Margot Käßmann beim Kirchentag: "Manchmal ist da eine rote Ampel"

Die Theologin Margot Käßmann präsentierte sich nach ihren Rücktritt als EKD-Vorsitzende und Landesbischöfin zum ersten Mal in der Öffentlichkeit
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Margot Käßmann in München.
dpa Margot Käßmann in München.

Die Theologin Margot Käßmann präsentierte sich nach ihren Rücktritt als EKD-Vorsitzende und Landesbischöfin zum ersten Mal in der Öffentlichkeit

Nein, sie jubelt nicht. Sie macht auch kein Victory-Zeichen und klatscht niemanden ab - trotzdem ist es der Auftritt eines Pop-Stars. 6000 Menschen haben Margot Käßmann bei ihrem ersten Kirchentagsauftritt in München einen begeisterten Empfang bereitet: Minutenlanger Beifall, Bravo-Rufe, Standing Ovations, Teenie-Kreischen – „da fehlt nur noch die La-Ola-Welle“, meint Josef Dartinger (57), dem der Rummel schon fast zu viel ist.

Doch die meisten stimmen in den grenzenlosen Jubel ein. Babette Neumann (40) zum Beispiel begründet gegenüber der AZ die Euphorie: „Mir gefällt Frau Käßmann, weil sie Schicksalsschläge gemeistert, die jedem von uns zustoßen können. Trotzdem strahlt sie soviel Gottvertrauen und Zuversicht aus“. Eine Meinung, mit der sie nicht alleine steht.

Schwarzes Kleid, weiße Bolero-Jacke, Pumps – so tritt die 51-Jährige an das Rednerpult. Das „Wachet auf“, dass die Halle zur Begleitung eines Posaunenchores singt, klingt fast wie ein Triumphmarsch. Bibelarbeit steht an diesem Morgen auf dem Programm in Halle C1 im Messegelände. Es geht um die Sintflut, die Arche Noah und dem Regenbogen als Symbol für den Übergang.

Und bei ihrem einstündigen, immer wieder von Applaus unterbrochenen Vortrag, nimmt die attraktive Theologin ihre eigene Situation keineswegs aus. Es seien im Leben die Übergänge zwischen Sintflut und Neubeginn, wo Menschen die Ermutigung besonders bräuchten: „Der Verlust des Arbeitsplatzes. Eine verlorene Liebe. Manchmal ist da auch eine rote Ampel.“ Sie nimmt damit Bezug auf die Trunkenheitsfahrt über eine rote Ampel, nach der sie von ihren Ämtern als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche und Landesbischöfin von Niedersachsen zurückgetreten ist.

Schon für ihre Vorstellung hatte sie es dem Kirchentagspräsidenten Eckhard Nagel gestattet, die Vorgänge anzusprechen. Und sie fährt im Messegelände sogar in dem schwarzen VW Phaeton vor, den sie in der unseligen Nacht benutzte. Ob sie den Dienstwagen der EKD weiter fahren darf oder ihn inzwischen gekauft hat, ist unbekannt.

Und auch bei ihrem zweiten Auftritt an diesem Vormittag lässt sie ihr eigenes Schicksal nicht außen vor. Es geht vor 1000 Besuchern in der St.-Johann-Baptist-Kirche in Haidhausen um das akademisch abeghandelte Thema „Frauen und Macht“. Auf die Frage aus dem Publikum, ob Machtverlust Ohnmacht bedeute, sagt sie: „Machtverlust bedeutet auch Freiheit, finde ich.“ Und fügt an: „Dazu kann man zwar viel mehr sagen, ich werde dies jetzt aber nicht tun.“

Und wieder wird die Theologin mit Jubel und anhaltendem Beifall verabschiedet – auch von den Kirchentagsbesuchern, die die Diskuisson in dem wegen Überfüllung geschlossenen Gotteshaus nur außerhalb an Lautsprechern verfolgen können.

Einen kleinen Vorgeschmack auf die Hype um die Hannoveranerin hatte es schon am Vortag gegeben, zwei Stunden vor Eröffnung des Kirchentages: Im gerammelt vollen 3. Stockwerk des Hugendubels am Marienplatz präsentierte und signierte Margot Käßmann ihr jüngnste Buch – das 85-Seiten-Bändchen „Das große Du – Das Vaterunser!“ aus dem Lutherischen Verlagshaus (12,90 Euro).

Theresa Noll aus Worms war eine der ersten, die sich eine Unterschrift der 51-Jährigen in das Buch setzen ließ. Die ältere Dame weilt zum Besuch des Kirchentages in München und wollte unbedingt Margot Käßmann sehen: „Ich warte jetzt schon eineinhalb Stunden, aber das ist es mir wert, denn ich bin ein großer Fan von ihr." Wie viele andere bewundert sie, dass die Theologin wegen der Alkoholfahrt von ihren Ämtern zurückgetreten ist. „Aber sie wird wiederkommen“, ist sich Theresa Noll sicher.

Michael Heinrich

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