Interview

Mit dem Handbike die Alpen überquert: Querschnittsgelähmter Münchner über das Abenteuer seines Lebens

Der ehemalige Mountainbike-Profi Tarek Rasouli ist seit einem Unfall querschnittsgelähmt - trotzdem hat er nun mit einem Handbike die Alpen überquert. In der AZ spricht der Münchner über seinen Trip.
von  Thomas Becker
"Tarek, langsamer bitte!": Laut Rasouli macht sich sein Mitfahrer Danny MacAskill durchaus mal Sorgen um ihn. Bei Szenen wie diesen sind diese Gedanken aber durchaus nachvollziehbar.
"Tarek, langsamer bitte!": Laut Rasouli macht sich sein Mitfahrer Danny MacAskill durchaus mal Sorgen um ihn. Bei Szenen wie diesen sind diese Gedanken aber durchaus nachvollziehbar. © Rasoulution

AZ: Herr Rasouli, seit fast 25 Jahren sitzen Sie im Rollstuhl, nach einem Sturz nach einem 17-Meter-Sprung mit dem Mountainbike. Wo andere Rollstuhlfahrer froh sind, wenn sie von A nach B kommen, sind Sie unlängst mal eben mit dem Handbike über die Alpen gekurbelt, von München zum Gardasee. Wie geht das?
TAREK RASOULI: Nur dank meines speziellen Bikes: ein Bowhead mit dem modernsten Bosch-Motor als Elektro-Unterstützung. Im Prinzip ist das ein adaptives Mountainbike: vorne zwei 24-Zoll-Räder und hinten ein 27,5-Zoll-Rad, voll gefedert und mit Scheibenbremsen. Ohne elektrische Unterstützung wäre das unmöglich, gerade bei den steilen Bergen. Heißt aber nicht, dass es nicht anstrengend war und ich vorher nicht auch ordentlich trainieren musste. So viele Höhenmeter und dann auch noch Bikepark fahren: Das war schon extrem anstrengend.

Sie waren mit dem Handbike im Bikepark? Doch nicht etwa Schanzen springen?
Riesensprünge waren es auf dieser Tour jetzt nicht gerade. Letztes Mal in Kanada bin ich ein bisschen höher gesprungen. Aber ich bin jetzt einfach so viele Trails gefahren, hab’ dann manchmal am Tag danach versucht, mich zu erinnern, wo ich überall gefahren bin, und das war gar nicht so einfach.

Tarek Rasouli
Tarek Rasouli © ho

Wie war Ihre Route?
Von München aus über Garmisch ins Ötztal, Zwischenstopp auf dem Pumptrack der Area 47, dann hoch in die "Bike Republic Sölden" und über das Timmelsjoch runter nach Meran. . .

Abschiedsfoto vor dem Olympiaturm: In München begann die große Reise.
Abschiedsfoto vor dem Olympiaturm: In München begann die große Reise. © Rasoulution

Das erzählen Sie so locker nebenher: mit dem Handbike über das fast 2500 Meter hohe Timmelsjoch! Und hinten wieder runter!
Ja, das sind schon 1300 Höhenmeter am Stück, die man da hochfährt und wieder runter nach Italien. Was ich bei der Abfahrt da runter gemerkt habe: Diesen "need for speed" habe ich in all den Jahren im Rollstuhl nicht verloren. Danny musste öfter mal sagen: "Tarek, langsamer bitte!" Der hatte richtig Angst um mich.

Ihr Mitfahrer: Danny MacAskill, der weltbeste Bike-Trail-Fahrer, dessen akrobatische Videos millionenfach geklickt werden.
Er hat mich die ganze Tour über begleitet. Wir kennen uns seit 17 Jahren, meine Agentur Rasoulution macht sein Management. Er hat unterwegs ein bisschen auf mich aufgepasst, mich gebremst, wenn ich im Bike-Park ein wenig übermütig geworden bin. Andererseits hab’ ich mir manchmal auch Sorgen um ihn gemacht, wegen seiner Faxen, die er immer macht.

© Rasoulution

"Ein richtig schöner Freundesausflug war das"

Was für Faxen denn?
Der fährt ja nicht wie der normale Radfahrer einfach über eine Brücke, sondern gern auch mal über das superschmale Brückengeländer, zig Meter über dem Fluss. Da hab’ ich dann auch gesagt: "Danny, du musst das jetzt nicht machen. . ." Aber er hat’s natürlich trotzdem gemacht. Für ihn ist das Geländer ungefährlicher als mit dem Auto auf der Autobahn. Er meinte nur: "Was du gemacht hast, ist viel krasser." Ein richtig schöner Freundesausflug war das. Eigentlich auch eine Art Legenden-TransAlp, mit Leuten wie Mountainbike-Pionier Uli Stanciu, der uns eine super Route durch die italienischen Weinberge konzipiert hat. Oder auch Downhill-Weltmeister Greg Minnaar, der im Bikepark zu uns stieß.

