"Menge ist regelrecht weggeflogen": Augenzeuge berichtet von Schreckensszenen bei Verdi-Anschlag
Update, 20. Januar, 18 Uhr: Der MVG-Mitarbeiter wirkt gefasst, als er am Dienstagvormittag vor Gericht von den Geschehnissen vom 13. Februar 2025 berichtet. Nur das Tippeln seines linken Beins verrät etwas über seine Anspannung, als er von den Minuten des Horrors erzählt.
Fast ein Jahr ist vergangen seit dem Tag, an dem ein Mann mit seinem Auto in einen Verdi-Demonstrationszug fuhr. Eine junge Mutter und ihr zweijähriges Kind kamen ums Leben, viele weitere wurden verletzt.
Seit Freitag wird dem 25-jährigen Fahrer des Mini Coopers vor dem Oberlandesgericht nun der Prozess gemacht – ihm wird Mord in zwei Fällen sowie versuchter Mord in 44 weiteren Fällen vorgeworfen.
"Eine halbe Wagenlänge vor mir hat er Vollgas gegeben", erinnert sich ein Zeuge am Dienstag. Der MVG-Mitarbeiter lenkte am Tattag einen MVG-Kastenwagen und war dafür zuständig, den Tram- und Busverkehr zu regeln. Der 47-Jährige fuhr deshalb wenige Meter hinter dem Demozug, als ein Mann mit einem weißen Mini Cooper an ihm vorbei und in die Menschenmenge fuhr. "Die Menge ist regelrecht weggeflogen – in alle Himmelsrichtungen.“
"Noch nie gesehen": Polizist berichtet von unfassbaren Szenen
"So etwas habe ich davor noch nie gesehen", erinnert sich ein weiterer Zeuge an diesem dritten Prozesstag. Betroffen erzählt der 24-jährige Polizist von dem Moment, als ihm klar wurde, dass der Mini in den Zug steuerte. "Ich hatte das Gefühl, wenn ich das jetzt nicht verhindern kann, rast das Auto da rein." Er hätte noch links einlenken wollen, um dem Fahrer den Weg abzuschneiden, doch es sei bereits zu spät gewesen.
Später fragt der Senatsvorsitzende Michael Höhne den Beamten noch nach einem Fund, den der junge Polizist am Tattag in der Nähe des Minis gemacht haben soll. Bei der Tatortsicherung sei dort eine Patronenhülse am Boden gelegen.
Polizist stoppte Täter: So stellte er den Fahrer
In welchem Zusammenhang sie dorthin gelangte, hatte der Polizist am Tattag nicht beobachtet. Dazu weiß der Zeuge nach ihm mehr: ein 30-jähriger Polizist, der am 13. Februar ebenfalls vor Ort war. Er ist der Mann, der den Täter stellte.
Peter S. (Name geändert) war an diesem Tag als "Solostreife" im Einsatz. Er sorgte unter anderem dafür, dass der Demozug auf der Seidlstraße die Karlstraße passieren konnte.
Er habe fast zeitgleich das Aufheulen eines Motors gehört und den Mini Cooper gesehen. Der Kleinwagen sei mit hoher Geschwindigkeit in die Demo gerast, habe die dicht gedrängte Menschenmenge regelrecht durchpflügt.
"Mein Fokus war es, den Wagen zu stoppen", erklärt er als Zeuge vor Gericht. Der 30-Jährige lief zum Mini, der sich festgefahren hatte, aber dessen Motor immer noch lief. Peter K. zerschoss das Fenster der Beifahrerseite und zog den Schlüssel ab. Dann durchtrennte er den Sicherheitsgurt des Fahrers und half bei der Festnahme. Das Verfahren gegen ihn wegen des Schusswaffengebrauchs ist bereits erledigt, sagt Peter K.
Für seinen Einsatz gab es stattdessen großes Lob von Richter Höhne, weil er Schlimmeres verhindert habe: "In dieser Panik solche Besonnenheit." Auch einige der Opfer und Nebenkläger bedankten sich bei dem mutigen Polizisten.
Polizist über Anschlag auf Verdi-Demo: "Der Täter ist rechts vor uns eingeschert und hat Gas gegeben"
"Sehr, sehr ruhig" habe der Täter auf ihn gewirkt. Allerdings: Auf die Aufforderungen der Polizisten, die ihn an jenem 13. Februar 2025 festnehmen sollten, habe der Täter zunächst nicht reagiert, habe "bewusstseinsgetrübt" gewirkt und in die Ferne gestarrt.
