Hinweise auf möglichen Missbrauch: Neue Verdachtsfälle in der Kirche

Allein in München gibt es 130 neue Meldungen, seit die Studie über Missbrauch erschienen ist. Es könnte aber weit mehr Betroffene geben
| Britta Schultejans
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Eine von der Kirche in Auftrag gegebene Untersuchung war 2018 zu dem Ergebnis gekommen, dass seit 1946 in ihrem Bereich 3677 Minderjährige von sexuellem Missbrauch betroffen waren. Aktivisten halten die Zahl für zu niedrig. (Symbolbild)
Eine von der Kirche in Auftrag gegebene Untersuchung war 2018 zu dem Ergebnis gekommen, dass seit 1946 in ihrem Bereich 3677 Minderjährige von sexuellem Missbrauch betroffen waren. Aktivisten halten die Zahl für zu niedrig. (Symbolbild) © Friso Gentsch/dpa/dpa

München - Es ist bald drei Jahre her, dass die katholische Kirche ihre Missbrauchsstudie und mit ihr erschreckende Zahlen veröffentlicht hat: Mindestens 3677 Minderjährige wurden zwischen 1946 und 2014 in Deutschland von 1670 Klerikern missbraucht.

Spätestens seit Veröffentlichung dieser Studie steckt die Kirche in einer schweren Krise. Erst vor gut zwei Wochen hatte der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, dem Papst seinen Rücktritt angeboten, um strukturelle Verantwortung zu übernehmen. Papst Franziskus lehnte den Rücktritt ab.

Hunderte neue Hinweise auf mögliche Missbrauchsfälle

Doch das, was die MHG-Studie zutage förderte, war nur die Spitze des Eisbergs: Seit Veröffentlichung der Studie sind Hunderte neue Hinweise auf mögliche Missbrauchsfälle eingegangen - bei Betroffenen-Initiativen, bei den Bistümern selbst und auch bei der Justiz.

"Beim Eckigen Tisch dürften sich in drei Jahren etwa 250 Menschen deutschlandweit gemeldet haben", sagt Matthias Katsch von der Betroffenen-Initiative - und das sei wohl nach wie vor längst nicht alles: "Ich gehe davon aus, dass auf jede betroffene Person, die sich bislang gemeldet hat, mindestens drei kommen, die abwarten."

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Auch die Bistümer bekommen immer mehr Hinweise: Allein bei den sieben Bistümern in Bayern waren es mindestens 205, darunter allerdings auch zahlreiche Hinweise auf "Grenzüberschreitungen", die strafrechtlich nicht als sexueller Missbrauch gewertet werden.

2020 hatten die Ordensgemeinschaften öffentlich gemacht, dass sich bei ihnen weitere 1.412 Betroffene gemeldet haben. "Wir reden also von mindestens 5089 Opfern, die der Kirche bekannt sind", sagt Katsch. "Wenn die verschiedenen Schätzungen auf Basis von Befragungen oder Vergleichszahlen aus dem Ausland, etwa den Niederlanden, stimmen, dann dürfte die Zahl der Betroffenen der katholischen Kirche bei etwa 80.000 liegen."

Mindestens zehn anhängige Verfahren

Beim größten bayerischen Bistum, dem Erzbistum München und Freising von Kardinal Reinhard Marx gingen nach Angaben eines Sprechers seit Veröffentlichung der sogenannten MHG-Studie rund 130 neue Meldungen ein. Die Hinweise betrafen den Angaben zufolge allerdings nicht nur den Personenkreis, der in der MHG-Studie berücksichtigt wurde, also Kleriker, Diakone und Ordensleute, sondern auch Pädagogen, Lehrer, und Ehrenamtliche.

"Die allermeisten Hinweise bezogen sich auf Grenzverletzungen, die unter der Schwelle der Strafbarkeit lagen, also nicht sexuellen Missbrauch im strafrechtlichen Sinn betrafen", betont der Sprecher.

Bei 36 dieser 130 Meldungen lag der mutmaßliche Tatzeitpunkt sogar noch nach der Veröffentlichung der Studie. Sie stammen also aus der allerjüngsten Vergangenheit.

In zehn dieser Fälle "konnte nicht ausgeschlossen werden, dass eine Straftat nach weltlichem Recht vorlag", sagte der Sprecher. Das Erzbischöfliche Ordinariat hat in zwei Fällen Strafanzeige erstattet.

Und das sind nicht die einzigen dieser Fälle: Mindestens zehn Verfahren sind derzeit bei Staatsanwaltschaften in Bayern anhängig - darunter mit drei die meisten bei der Staatsanwaltschaft Würzburg.

Vor weniger als zwei Wochen machte die Staatsanwaltschaft Memmingen ein Ermittlungsverfahren gegen einen katholischen Geistlichen aus dem Bistum Augsburg bekannt. Der Pfarrer und Dekan wurde nach Bistumsangaben "mit sofortiger Wirkung vom Amt entpflichtet".

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