Leopoldstraße im Wandel: Was aus Münchens berühmter Flaniermeile geworden ist

Neue Lokale eröffnen, alte Treffpunkte verschwinden: Die Leopoldstraße verändert sich. Zwischen Burgerketten, Kult-Wirtshäusern und kleinen Geschichten zeigt ein AZ-Spaziergang, warum Münchens berühmte Meile noch immer ihren besonderen Charme hat.
Niclas Vaccalluzzo
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Trotz Verkehrslärm und Hektik finden sich auch entlang der Leopoldstraße immer wieder kleine Inseln der Ruhe. Neue Konzepte sollen die Straße für möglichst viele Menschen attraktiv machen.
Trotz Verkehrslärm und Hektik finden sich auch entlang der Leopoldstraße immer wieder kleine Inseln der Ruhe. Neue Konzepte sollen die Straße für möglichst viele Menschen attraktiv machen. © Sigi Müller

Der Verkehr rauscht über die vierspurige Leopoldstraße. Sirenen schallen zwischen den Häusern, Menschen hetzen über die Gehwege, Autos liefern sich ein Hupkonzert. Zwei Streifenwagen halten vor dem U-Bahnhof Giselastraße – ein Einsatz im Untergrund, augenscheinlich aber nichts Größeres.

Die Leopoldstraße ist an diesem Freitagmorgen ganz sie selbst: laut, hektisch, ständig in Bewegung. Die 3,6 Kilometer lange Leopoldstraße führt vom Siegestor bis zur Ingolstädter Straße. Gerade zwischen Siegestor und Münchner Freiheit hat sich in den vergangenen Monaten auffallend viel getan. Neue Lokale haben eröffnet, alte verschwinden, die Straße scheint sich neu zu erfinden. Grund genug für einen AZ-Spaziergang.

Hektik und Verkehr auf der Leopoldstraße

Studenten hasten zur U-Bahn, Touristengruppen bleiben kurz stehen, bevor sie weiterziehen. Nur wenige Meter daneben sitzt auf einer Parkbank unweit des "Schweinchenbaus", des markanten rosafarbenen LMU-Gebäudes, eine ältere Dame völlig unbeeindruckt vom Trubel. Den Kopf schützt ein Sonnenhut, ihre Schuhe hat sie ausgezogen. Die Morgensonne fällt auf die Bank.

Der Verkehr rauscht über die Leopoldstraße.
Der Verkehr rauscht über die Leopoldstraße. © Sigi Müller

Neben der Frau sitzen Dutzende gehäkelte Tierchen und kleine Puppen. "Die kosten zwei Euro das Stück", sagt sie und zeigt auf ein kleines gehäkeltes Entlein. Seit Jahren sitze sie hier, häkle und stricke und verkaufe ihre Handarbeiten. "Damit bessere ich meine Rente auf", erzählt die Münchnerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, aber zu einem Foto bereit ist. Einen Gewerbeschein habe sie selbstverständlich auch, fügt sie ungefragt hinzu.

Früher Künstlermeile heute Franchise-Ketten

"Früher war die Leopoldstraße eine richtige Künstlermeile", erinnert sich die Dame. Heute sei davon nicht mehr viel übrig. Nur noch wenige Verkäufer mit selbstgemachten Waren prägen das Straßenbild. Übrig geblieben sind – zumindest zum Zeitpunkt des AZ-Besuchs – neben der Frau auf der Parkbank noch einige Verkaufstische mit gebrauchten Büchern und Zeitschriften, in denen neugierige Studis blättern.

Hier lässt es sich gut aushalten

In den 80er-Jahren war die Leopoldstraße bekannt für legendäre Gastronomie: Livemusik-Kneipen, Wirtshäuser und exklusive Etablissements wie das Café Extrablatt, das inzwischen die Bar Giornale ist. Heute dominieren Filialisten das Bild. Gegenüber dem Schweinchenbau leuchten die Logos von "L’Osteria" und "Peter Pane" an den Häusern.

Vorbei an "Block House" und der bekannten Skulptur "Walking Man" vor der Zentrale der Munich Re eröffnete vor einigen Monaten auf Höhe der Hausnummer 42 eine Filiale der Burgerkette "Goldies" und sorgte für lange Warteschlangen (AZ berichtete). Zwei Häuser weiter verkauft bereits der nächste Laden "Unique Burger" seine Smashburger. Daneben wirbt die türkische Franchisekette Mackbear Coffee um eine Kaffeepause.

Die Leopoldstraße ist heute vielleicht etwas schneller als früher. Wer beim Durchschreiten der Straße nicht aufmerksam ist, wird ab und an mit kleinen Remplern bestraft – von Radfahrern ebenso wie von eilenden Passanten. Einige unverwüstliche Platzhirsche sorgen jedoch noch immer für Ruhe und erinnern an frühere Zeiten. Etwa das Wirtshaus zur Brezn in der Leopoldstraße 72.

Neue Lokale wollen die Leopoldstraße wiederbeleben

Die ruhigen Schwabinger Seitenstraßen haben der großen Meile dennoch etwas die Show gestohlen. Neue Gastronomen hoffen aber auf eine Rückkehr des Flanierens. Melanie Kssis-Ferell, Mitgründerin des neuen Lokals Anamesa in der Leopoldstraße 68, hat sich beim AZ-Besuch genau das zum Ziel gesetzt. "Wir wollen die Schwabinger zurück aus den Seitenstraßen locken", sagt sie.

Schon seit Jahren sitzt diese Münchnerin an der Leopoldstraße und verkauft ihre selbst gemachten Häkeltierchen.
Schon seit Jahren sitzt diese Münchnerin an der Leopoldstraße und verkauft ihre selbst gemachten Häkeltierchen. © Sigi Müller

Tatsächlich finden sich, nachdem in den vergangenen Jahren vor allem Shisha-Bars, Ladenketten und Schnellimbisse das Erscheinungsbild der Straße prägten, inzwischen wieder immer mehr kreative Konzepte. Erst Ende 2024 eröffnete mit dem Papa Benz ein Wirtshaus, das bewusst an die Zeit anknüpfen will, als die Leopoldstraße noch als beliebte Flanier- und Ausgehmeile galt – inklusive Livemusik.

Schwabinger sollen zurück auf die Leopoldstraße

In den Seitenstraßen erhoffen sich die Anwohner wohl mehr Ruhe. Aber trotz Verkehrslärm und Hektik finden sich auch entlang der Leopoldstraße immer wieder kleine Inseln der Ruhe. Vor der Gelateria Espresso sind fast alle Plätze besetzt, ein paar Häuser weiter sitzen Gäste vor dem Rischart im Schatten. Es scheint, als würden sie die hektische Umgebung gar nicht wahrnehmen.

Zeit für eine Pause. Und tatsächlich: Beim Café ohne Stress und ohne Hektik merkt auch der AZ-Reporter, wie die Sirenen und Hupen mit der Zeit zu verstummen scheinen.

Auch die Dame mit den Figuren sitzt am frühen Nachmittag noch in der Sonne und häkelt. "Hier lässt es sich gut aushalten", bestätigt sie. Wer also etwas gegen den Strom schwimmt, sich hier nicht hetzen lässt und genauer hinschaut, findet zwischen Burgerläden und Coffee-to-go noch immer die kleinen Geschichten, die diese Straße seit Jahrzehnten ausmachen.

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