Das berichtet am Montag ein 32-jähriger Verkehrspolizist, der als Augenzeuge den Anschlag aus einem Polizeiwagen heraus beobachtet hat. Er und ein Kollege saßen in einem Schlussfahrzeug der Verdi-Demo. "Der Täter ist rechts vor uns eingeschert und hat Gas gegeben", erinnert sich der Polizist.
Farhad N. war vor knapp einem Jahr noch am Tatort festgenommen worden, nachdem er mit seinem Kleinwagen in die Menschenmenge gerast war.

Angeklagter zeigte deutliche Geste
Der 25 Jahre alte Afghane, der unter Terror-Verdacht und wegen zweifachen Mordes und 44-fachen versuchten Mordes vor Gericht steht, hatte Aussagen zur Tat und auch zu seiner Person zum Prozessauftakt verweigert.
Dafür äußerte er sich ohne Worte: Er hob für die Kameras den rechten Zeigefinger nach oben – eine verbreitete Geste unter Muslimen weltweit, die den Glauben an den einen und einzigartigen Gott symbolisieren soll und die zuweilen auch als Erkennungszeichen unter Islamisten gilt.

Der Verkehrspolizist, der aus einem Schlussfahrzeug des Demozugs heraus die Tat beobachtet hatte, berichtet am Montag, dass der Mini mit 30 bis 40 km/h in den Demozug gerast sei. Da der 32-Jährige als Verkehrspolizist viel mit Geschwindigkeit im fließenden Verkehr zu tun hat, wahrscheinlich eine gute Schätzung.
Er sei dann aus dem Polizeiwagen raus und zu dem Mini gelaufen. Auf dem Weg habe er einen Schuss gehört. Aus einer Polizeiwaffe im Zuge der Festnahme, wie er später erfuhr. Der Täter habe danach keinen Widerstand geleistet. Der Polizist hatte noch versucht, der Mutter zu helfen. Sie sei zunächst noch ansprechbar, aber sehr schwer am Kopf verletzt gewesen. "Sie griff mehrfach nach ihrem Kopf und mehrfach nach ihrem Kind", sagte der Beamte.
Das Kind lag nur zwei Meter entfernt von der Mutter, sei aber ohne Bewusstsein, der Kinderwagen sei dem Erdboden gleichgemacht gewesen.
Polizist über Tathergang: "Ich konnte irgendetwas in meinem linken Außenspiegel sehen"
Ein weiterer Polizeibeamter schildert die erschreckenden Minuten vor Gericht. Auch er hätte eines der Schlussfahrzeuge der Demo gefahren. Kurz vor der Kreuzung Seidlstraße/Karlstraße habe der 26-Jährige dann etwas wahrgenommen: "Ich konnte irgendetwas in meinem linken Außenspiegel sehen."
Einen kurzen Moment später sei dann ein Fahrzeug an ihm vorbei und in den Demonstrationszug gerast. Er schätzt die Geschwindigkeit auf 50 bis 70 km/h. Wie schnell der Wagen tatsächlich war, als er auf das Ende des Demozuges traf, wird im weiteren Verfahren noch zu klären sein.
Doch eines ist sicher: Der Wagen übte solch eine Wucht aus, dass zwei Menschen starben und 44 weitere teils lebensgefährlich verletzt wurden.
Beamter über Moment des Aufpralls: "Menschen sind durch die Luft geschleudert worden"
An den schrecklichen Anblick, als das Auto in die Menschenmenge fuhr, könne sich der 26-jährige Zeuge "leider recht lebhaft" erinnern. "Die Menschen sind durch die Luft geschleudert worden", schildert der junge Beamte vor Gericht. Dann seien sie verdreht am Boden liegen geblieben.
Er habe dann erst einmal versucht, so viel Erste Hilfe wie möglich zu leisten. Danach habe er neue Anweisungen bekommen. Er und seine Einheit sollten den zu diesem Zeitpunkt bereits festgenommenen Farhad N. in die Notaufnahme begleiten. Dort habe er N. zum ersten Mal gesehen. Viel gesprochen oder gewehrt habe dieser sich nicht. Später sei er von ihm und weiteren Kollegen ins Präsidium in der Ettstraße gebracht worden.
Seit den erschütternden Stunden vor knapp einem Jahr soll kein Tag vergangen sein, an dem er nicht daran gedacht hätte, sagt der Beamte zum Schluss. "Ich bin zutiefst bestürzt."
So geht es im Prozess weiter
Die Betroffenen selbst sollen erst zu einem späteren Zeitpunkt gehört werden. Bis in den Sommer hinein sind Verhandlungstermine am OLG München angesetzt, das Urteil könnte am 25. Juni fallen.
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