Was können Sie mit Ihrem 45 Kilo schweren Gefährt denn im Bike-Park anstellen?
Manchmal war das schon ein bisschen wild und verrückt. In Sölden gab es noch so einen schmalen Trail, wo man gedacht hat ‚Das wird wahrscheinlich mit diesem Rad nicht möglich sein." Aber es ging dann doch. Das Fahrrad nennt sich ja Bowhead, hat vorne zwei Räder und hinten eins. Die zwei Räder fahren nicht gerade in die Kurve, sondern du legst sie rein. Das funktioniert vor allem über Gewichtsverlagerung, fast wie Wedeln beim Skifahren, weil man viel aus der Hüfte heraus machen muss. Das heißt, der ganze Sitz schwingt frei, und damit ist es halt ein Gleichgewichtsthema - und Gleichgewicht ist schwierig, wenn man wie ich die Beine nicht bewegen kann. Das Bike ist zwar schon einigermaßen wendig, aber halt auch insgesamt knapp zwei Meter lang. Aber irgendwann am Nachmittag des ersten Tages hatte ich so ein Flow-Gefühl, es ging immer besser, und am Ende wollte ich gar nicht mehr aufhören. Im Paganella-Bikepark war’s dann ganz ähnlich: morgens noch in die Bewegung reinkommen, nachmittags Gas geben.

Heißt Sie waren eine Woche lang in einem Endorphin-Dauer-High?
Kann man so sagen, ja, vom Timmelsjoch runter ganz sicher. Ansonsten ging es tatsächlich wirklich um Ausdauer - da kamen die Endorphine dann erst, wenn man es geschafft hat. Vom Timmelsjoch runter nach Meran waren es schon so knappe 80 Kilometer. Das war nicht so schlimm, weil du am Anfang hochgefahren bist und es dann nur noch laufen lassen musstest, in die wunderschöne Landschaft um Meran. Da war dann die Fahrt am nächsten Tag von Meran nach Andalo, zum Paganella-Park, schon anstrengender: 80 Kilometer in der Ebene, dann aber nochmal 20 Kilometer rauf, ungefähr 1200 Höhenmeter am Stück. Da war ich dann ziemlich am Limit.

Am 4. März erscheint eine Doku über die Tour

Und dann endlich die erlösende Ankunft in Riva del Garda. . .
Das war schon emotional. Ich habe ja vorher viel durchlebt, nicht nur meine normale Beeinträchtigung. Im vergangenen Jahr hatte ich eine Verletzung, wollte die Tour ja eigentlich letztes Jahr machen, war aber nicht so gut vorbereitet und habe dann relativ kurzfristig noch eine Verletzung am Gesäß bekommen - als Rollstuhlfahrer kann man so eine Tour dann vergessen. Deswegen hatte ich das letztes Jahr abgesagt - und dieses Jahr war es dann auch schon wieder eng. Im März hatte ich eine Verbrennung am Fuß, dazu nochmal Probleme mit Stellen, die nicht ganz hundertprozentig waren. Wenn man sich vorbereitet und viel trainiert auf dem Bike, bringt das manchmal gewisse Blessuren mit sich. Das ist die Challenge, einerseits: körperlich, physische Kraft und Ausdauer zu haben. In den Bikeparks kommen all die koordinativen Dinge dazu, über Sprünge oder steinige Felsen - das sind Grenzen, die nicht ganz sichtbar sind, die dann das Ganze schon mal challenging machen - und die mich zuvor sehr verunsichert hatten, ob ich das alles überhaupt schaffe.

Aber es hat alles geklappt?
Es hat funktioniert, ohne wirkliche Stürze. Klar gab es mal komische Situationen, und du kippst mit dem Bike um, weil das Ding ziemlich schwer ist zum Fahren, vom Gleichgewicht her. Das hat man gesehen, als die Kollegen das mal probiert haben: Selbst Cracks wie Danny, Kris Kyle oder Greg hatten Probleme damit.

Und die Botschaft Ihrer Alpenüberquerung, die im Rahmen der "Bike Film Tour" zu sehen sein wird? Alles ist möglich?
Genau. Ab 4. März kann man alles in einer von Pantheon Pictures und Rasoulution co-produzierten Doku sehen. Es gibt Leute, die von etwas träumen, aber das nicht wirklich als Ziel definieren - dann bleibt es immer nur ein Traum. Wenn du es wirklich, wirklich willst, dann kannst du es, egal mit welchen Einschränkungen oder Hindernissen. Jeder von uns hat seine Beschränkungen, aber für mich war diese Tour das Tollste, was ich je erlebt habe, mein größtes Abenteuer.

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