Interview

Landschaftsarchitekt Heidenreich: "Die Landwehrstraße für Fußgänger"

Wolfgang Heidenreich von Green City hat mit Anwohnern diskutiert, wie man das Bahnhofsviertel attraktiver machen kann. Hier erklärt er,was zu tun ist.
| Conie Morarescu
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Wolfgang Heidenreich ist Landschaftsarchitekt und beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit Stadtklima. Auch beim Begrünungsbüro des Vereins Green City arbeitet er mit.
Wolfgang Heidenreich ist Landschaftsarchitekt und beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit Stadtklima. Auch beim Begrünungsbüro des Vereins Green City arbeitet er mit. © Tobias Hase

München - Das südliche Bahnhofsviertel scheint vielen Münchnern nicht die schönste Ecke der Stadt zu sein. Häufig fehlt es an Grün und an Rückzugsorten. Straßen wie die Landwehrstraße haben nicht unbedingt den Ruf, dass man sich hier gerne länger aufhält.

Anwohner, Eigentümer und Ladenbetreiber arbeiten an einer "Grünen Stadt der Zukunft"

Im Rahmen des vom Bund geförderten Projekts "Grüne Stadt der Zukunft" fand ein Online-Workshop statt - durchgeführt vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Green City half mit. Etwa 50 Anwohner, Eigentümer und Ladenbetreiber haben sich beteiligt und konnten ihre Meinung zu verschiedenen Zukunftsvisionen (siehe Bilder) für 2040 äußern. Wolfgang Heidenreich vom Begrünungsbüro von Green City sprach mit der AZ darüber, welche Herausforderungen bei der Umsetzung solcher Visionen bestehen.

AZ: Herr Heidenreich, was ist Ihre Vision vom südlichen Bahnhofsviertel? Wie soll es 2040 aussehen?
Wolfgang Heidenreich: Ich stelle mir vor, dass die Landwehrstraße eine Fußgängerzone ist und nur noch Anlieger mit dem Auto hinein fahren dürfen. Es gibt dort also kaum Autoverkehr, Fußgänger und Radfahrer haben viel Platz, um sich zu bewegen und aufeinander Rücksicht zu nehmen. Viele öffentliche Sitzgelegenheiten laden zum Aufenthalt ein. Gemütliche Bänke, auch viele Schattenplätze im Grünen. Dort können sich Familien hinsetzen und Brotzeit machen, ohne zwingend etwas im Café oder Restaurant konsumieren zu müssen. Es ist viel mehr Leben auf der Straße und die Menschen halten sich gerne draußen auf.

Alle wollen mehr Grün in der Stadt

Eine angenehme Vorstellung. Teilten die Teilnehmer des Workshops diesen Wunsch?
Bei dem Workshop wurden den Teilnehmern von verschiedenen Orten im Viertel jeweils zwei Zukunftsvisionen vorgelegt. Darunter fallen die Landwehrstraße und die Schwanthalerstraße. Sie konnten sich zu den Visualisierungen äußern. Es bestand unter allen Teilnehmern eine große Einigkeit darin, dass mehr Grün gewünscht ist.

Warum zwei Zukunftsvisionen?
Einmal geht es um die Maßnahmen, welche die Politik, also die Stadt, ergreifen kann, wie zum Beispiel verkehrsberuhigte Zonen oder die Bepflanzungen im öffentlichen Straßenraum. Die andere Vision befasst sich mit dem, was die Eigentümer, Anwohner und Ladenbetreiber tun können. Hier sprechen wir von der Begrünung der Hausfassaden, Dächer und Innenhöfe.

Das eine schließt das andere aber nicht aus, oder?
Nein, es ist auch nicht als Entweder-oder gemeint. Die beiden Zukunftsvisionen sollen nur als Anregung dienen, was möglich ist. Sie zeigen, wo die verschiedenen Verantwortungsbereiche liegen. Für den öffentlichen Straßenraum ist die Stadt zuständig. Doch auch die Gebäude selbst, die in Privateigentum liegen, können begrünt werden. Viele Eigentümer wissen gar nicht, dass sie sehr viel für die Anpassung an den Klimawandel tun können. Es geht nicht nur darum, das Viertel angenehmer zu gestalten. Wir können durch die Bepflanzung etwas Wesentliches für das Mikroklima tun.

Wie könnte die Schwanthalerstraße aussehen? So zum Beispiel, mit mehr Platz für Radfahrer und mehr Grün. Diese Entwürfe wurden Anwohnern und Gewerbetreibenden bei einem Workshop vorgelegt und ihre Meinung dazu eingeholt.
Wie könnte die Schwanthalerstraße aussehen? So zum Beispiel, mit mehr Platz für Radfahrer und mehr Grün. Diese Entwürfe wurden Anwohnern und Gewerbetreibenden bei einem Workshop vorgelegt und ihre Meinung dazu eingeholt. © BMBF-Projekt "Grüne Stadt der Zukunft"/Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)/Volker Haese

Mit bepflanzten Fassaden gegen die Klimaerwärmung

Also dann geht es vor allem um den Umgang mit der Klimaerwärmung?
Genau. Begrünt man Fassaden oder Dächer, werden die Gebäude verschattet und die Bausubstanz heizt sich deutlich weniger auf. Es wird weniger Wärme gespeichert und nachts auch weniger abgestrahlt. Die Pflanzen verdunsten Wasser, dadurch kühlen sie die Gebäude zusätzlich. Außerdem schützen sie die Gebäude vor extremen Temperaturschwankungen, die Risse verursachen können.

