Messerangriffe und Übergriffe: Münchens Polizei schlägt Alarm

In München steigt die Gewalt gegen Polizisten spürbar: Mehr tätliche Angriffe, Messerbedrohungen und verletzte Beamte belasten den Alltag der Einsatzkräfte. Die Polizei reagiert mit spezieller Ausbildung, Deeskalationstrainings und psychosozialer Betreuung – doch die Eskalationsgefahr bleibt hoch.
von  Ruth Frömmer
Ein Polizeibeamter während eines Einsatztrainings im Keller des Polizeipräsidiums. Am Ende muss er seine Waffe ziehen.
Ein Polizeibeamter während eines Einsatztrainings im Keller des Polizeipräsidiums. Am Ende muss er seine Waffe ziehen. © sigi mueller

"Es gibt kein Schema F", sagt Polizeipräsident Thomas Hampel. "Jeder Einsatz ist anders." Immer häufiger machen die Polizisten dabei Gewalterfahrungen. Über 300.000 Einsätze verbucht das Polizeipräsidium München jedes Jahr.

Mit insgesamt 1.352 Fällen von Gewalt gegen Polizeibeamte wurden 14 Fälle mehr als im Vorjahr erfasst. Ein Anstieg von nur einem Prozent. Interessant wird es erst beim Aufdröseln der Fälle.

Polizeipräsident Thomas Hampel erklärt, wie wichtig nicht nur die Vorbereitung, sondern auch die Nachsorge für Polizisten ist.
Polizeipräsident Thomas Hampel erklärt, wie wichtig nicht nur die Vorbereitung, sondern auch die Nachsorge für Polizisten ist. © sigi mueller
  • Insgesamt wurden erfasst:

Im Großen und Ganzen sind die Straftaten gegen Polizeibeamte zwar nur gering angestiegen. Allerdings ist die Steigerung im Bereich gewaltsamer Übergriffe überproportional hoch. Der deutliche Rückgang an Beleidigungsdelikten sorgt für den relativ stabilen Verlauf der Gesamtzahlen.

1014 der Straftaten waren körperliche Angriffe wie gefährliche Körperverletzungen, Raub oder tätliche Angriffe. Als besorgniserregend bezeichnet Hampel die gestiegene Anzahl verletzter Polizeibeamtinnen und -beamter. Insgesamt 711 wurden verletzt. Im Jahr 2024 waren es nur 609. Seit 2016 ist die Zahl um rund 60 Prozent gestiegen, teilt die Polizei mit. Vor zehn Jahren wurde statistisch etwas mehr als eine Einsatzkraft pro Tag verletzt. Inzwischen sind es nahezu zwei.

Das ist nur ein kleiner Teil der Waffen, die die Münchner Polizei bei Tatverdächtigen sicherstellt.
Das ist nur ein kleiner Teil der Waffen, die die Münchner Polizei bei Tatverdächtigen sicherstellt. © sigi mueller

In 27 Fällen führten die Tatverdächtigen Hieb- und Stichwaffen mit sich und setzten diese gegen die Polizeibeamten ein. Ein hohes Eskalationsrisiko steckt in „besonders eingriffsintensiven“ Maßnahmen, wie etwa Freiheitsentziehungen. Aber auch bei Routinemaßnahmen erleben Polizeibeamte immer häufiger Gewaltdelikte. Die überwiegende Anzahl der Tatverdächtigen ist männlich (82 Prozent), alkoholisiert (51,9 Prozent) und bereits polizeibekannt (87,9 Prozent).

Kompetenz-Konzept zur Prävention

Zur Vorbereitung der Polizeibeamtinnen und -beamten hat die Münchner Polizei ein umfassendes Kompetenz-Konzept erarbeitet. Es umfasst sowohl präventive als auch operative Maßnahmen. Selbstverständlich ist eine entsprechende Schutzausrüstung und Bewaffnung. Ebenso wichtig ist die grundlegende Aus- und Fortbildung und gezieltes Kommunikationstraining zur Deeskalation. Außerdem können die Kollegen auf Angebote zur Steigerung der psychischen Resilienz zurückgreifen.

Im Keller des Polizeipräsidiums befinden sich Räume, in denen Beamte Einsatzszenarien nachstellen. Die AZ durfte dabei zusehen. Die Ausgangssituation: Die Polizei wird verständigt, weil eine Frau damit droht, sich das Leben zu nehmen. Eine Beamtin spielt die Frau, die in ihrer Wohnung auf dem Boden sitzt. Sie hat ein großes Messer in der Hand und am Arm bereits eine Schnittwunde. Während der eine Polizist permanent seine Kollegen per Funk über die aktuelle Lage informiert, versucht der andere, die Frau zu beruhigen, und fordert sie auf, das Messer wegzulegen. Es gelingt ihm schließlich.

Das Szenario beim Einsatztraining. Eine Frau droht, sich das Leben zu nehmen, der Polizist versucht, sie zu beruhigen.
Das Szenario beim Einsatztraining. Eine Frau droht, sich das Leben zu nehmen, der Polizist versucht, sie zu beruhigen. © sigi mueller

Das zweite Szenario: Nachbarn haben die Polizei wegen Ruhestörung gerufen. Die Polizisten finden eine angetrunkene Frau mit Bierflasche in der Hand vor. Wieder hält der eine den Funkkontakt, der andere versucht, die Frau zu beruhigen – und Distanz zu halten. Die Situation ist unberechenbar. In diesem Fall gelingt es dem Beamten nicht, die Frau zu beruhigen. Sie zieht ein großes Messer hervor und läuft damit auf die Beamten zu. Einer zieht seine Waffe und schießt auf die Frau.

Priorität hat der Schutz aller Personen

"Ziel eines Einsatzes ist es, Sicherheit herzustellen", erklärt Hampel später. Das bedeute Schutz der Personen, aber auch aller Beteiligten. "Der Schusswaffengebrauch ist Ultima Ratio", betont Hampel. Aber bei Messerangriffen aus kurzer Distanz wie im gezeigten Fall gebe es keine Handlungsoption mehr. Die Gefährlichkeit von Stichwaffen werde oft unterschätzt, sagt Polizeidirektorin Daniela Hand zur AZ. Immer mehr Menschen führen Messer oder Ähnliches mit sich.

Polizeidirektorin Daniela Hand.
Polizeidirektorin Daniela Hand. © sigi mueller

Seit 2025 gibt es für die Polizeibeamten eine psychosoziale Notfallversorgung, ein standardisiertes Verfahren, das die Polizisten nach schwierigen Einsätzen in Anspruch nehmen können. Es dient der psychischen Verarbeitung schwieriger Situationen. Dafür gibt es subjektive und objektive Kriterien, sagt Hand.

Die Kollegen nehmen das Angebot gerne an. 2025 gab es im Polizeipräsidium 60 solcher Maßnahmen, dazu zehn Gruppenmaßnahmen. In diesem Jahr wurden Stand jetzt bereits 94 Maßnahmen durchgeführt.

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