Mathäser-Bierstadt: So viel Geschichte steckt im Komplex am Hauptbahnhof

Der Mathäser in der Bayerstraße soll möglicherweise abgerissen werden. Anlass genug, auf seine Geschichte zurückzuschauen. 
Myriam Siegert
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Der Mathäser kurz vor dem Abriss 1997. Nicht im Bild der Kino-Teil links daneben.
Der Mathäser kurz vor dem Abriss 1997. Nicht im Bild der Kino-Teil links daneben. © Stadtarchiv München

Allein mit den Fotos des berühmten Mathäser-Filmballs könnte man ganze Seiten füllen. Alle waren sie da, internationale Stars und deutsche Promis, Politiker und Klatschreporter – und sie feierten ausgelassen.
Oder die Filmpremieren – jahrzehntelang spazierten hier Stars und Sternchen über rote Teppiche, drängten sich Fans, um einen Blick auf ihre Idole zu erhaschen oder gar ein Autogramm zu ergattern. Doch der Mathäser, war (und ist noch) nicht nur ein wichtiges Stück Münchner Kino-Geschichte, denn zum Filmpalast wurde er erst durch den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg.

Sigi Sommer und James Graser, Playboy und schillerndste Figur der frühen Münchner Schickeria, und ganz rechts Filmproduzent Luggi Waldleitner beim Mathäser Filmball 1972.
Sigi Sommer und James Graser, Playboy und schillerndste Figur der frühen Münchner Schickeria, und ganz rechts Filmproduzent Luggi Waldleitner beim Mathäser Filmball 1972. © Heinz Gebhardt/Imago
V. li.: Hannes Obermaier, schrieb unter dem Pseudonym Hunter seit 1952 in der Abendzeitung Deutschlands erste Klatschkolumne. Er gilt als erster und erfolgreichster Klatsch-Kolumnist Deutschlands. Hier 1977 auf dem Mathäser Filmball mit Curd Jürgens.
V. li.: Hannes Obermaier, schrieb unter dem Pseudonym Hunter seit 1952 in der Abendzeitung Deutschlands erste Klatschkolumne. Er gilt als erster und erfolgreichster Klatsch-Kolumnist Deutschlands. Hier 1977 auf dem Mathäser Filmball mit Curd Jürgens. © Henz Gebhardt/imago


Nebenan im selben Komplex war bis zum Abriss Ende der 90er-Jahre die für viele Münchner heute noch legendäre Mathäser Bierstadt. Eine Großgaststätte, wie man sie sich heute kaum noch vorstellen kann. Und auch im Vorgängerbau der Vorkriegszeit tobte das Leben. Der Mathäser hat die Stadtgeschichte lange begleitet.

Die Anfänge gehen weit zurück

Die Ursprünge des Mathäser reichen weit zurück: AZ-Reporterlegende Karl Stankiewitz beschreibt sie in seinem Buch "Aus is und gar is". Georg Hartl, ein Brauer und Besitzer des Lokals Zum kleinen Löwengarten am Beginn der Bayerstraße, kaufte 1818 den benachbarten Fuchsbräu (der sogar ins 17. Jahrhundert zurückging). So kam er an die Konzession einer Brauerei mit Ausschank. 1858, Hartl war verstorben, kaufte Georg Mathäser den ganzen Komplex und taufte ihn Mathäserbräu.

Der Mathäser-Komplex um 1910.
Der Mathäser-Komplex um 1910. © Stadtarchiv München
Vorderansicht auf der Bayerstraße in Richtung Stachus. Über dem Eingang ist der Mathäser Bräu Schriftzug zu erkennen. Im Hintergrund das Karlstor.
Vorderansicht auf der Bayerstraße in Richtung Stachus. Über dem Eingang ist der Mathäser Bräu Schriftzug zu erkennen. Im Hintergrund das Karlstor. © Stadtarchiv München

Schon vor dem Ersten Weltkrieg eine Bierburg mit tausenden Plätzen

In den 1890er Jahren wurde umgebaut: eine palastartige Gründerzeitfassade wurde angebracht, der obere der beiden großen Säle wurde mit Malereien und einer hölzernen Tonne geschmückt. Später wurde die Löwenbräu AG Eigentümer. Sie machte vor dem Ersten Weltkrieg aus dem großen Bau einen schon damals spektakulären Bierausschank, mit drei Festhallen, Festsaal, Weißbierkeller und weiteren Räumen mit insgesamt 4000 Sitzplätzen.