Sie haben gerade gesagt, dass viele Eigentümer nicht über diese Möglichkeiten Bescheid wissen. Warum ist es denn eigentlich so schwierig, diese zu erreichen?
Der Datenschutz steht uns im Weg. Wir können die Kontaktdaten der Eigentümer nicht herausfinden. Selbst den städtischen Referaten sind die Hände gebunden. Unser Job ist es, die Bürger zu informieren, ihnen die Möglichkeiten aufzuzeigen, sie aufzuklären. Aber das ist nicht immer einfach.

Wie könnte die Schwanthalerstraße aussehen? So zum Beispiel, mit mehr Platz für Radfahrer und mehr Grün. Diese Entwürfe wurden Anwohnern und Gewerbetreibenden bei einem Workshop vorgelegt und ihre Meinung dazu eingeholt.
Wie könnte die Schwanthalerstraße aussehen? So zum Beispiel, mit mehr Platz für Radfahrer und mehr Grün. Diese Entwürfe wurden Anwohnern und Gewerbetreibenden bei einem Workshop vorgelegt und ihre Meinung dazu eingeholt. © BMBF-Projekt "Grüne Stadt der Zukunft"/Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)/Volker Haese

Sie erhalten für Ihre Arbeit städtische Förderung?
Das Begrünungsbüro von Green City wird vom Referat für Klima- und Umweltschutz gefördert. Ziel ist es, die Temperatur in der Stadt zu senken. Wir beraten Eigentümer und Unternehmen darüber, wie sie ihre Gebäude begrünen können und welche Förderungsmöglichkeiten es gibt. Wer seine Immobilie im Stadtgebiet als freiwillige Maßnahme begrünen will, der kann mit bis zu 50 Prozent aller entstehenden Kosten gefördert werden.

Das steht einer Begrünung im Wege

Das klingt attraktiv. Und dennoch sehen wir noch relativ wenig begrünte Fassaden. Was steht denn einer Begrünung der Stadt im Wege?
Die Gründe sind vielfältig. Es gibt einige bürokratische Hindernisse. Zum Beispiel die Stellplatzverordnung, die vorschreibt, dass eine gewisse Anzahl an Parkplätzen geschaffen werden muss, wenn ein Gebäude gebaut wird. Dadurch wird häufig eine Begrünung der Innenhöfe verhindert.

Die Landwehrstraße mal ohne Verkehr.
Die Landwehrstraße mal ohne Verkehr. © BMBF-Projekt "Grüne Stadt der Zukunft"/Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)/Volker Haese

Was sollte man da tun?
Der Stellplatzschlüssel sollte in dichten Quartieren unbedingt flexibler gestaltet werden. Dann das Wohnungseigentümergemeinschaftsgesetz (WEG-Gesetz). Bisher muss für eine Gebäudebegrünung ein einstimmiger Beschluss in der Eigentümergemeinschaft gefasst werden. Es reicht, wenn sich ein einziger Wohnungseigentümer quer stellt, dann ist das Thema vom Tisch. Seit 1. Dezember 2020 gilt das neue WEG-Gesetz. Ich hoffe, dass dies die Gebäudebegrünung erleichtert.

Und die Straßenraumbegrünung? Könnte die Stadt dort nicht schneller agieren?
Neben den bürokratischen Schwierigkeiten gibt es auch technische Hindernisse. Da haben wir zum Beispiel das Problem mit den Sparten.

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"Noch ist die Autolobby stärker, die Politik lässt sich beeinflussen"

Erklären Sie das bitte.
Das sind die Leitungen, die unterhalb der Gehwege und Straßen verlaufen. Kanal, Wasser und Strom zum Beispiel. Häufig scheitert es an diesen Leitungen, dass Bäume gepflanzt werden. Und dann kommt noch dazu: Auch hier müssten Parkplätze für Grünflächen weichen. Ich vermute, dass die meisten Bewohner im südlichen Bahnhofsviertel überhaupt kein Auto besitzen und lieber eine höhere Aufenthaltsqualität hätten. Noch ist die Autolobby stärker, weil sich zu wenige Grünbefürworter bemerkbar machen. Die Politik lässt sich in meinen Augen von den falschen Interessensgruppen beeinflussen.

Garteln auf der Goethestraße? Warum eigentlich nicht!
Garteln auf der Goethestraße? Warum eigentlich nicht! © BMBF-Projekt "Grüne Stadt der Zukunft"/Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)/Volker Haese

Was kann der Einzelne dazu beitragen, dass sich das ändert?
Die Bürgerinnen und Bürger müssen von den Politikern einfordern, dass der Autoverkehr in der Stadt reduziert wird. Gleichzeitig sollte die Politik Hindernisse beseitigen und Anreize schaffen, besonders in dicht besiedelten Räumen. Die Förderungen für private Begrünungsmaßnahmen durch das Baureferat Gartenbau gehen bereits in die richtige Richtung. Alle gemeinsam sollten sich bemühen, das Thema Anpassung an den Klimawandel anzugehen, damit wir in Zukunft noch gerne in der Stadt leben und nicht so stark unter dem Klimawandel leiden müssen.

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