Luise Kinseher: „Jammern bringt doch nix“

Im März wird Luise Kinseher die erste Bußpredigerin auf dem Nockherberg seit 1891 sein. In der AZ schreibt die Kabarettistin über das, was sie auf und hinter der Bühne bewegt.
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Die erste Bußpredigerin auf dem Nockherberg seit 1891: Luise Kinseher
Hans-Günter Kaufmann Die erste Bußpredigerin auf dem Nockherberg seit 1891: Luise Kinseher

Im März wird Luise Kinseher die erste Bußpredigerin auf dem Nockherberg seit 1891 sein. In der AZ schreibt die Kabarettistin über das, was sie auf und hinter der Bühne bewegt.

Von Luise Kinseher

Ohne meinen Beruf möchte ich nicht leben. Die Bühne ist mir sehr wichtig. Doch der Schlüssel zum Glück liegt für mich in der Dankbarkeit. Eigentlich ist das ein simpler Trick! Wenn man seinen Blick täglich darauf ausrichtet, wofür man dankbar sein kann, lebt man erfüllter und intensiver.

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Die Dankbarkeit, die ich meine, führt über persönliche Grenzen hinaus, sie macht groß. Das Kleinhalten, wie es beispielsweise in der katholische Kirche noch oft vermittelt wird: Schuster, bleib bei deinen Leisten, sei gefälligst dankbar für das, was du hast, meine ich damit nicht.

Ich bin zwar noch in der Kirche, aber nur aus rein kulturellen Gründen und weil die christliche Lehre vieles an Weisheit enthält, was für unser Zusammenleben notwendig ist. Doch als eine praktizierende Katholikin kann ich mich nicht bezeichnen. Beispielsweise war die Beichte war für mich als Kind immer mit Angst besetzt. Ich traute mich nicht, ohne Sünden zum Pfarrer zu kommen, also habe ich welche erfunden: „Habe den Nachbarn geärgert“ oder „den Hund vergiftet“.

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Dass ich die erste Bußpredigerin seit 1891 auf dem Nockherberg bin, die erste Frau überhaupt in dieser Männerbastion, das reißt mich emotional nicht besonders mit. Ich mach die Dinge, die ich mach, ja nicht, weil ich eine Frau bin. Der Nockherberg hat nichts mit Kabarett zu tun. Das Derbleckn dort funktioniert nur auf bayrisch und mit dem Starkbier als Klebstoff. Das ist die Herausforderung. Letztes Jahr hat Horst Seehofer hinterher gesagt, er hätte mehr verdient. Da nehme ich ihn diesmal beim Wort…

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Das „Aufziagn“, das kenn ich von daheim, vom Stammtisch meines Vaters. Da gehört ein bestimmter Tonfall dazu, Humor, Schalk und Witz. Das Derbleckn, der niederbayrische Dialekt, den ich schon als Kind aufgesaugt habe, die Region – das alles ist in mir drin. Heimat ist ja immer etwas Emotionales. Da hat man entweder ein Gespür dafür oder nicht. Ich bin sehr stark verwurzelt, hatte aber schon als Kind immer auch so eine Art Fremdheitsgefühl. Unbegründet, aber es war da. Dass ich dann Kabarettistin geworden bin, ist gar nicht so unlogisch. Neben der Verankerung habe ich die Fähigkeit mitbekommen, eine Distanz aufzubauen und drauf zu schauen.

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Dadurch ergibt sich eine Spannung zwischen emotionaler Verbundenheit und kritischer Analyse. Das ist gut fürs Kabarett und wie ich glaube auch für den Nockherberg.

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In meinem aktuellen Bühnenprogramm „Einfach reich“ zeige ich, was Geld mit uns macht. Das Thema hat mich schon vor der Finanzkrise fasziniert. Inzwischen bin ich fest davon überzeugt, dass diese ganze Gier- und Geiz-Diskussion daher rührt, dass wir das Geld als Projektionsfläche für elementare menschliche Bedürfnisse missbrauchen. Geld bedeutet für die Menschen Freiheit, Anerkennung und Sicherheit. Wenn das Konto voll ist, fühlen sie sich sicher. Dass sind sie aber nicht, weil sie ja dann meist von der Angst getrieben werden, das Geld wieder zu verlieren…

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Sicherheit sollte man stattdessen versuchen, in sich selbst zu finden. Wer lernt, in sich hineinzuhören, der findet heraus, was gut für ihn ist – und dann kann ihn nix mehr auf dieser Welt umhauen. Dann schafft man’s – selbst nach einem Schicksalsschlag – wieder aufzustehen.

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Mir ist’s nicht wurscht, was ich auf dem Konto habe, aber ich mache mich nicht abhängig vom Geld. Meine Unabhängigkeit ist meine Triebfeder. Wenn was nicht so gut läuft, krieg ich schnell wieder Kraft und schau beherzt nach vorn. So eine Lebensfreude zu haben, das ist ein Geschenk. Ich hab’s von meiner Mutter.

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Diese viel verbreitete Jammer-Kultur, die verbitt ich mir. Die bringt nix und führt zu nichts. Wenn ich mal einen Tag habe, wo ich alles furchtbar finde, versuche ich, nett zu mir zu sein. Ich kauf mir schönes Gemüse und koch mir was Gesundes und dann geh ich noch einen Schweinebraten essen!

Aufgezeichnet von Renate Schramm

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