Eine Postkarte mit Gebäudeansicht von 1900.
Eine Postkarte mit Gebäudeansicht von 1900. © Stadtarchiv München

Hauptquartier während der Münchner Räterepublik

1918 konstituierten sich hier im "Dunst von Bier und Rauch und Volk", wie Rainer Maria Rilke schrieb, die Arbeiter- und Soldatenräte unter dem Vorsitz von Kurt Eisner und begründeten die Münchner Räterepublik. Der Mathäser diente als Hauptquartier der Revolutionsbewegung und als ihre letzte Bastion. Mit schwerem Geschütz und sogar Bomben aus Fliegern wurde der Bau am Ende beschossen.

Republikanische Soldaten vor dem Mathäser, 1919.
Republikanische Soldaten vor dem Mathäser, 1919. © Stadtarchiv München

Quasi nebenbei erfand man bei den Kämpfen rund um die Bierburg auch den Russ’, weil die Revolutionäre das dort gebraute Weißbier mit Limonade verdünnten, um nicht zu müde zu werden.

Nach dem Wiederaufbau entstand die Bierstadt

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Mathäser fast vollständig zerstört. Bis Ende der 50er-Jahre dauerte es, bis der Neubau fertig war: die Mathäser-Bierstadt.
Ein Gebäude aus Stahlbeton, aber im Inneren im alpenländischen Stil, mit fünf Geschossen und zwei Giebeln, in dem eine Einkaufspassage und 4600 Quadratmeter Einzelhandels- und Bürofläche untergebracht waren. Außerdem der Mathäser Filmpalast mit einem Kinosaal mit 1200 Plätzen und der damals größten Leinwand Deutschlands. Und eben die eigentliche Bierstadt.

Bis die Sohlen glühen: Rock ‘n’ Roll-Wettbewerb im Mathäser 1958.
Bis die Sohlen glühen: Rock ‘n’ Roll-Wettbewerb im Mathäser 1958. © Stadtarchiv München
Das Publikum im großen Festsaal hält es offensichtlich kaum auf den Plätzen. Gut erkennbar, der große Balkon im Saal.
Das Publikum im großen Festsaal hält es offensichtlich kaum auf den Plätzen. Gut erkennbar, der große Balkon im Saal. © Stadtarchiv München

Die hatte es in sich: Aus 16 unterschiedlichen Lokale mit Platz für insgesamt 5000 Gäste, manche schreiben sogar 7000. Mathäser – "Größter Bierausschank der Welt", steht auf einer Speisenkarte des Gewölberestaurants (260 Sitzplätze) von 1966. Zu essen gab's dort neben bayrischen Schmankerln auch 3 Stück Ölsardinen auf Toast (2 Mark) oder Echte Schildkrötensuppe (1,50 Mark). Die Halbe Bier (Löwenbräu) kostete 87 Pfennige.

52.000 Liter Bier pro Woche

Sehr beliebt war auch der Weißbierkeller mit Platz für über 500 Gäste, in dem so mancher bis in die frühen Morgenstunden versackte. Auch zum Weißwurstfrühstück ging man gerne in den Mathäser. Zumindest von der Außenansicht her kennen viele vielleicht auch die Schwemme direkt neben dem Haupteingang mit ihrer gläsernen Küche. Außerdem gab es einen lauschigen Biergarten, Terrassencafés, kleinere Stuben und ein Dachrestaurant.
An die 500 Angestellten arbeiteten in Dienstleitung und Büros, aus den fünf Küchen und sieben Schänken wurden wöchentlich 52.000 Liter Bier, 42.000 Essensportionen und 15.000 Weißwürste verzehrt.

