Luxussanierung in Haidhausen: 39 Quadratmeter für 1,2 Millionen Euro

Ein Haus am Johannisplatz wird für Luxuswohnungen abgerissen. Warum kann die Stadt nichts dagegen tun?
| Christina Hertel
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Das Haus mit der Hausnummer 16 (hellgelb und ohne Fenster) kommt weg. Dafür werden teure Neubauwohnungen gebaut.
Das Haus mit der Hausnummer 16 (hellgelb und ohne Fenster) kommt weg. Dafür werden teure Neubauwohnungen gebaut. © Sigi Müller

Haidhausen - "Das Ambiente eines Raumes braucht die Persönlichkeit seiner Bewohner", schreibt das Immobilienunternehmen Legat Living auf seiner Webseite. Und für ihr neustes Angebot ist klar, dass nur Persönlichkeiten mit dicken Geldbörsen einziehen werden: Am Johannisplatz 16 bietet Legat Living seit kurzem Eigentumswohnungen zum Verkauf an. Für ein 39 Quadratmeter großes Zimmer will das Unternehmen einen Preis, für den man früher einmal eine Villa bekommen hätte: fast 1,2 Millionen Euro.

Eine etwa 130 Quadratmetergroße Wohnung mit vier Zimmern und Terrasse kostet 4,3 Millionen Euro. Die Drei-Zimmer-Wohnung (75 Quadratmeter) sucht für rund zwei Millionen auf einem Immobilienportal einen Käufer.

"Neues, absurdes Niveau - selbst für München"

"Die Preise erreichen ein neues, absurdes Niveau - selbst für München", sagt Christian Schwarzenberger. Bei der Linken kümmert er sich um Wohnungspolitik. Vor allem fordert er, dass die Stadt Leerstand konsequenter bekämpft.

Auch das Wohnhaus am Johannisplatz 16 stand viele Jahre komplett leer. Zuletzt wohnte nur noch ein Mieter dort (AZ berichtete). Mehrmals wechselte der Eigentümer, bereits seit März 2015 besteht hier eine Baugenehmigung für ein Wohn- und Geschäftshaus mit Tiefgarage. 2020 hat schließlich Legat Living zugeschlagen - und bietet dort nun Räume an, "die unabhängig von ihrer messbaren Größe" "Ambiente erzeugen", wie es auf der Webseite heißt. Bezugsfrei sollen die Wohnungen im Sommer 2024 sein.

Altes Wohnhaus "unbewohnbar"

Davor wird das alte Wohnhaus abgerissen. Es sei unbewohnbar, erzählt der Antiquitätenhändler aus dem Nachbarhaus. "Die Toiletten sind noch auf dem Gang, so weit ich weiß." Dass das Haus nicht in diesem Zustand bleiben kann, sei klar. Die Frage ist nur, wie sich wohl die Persönlichkeiten, die für das besondere Ambiente Millionen ausgeben, in dem Viertel tatsächlich fühlen. Dass sie sich einmal auf eine Wiener und ein Bier im Johanniscafé treffen, das gleich neben ihrer Luxusimmobilie liegt, fällt jedenfalls schwer zu glauben.

Sorge, dass Haidhausen seinen Charme verliert, hat der Bezirksausschuss-Chef Jörg Spengler (Grüne) nicht. Er findet trotzdem: "Solche Wohnungen müssten eigentlich dem freien Markt entzogen werden." Allerdings sei er ratlos, wie dies geschehen könne.

 

Vorbilder Hamburg und Berlin?

Die Linke hatte da im Frühling ein paar Ideen: Zum Beispiel forderte die Stadtratsfraktion, dass München sich an Hamburg und Berlin orientiert und ein sogenanntes "Treuhand-Modell" einsetzt. Das mache es Kommunen möglich, leerstehende Wohnungen zu beschlagnahmen, heißt es in dem Antrag. Außerdem forderte die Linke im April, dass bezahlbare Mietwohnungen nur abgerissen werden dürfen, wenn sie durch Wohnungen kompensiert werden, deren Eingangsmiete 11,50 Euro pro Quadratmeter nicht übersteigt.

Der Stadtrat befasste sich mit diesen Anträgen nicht, weil die Verwaltung sie gleich abbügelte. Aus Sicht des Sozialreferats könnte dieses Modell nur in sehr wenigen Fällen angewandt werden. Hamburg setzte bislang bloß einmal im Jahr 2016 einen Treuhänder ein. Berlin machte davon noch nie Gebrauch - weil ein Treuhänder immer nur als letztes Mittel in Betracht komme.

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Lieber setzt das Sozialreferat auf die Zweckentfremdungssatzung. Tatsächlich hat die Stadt diese 2019 verschärft. Damit war es, wie es auch die Linke fordert, möglich, festzulegen, dass abgerissener, günstiger Wohnraum kompensiert werden muss. Allerdings klagte ein Hausbesitzerverein - mit Erfolg. Gegen das Urteil reichte die Stadt eine Popularklage ein. Das Ergebnis will das Sozialreferat abwarten, teilt es nun mit.

SPD-Stadträtin Simone Burger hofft, dass die Stadt in Zukunft verhindern kann, dass an noch mehr Orten in München Leerstand zu Luxus wird. Seit Kurzem haben Kommunen die Möglichkeit, sogenannte "sektorale Bebauungspläne" zu errichten, erklärt Burger. Dort kann die Stadt bestimmte Quoten von gefördertem Wohnungsbau festlegen. Für den Johannisplatz zu spät.

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