Monacensia: Die neue alte Büchervilla

Rund 9,3 Millionen Euro hat die Stadt in die Renovierung der Monacensia investiert, a 9. Dezember wird sie wieder eröffnet. Die AZ hat sich bereits umgesehen.
| Christa Sigg
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Monacensia-Leiterin Elisabeth Tworek vor dem frisch sanierten Hildebrandhaus. Es steht im Stadtteil Bogenhausen nahe dem Friedensengel.
Daniel von Loeper Monacensia-Leiterin Elisabeth Tworek vor dem frisch sanierten Hildebrandhaus. Es steht im Stadtteil Bogenhausen nahe dem Friedensengel.

Rund 9,3 Millionen Euro hat die Stadt in die Renovierung der Monacensia investiert, a 9. Dezember wird sie wieder eröffnet. Die AZ hat sich bereits umgesehen.

München - Man weiß gar nicht so recht, wo man sich hinsetzen will. Ins lichte Atelier oder gleich nebenan ins Café, das von der hellen Wintersonne durchspült wird? In die bequemen Lesesessel im Obergeschoss oder vielleicht doch ins abgeschiedene Turmzimmer mit Aussicht?

„Das ist schon reserviert“, unterbricht Elisabeth Tworek, die Leiterin der Monacensia, die Überlegungen. „Hier darf sich ein Professor niederlassen, der an einer Werkausgabe Frank Wedekinds schreibt.“ Wer das dann ist, wird sich bestimmt bald zeigen, die dunkel getäfelte Stube gehört zu den schönsten Plätzen im frisch renovierten Hildebrandhaus.

Am Isarhochufer in Bogenhausen sitzt das 150 000 Bände starke „Literarische Gedächtnis der Stadt München“, in das man ab nächsten Freitag endlich wieder eintauchen darf. Wobei dieses „Erinnerungsvermögen“ natürlich immer funktioniert hat. Ein Archiv – und das ist im Fall der Monacensia mit mehr als 200 Nachlässen und um die 350 000 weiteren Dokumenten beträchtlich – muss ja weiterhin zugänglich sein. Zumal, wenn es um die Säulenheiligen des literarischen Münchens geht, also um Frank Wedekind und Oskar Maria Graf, um Annette Kolb und die freizügige Gräfin zu Reventlow, um Lion Feuchtwanger und natürlich den alles überragenden Thomas Mann sowie dessen auch nicht gerade schreibfaule Sippe.

Drei Jahre wurde das Haus umgebaut

Seit Herbst 2013 wurde die ehemalige Künstlervilla Adolf von Hildebrands (1847-1921) grundlegend saniert, und das war bitter nötig. Einige Räume konnten aus statischen Gründen gar nicht mehr genutzt werden, deshalb hat sich jetzt nach der Überholung die für die Monacensia bespielbare Fläche mit 780 Quadratmetern mehr als verdoppelt. Und man bemerkt sofort die neue Luftigkeit. Kein Bereich mehr ist eng oder verstellt, das wird sich auch nicht ändern, wenn Wissenschaftler an den modernen PC-Arbeitsplätzen grübeln und sich die Bücherregale weiter füllen mit noch ziemlich lebendigen Münchner Autoren von Friedrich Ani bis Uwe Timm, Lena Gorelik, Hans Pleschinski oder Dagmar Leupold.

Dazu kommt die vom Architekten Lorenz Wallnöfer realisierte Öffnung des Hauses, die vor allem von einem gläsernen Anbau samt neuem Eingang auf der Südseite markiert wird. Durch diese Art Wintergarten – hier kann man die gastronomische Pause einlegen – konnte die ursprüngliche Atelieratmosphäre wieder hergestellt werden. Denn die bislang zugemauerten riesigen Tore sind jetzt durchgängig. An den Wänden hängen typische Reliefs des Deutschrömers Hildebrand, der München den monumentalen Wittelsbacher Brunnen beschert hat. Allerdings sieht man hier überschaubar Intimes wie einen „Lauten spielenden Engel“ (1879) oder „Adam und Eva“ (1901). Im alten Atelier hat der mittlerweile 85-jährige Bildhauer Martin Mayer (Eber vor dem Jagd- und Fischereimuseum) noch bei Hildebrands Schüler Theodor Georgii gelernt, um sich beim Wiederaufbau des erwähnten Brunnens nach dem Krieg gleich fachkundig nützlich zu machen.

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Wie es sich für ein Haus der Literatur gehört, ist in diesem großzügigen Raum auch nach der Renovierung eine stattliche Büchersammlung untergebracht. Die Bibliothek des emigrierten Peter de Mendelssohn zählt zu den Kostbarkeiten der Monacensia, sein literarischer Nachlass zu den wichtigsten Quellen der Thomas-Mann-Forschung. Von diesem einladenden Forum aus gleitet man ins sinnliche Zentrum des Hauses mit der Dauerausstellung – und schaut schon wieder auf eine Laute.

Man möchte sofort einziehen

Frank Wedekind hat auf dem bauchigen Instrument seine unverschämten Lieder begleitet. Damit blüht die wildeste Zeit der Stadt auf. Elisabeth Tworek, die hier einen anregend-kurzweiligen Rundgang kuratiert hat, lässt das heute so gediegen brave München mächtig schillern. In Wort und Bild und Ton, den man sich nach Bedarf ans Ohr ziehen kann, feiert die Bohème der 10er und 20er Jahre wilde Partys. Man wundert sich, dass die Damen und Herren überhaupt noch zur Feder greifen konnten, bei all den vollen Gläsern und leeren Flaschen, zwischen Revue und Brettl und bitterbösem Scharfrichter-Kabarett.

Wie gut, dass es damals auch „Menschen von Erziehung“ gab, die „saubere Wäsche und einen heilen Anzug“ trugen und keine Lust darin empfanden „mit ungepflegten jungen Leuten an absinthklebrigen Tischen anarchische Gespräche zu führen“. Aus den „Buddenbrooks“ wäre andernfalls nie etwas geworden, das hat Thomas Mann klar erkannt – und sich fern gehalten von Schwabinger Exzessen und „mühsamen“ Konspirationen. Dennoch wurde aus dem unterkühlt distinguierten Tommy aus Lübeck ein für seine Verhältnisse leidenschaftlicher Münchner. Der Stadt sei er „von Herzen zugetan“, schrieb er 1955 wenige Wochen vor seinem Tod an Oberbürgermeister Thomas Wimmer.

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Zwischen „Bohème und Exil“ hat sich unfassbar viel getan im literarischen München der Thomas-Mann-Ära. Obwohl die neue Dauerschau keineswegs überladen ist und vor allem Lust machen soll, tiefer zu schürfen, kann man auf den paar Quadratmetern leicht der Zeit abhanden kommen. Und eines der 150 000 Bücher der Bibliothek eben später lesen. Oder nachsehen, ob im Turmzimmer tatsächlich ein Professor unter den Deckenfresken residiert, die die Hildebrand-Töchter ihrem Vater gemalt haben. Die 9,3 Millionen Euro für die Sanierung sind jedenfalls fein angelegt. Man möchte sofort einziehen in die neue alte Büchervilla.

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