklärt abgelegt. 81 Fälle sind noch offen.

Lesen Sie hier den Polizeibericht:

 

Ein Mord zum Nachteil eines damals 50-jährigen technischen Angestellten aus dem Jahr 1990 konnte nach intensiven Ermittlungen im Rahmen der Altfallbearbeitung durch die Mordkommission München geklärt werden.

Nachdem das spätere Opfer, ein verwitweter Deutscher, seit vier Tagen nicht an seinem Arbeitsplatz erschien, erfolgte am 20.11.1990 auf Veranlassung eines Vorgesetzten die Wohnungsöffnung durch die Polizei. In der Folge konnte die Leiche des technischen Angestellten in seinem Appartement in einem Wohnhaus in der Münchner Mülhauser Straße aufgefunden werden.

Im Ergebnis der noch am gleichen Tag durchgeführten Obduktion im Institut für Rechtsmedizin der LMU München verstarb das Opfer infolge massiver Gewalteinwirkung gegen den Kopf- und Halsbereich.

Nach Stand der damaligen Ermittlungen war die Tatzeit Mitte November. Ferner ergaben sich Hinweise auf die homosexuelle Veranlagung des Opfers und Besuche einschlägiger Lokale. Da auch der Verbleib von Wertgegenständen nicht geklärt werden konnte, ging die Kriminalpolizei von einem Raubmord aus.

Trotz Auslobung einer Belohnung in Höhe von damals 5.000 DM sowie intensiver Ermittlungen konnte kein Tatverdächtiger ermittelt werden.

Im Rahmen der sog. „Altfallbearbeitung“ befasste sich die Mordkommission München sowie die AG Altfälle des Kommissariats für Spurensicherung beim Polizeipräsidium München im Herbst 2010 erneut mit dem Mordfall. Dabei kam es auch zu einer kriminaltechnischen Überarbeitung des vorhandenen Spurenmaterials. Dies führte zu tatrelevanten daktyloskopischen sowie DNA-Spuren.

Mitte 2011 kam es dann im automatisierten Fingeridentifizierungssystems (AFIS) zu einem sog. „Spur- Person-Treffer“ zwischen Fingerspuren vom Tatort und den aufgrund eines aktuellen Verfahrens in Baden-Württemberg neu abgenommenen Fingerabdrücken eines heute 38-jährigen, verheirateten Ungarn.

Aufgrund des vorliegenden Ermittlungsstandes konnte durch die Staatsanwaltschaft München I beim zuständigen Ermittlungsrichter ein Haftbefehl wegen Mordes erwirkt werden.

Da der Tatverdächtige in Deutschland keinen Wohnsitz hatte und offenbar zwischen Frankreich, Ungarn und Deutschland pendelte, übernahm die Zielfahndung des Polizeipräsidiums München die Fahndungsmaßnahmen. Diese führten dazu, dass die Zielperson am 01.07.2011 auf der Autobahn Nähe Hengersberg durch Münchner Zielfahnder verhaftet werden konnte.

Bei seinen Vernehmungen durch die Mordkommission München bestreitet er die Tat, in der Wohnung will er auch nie gewesen sein. Auch das Opfer will er nicht gekannt haben. Er räumte letztendlich ein, in den 1990er Jahren in München im Homosexuellenmilieu verkehrt zu haben. Die vorliegenden daktyloskopischen Spuren konnte er aufgrund seiner Angaben jedoch nicht schlüssig erklären. Bei seiner Vernehmung war er mit der freiwilligen Abgabe einer Speichelprobe einverstanden. Bei der anschließenden Auswertung ergaben sich Übereinstimmungen mit tatrelevanten DNA-Spuren am Tatort.

Der Tatverdächtige befindet sich seitdem in Untersuchungshaft.

 

 

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