Viele Karl-May-Filme hatten im Mathäser Filmpalast Urauführung, wie hier "Unter Geiern" 1964
Viele Karl-May-Filme hatten im Mathäser Filmpalast Urauführung, wie hier "Unter Geiern" 1964 © Stadtarchiv München
1968: John Wayne im Hollywood-Film "Die Grünen Teufel" wurde als Kriegsverherrlichung des Vietnam-Krieges angesehen und löste weltweite Demonstrationen aus. Auch diese Filmpremiere war im Mathäser-Kino, 1968.
1968: John Wayne im Hollywood-Film "Die Grünen Teufel" wurde als Kriegsverherrlichung des Vietnam-Krieges angesehen und löste weltweite Demonstrationen aus. Auch diese Filmpremiere war im Mathäser-Kino, 1968. © Heinz Gebhardt/imago

Im 1100 Quadratmeter großen Großen Festsaal mit fast 1500 Plätzen ging es etwa bei einem Rock ‘n’ Roll Turnier 1958 hoch her, auch sonst erlebte die Bierstadt über die Jahrzehnte viele rauschende Feste – etwa im Fasching. Oder wie erwähnt beim Deutschen Filmball, der bis zur Schließung der Gaststätte im Großen Festsaal stattfand.

Das Mathäser-Kino 1985: Als der Kino-Boom abgeebbt war, hatte man in den 70er-Jahren aus dem großen Kinosaal vier kleine gemacht.
Das Mathäser-Kino 1985: Als der Kino-Boom abgeebbt war, hatte man in den 70er-Jahren aus dem großen Kinosaal vier kleine gemacht. © Walter Rudolph/imago

1996 lief im Kino mit Mars Attacks! der letzte Film über die Leinwand, in der Gaststätte wurde 1997 ein "Superfest vor dem Abriss" gefeiert. Der folgte dann 1998. 2003 eröffnete das heutige Multiplex-Kino mit 14 Sälen und insgesamt 3832 Sitzen. Bis heute ist es das wichtige Premierenkino in München. Die Superlative sind dem Mathäser also geblieben.

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  • Gisi2020 vor 2 Stunden / Bewertung:

    Mein "erstes Mal" Mathäser fand anlässlich der Tutenchamun -Ausstellung Advent 1980 statt. Es wurde eine Sonderfahrt mit dem Zug organisiert, und damit man nicht am Hauptbahnhof für die Rückfahrt warten muss, hieß es "wir treffen uns im Mathäser". Ich war damals noch Minderjährig, aber das was da drin abgegangen ist war beeindruckend. Und von den Mitreisenden habe dort keinen gefunden. Es waren einfach zu viele Menschen in der Wirtschaft bzw. Schwemme.

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  • Ch_Muc vor 18 Stunden / Bewertung:

    im Bierstadt Matthäser haben sich die Löwen getroffen, nach viel Bier sind sie grölend durch die Fussgängerzone bis Marienplatz gegangen, um mit der U-Bahn zum Olympiastadion zu fahren.
    Matthäser-Passage gab noch berühmt-berüchtigter Weissbierkeller, öffnete erst ab 3 Uhr morgens. Damals gab Sperrstunde, fast alle Kneipen machten um 1Uhr zu. Ganz wenige bis 2Uhr. Noch seltener die Nacht durch. Das war normal. Darum kamen viele dorthin, die weiterfeiern/trinken wollen. Und natürlich kommen auch zwielichten Typen, "Publikum" von HBF. Und der Weissbierkeller war halt Treffpunkt für die späte Nacht, Bis früh/vormittags fuhren alle nach Hause mit guter Öftis-Verbindung

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