Interview

Linke-Stadtrat Thomas Lechner: "Schule? Warum nicht im Theater, Kino oder Club?"

Thomas Lechner, für die Linke im Münchner Stadtrat, kritisiert die wenig kreative Rathaus-Politik in der Coronakrise – und hat ein paar ungewöhnliche Ideen für Kinder und Jugendliche.
| Irene Kleber
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Thomas Lechner (parteilos) sitzt für die Linkspartei im Münchner Stadtrat. Der 59-Jährige ist seit 30 Jahren in der Jugend- und Kulturarbeit aktiv.
Thomas Lechner (parteilos) sitzt für die Linkspartei im Münchner Stadtrat. Der 59-Jährige ist seit 30 Jahren in der Jugend- und Kulturarbeit aktiv. © Sigi Müller

München - Vieles müsse anders werden in der Rathauspolitik – mit Blick auf Münchens Jugend, fordert der parteilose Stadtrat Thomas Lechner, der für die Linke im Stadtrat sitzt. Am Donnerstag will er in der Stadtratsvollversammlung ein Ideen-Paket vorstellen, das mehr Kreativität bei den Corona-Beschränkungen einfordert. Im AZ-Interview erzählt er von seinen Ideen.

Stadtrat fordert mehr Kreativität bei Corona-Regeln

AZ: Herr Lechner, Sie haben eine längere Rede angekündigt. Worum geht's?
THOMAS LECHNER: Erst mal muss ich was loswerden. Mich nervt, dass wir alle paar Wochen wie die Karnickel vor der Schlange auf neue Verordnungen warten. Maske auf, Maske ab, mal im Klassenzimmer ohne, dann wieder mit. Im Bus darf man eng sitzen, im Theater nicht. Welchen Sinn macht das? Bei Regeln, die keiner mehr versteht, verlieren wir die Bevölkerung. Die Leute machen da nicht mehr mit.

Lechner: Rein digitaler Schulunterricht sei Katastrophe

Wie könnte es sonst gehen?
Wir werden mit Corona noch mindestens ein Jahr leben müssen. Wenn wir das ehrlich und auch laut eingestehen, darf es nicht mehr nur nach der Mathematik der Virologen gehen. Sondern wir müssen dann dafür sorgen, dass Menschen mit Menschen in Kontakt bleiben können - und die Regeln so machen, dass die Leute die Beschränkungen nachvollziehen und auch dauerhaft aushalten können.

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Sie richten den Blick immer wieder auf die Jugend.
Die trifft es auch viel härter, als man glaubt. Es wäre eine Katastrophe, wenn Schulunterricht jetzt wieder nur digital stattfindet, das müssen wir unbedingt verhindern. Die Kinder und Jugendlichen brauchen Menschen um sich, sie brauchen den Kontakt, die Nähe, den Austausch. Ich frage mich, warum wir nicht längst Konzepte dafür haben, wie man Schule räumlich entzerrt. Die Stadt ist doch voll von leerstehenden Räumen.

Unterricht bald im Schwimmbad oder Kino?

Was meinen Sie?
Na, Museen, Kinos, Theater, Veranstaltungssäle in Bürgerhäusern, Freizeitheime, sogar Schwimmbäder! Das Müllersche Volksbad hat eine tolle Halle, mit der kann man doch was anfangen.

Matheunterricht im Müllerschen Volksbad?
Ganz genau. Und Geschichte im Stadtmuseum oder in der Pinakothek, Deutsch in der Kranhalle im Feierwerk, Fremdsprachen im Kino, Kunst in den Werkräumen der Kammerspiele oder in den Freizeitheimen und Jugendzentren.

"München ist voller kreativer Leute"

Wie kommen Sie auf solche Ideen?
Ich mache das, was ich immer tue, ich rede mit den kreativen Leuten in dieser Stadt, München ist voll davon. Beziehen wir die doch mit ein!

Ist es sinnvoll, dass ganze Schulklassen quer durch die Stadt fahren, um dann im Museum Unterricht zu machen?
Das wäre ja gerade das Tolle an so einer Idee, dass die Klassen sich vorher ein Konzept überlegen, wie sie da coronakonform hinkommen. Dann könnten sie beispielsweise in kleinen Gruppen und Schnitzeljagden, schön auf Abstand, im Museum Stoff erarbeiten.

Oder Filme zum Geschichtsunterricht im Kino schauen, stimmt.
Ich bin sicher, dass man auch Schulstoff irgendwie auf die Kinoleinwand bringt. Wir haben außerdem viele leerstehende Veranstaltungssäle in der Stadt. Dazu die Bürgerhäuser, die großen Clubs.

Langfristige Regeln für leere Räume in München

Sie wollen die Museen aber auch für Erwachsene wieder geöffnet haben, steht in einem Ihrer Anträge.
Sicher, warum soll man kleine Gruppen nicht in den Abendstunden, nach der Arbeit, ins Stadtmuseum lassen oder in die Pinakotheken. Die Menschen müssen einfach mal ausgehen dürfen, zu zwei, zu dritt oder zu viert. Da, wo sie Abstand halten können. Die Museen könnten von Nachmittag bis 22 Uhr öffnen, das verschiebt auch einen Teil der Bewegungen im ÖPNV. Jeder weiß, mein Herz brennt für die kleinen Clubs. Aber ich denke, dass wir mit langfristig gültigen Regeln für die sehr großen leeren Räume in München anfangen müssen.

Städtische Bürgerhäuser kann die Stadt vielleicht für kleine Gruppen öffnen. Aber Museen gegen den Willen des Freistaats?
Da kann sich unsere Stadtrats-CSU sich doch bei ihrem Ministerpräsidenten Markus Söder stark machen und sagen: Gib uns mehr Freiheit in der Kommune. Diktier nicht alles von oben. Lass uns das selber entscheiden, wir wissen als Stadt, was wir erlauben können! Natürlich gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden.

Partykonzept-Ideen von Lechner vorerst auf Eis gelegt

Was ist eigentlich aus Ihren Ideen zum Feiern im öffentlichen Raum geworden, die Sie im Sommer vorgeschlagen haben, um den Party-Ärger am Gärtnerplatz zu entzerren?
Die liegen in irgendeiner Schublade in der Stadtverwaltung und jetzt ist sowieso erst mal Winter. Der Runde Tisch, den ich mir zu Partykonzepten gewünscht habe, ist auch geschluckt worden. Ich renne seit Juli gegen Wände mit vielen Vorschlägen.

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Stattdessen hat die grün-rote Koalition diese Woche per Antrag gefordert, in Modellversuchen teilweise die Bars und Clubs wieder zu öffnen, mit individuellen Hygienekonzepten.
Ja, das haben sie im Alleingang rausgehauen. Ich halte nicht viel davon, weil das wieder auf Wildwuchs-Regeln rausläuft. Wenn man hier dieses darf und dort aber nur das, ist das für die Menschen wieder nicht nachvollziehbar. Was wir brauchen, ist eine große, langfristige, klare Linie, die für alle gilt. Und ich wünsche mir sehr, dass da alle Fraktionen mitziehen.

München als Vorreiter kreativer Coronakonzepte?

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass Sie den SPD-OB zumindest für die Schul-Ideen gewinnen können?
Groß! München ist Vorreiter bei so vielen Themen gewesen, bei der Lichterkette, beim Kampf gegen Rechts, in der Flüchtlingskrise. Wir können auch Vorreiter dabei sein, zu zeigen, wie man positiv durch diese Coronakrise gehen kann.

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