Krawalle am Monopteros: Seit 60 Jahren ein Problem in München

Krawalle und Randale wie zuletzt am Monopteros sind kein neues Phänomen. Schon in den 50er Jahren hatte München ein Problem mit "Halbstarken".
| Karl Stankiewitz
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Das Foto zeigt eine Szene der "Schwabinger Krawalle" von 1962. Eine Protesthaltung wie dort gab es bei den Auseinandersetzungen Mitte der 50er Jahre nicht.
Archiv/dpa Das Foto zeigt eine Szene der "Schwabinger Krawalle" von 1962. Eine Protesthaltung wie dort gab es bei den Auseinandersetzungen Mitte der 50er Jahre nicht.

München - Die jüngsten, wiederholten Ausschreitungen von Jugendlichen im Englischen Garten erinnern an Vorgänge in den 1950er-Jahren. Mitten in der Ära des "Wirtschaftswunders" wurden sie zum gesellschaftlichen Problem – und schließlich sogar ein Filmthema: die sogenannten Halbstarken. In Münchner Vorstädten und in öffentlichen Parks rotteten sich damals Schüler und Lehrlinge zusammen. Sie betranken sich, balgten sich, pöbelten Erwachsene an und versuchten bei Gelegenheit, ihr Mütchen an Polizisten zu kühlen. Allmählich artete die noch ungeformte Rebellion dermaßen aus, dass sie die Gerichte beschäftigte. Von 1954 bis 1958 stieg die Jugendkriminalität in München um nicht weniger als 81 Prozent.

Jugendbanden sorgen auf der Auer Dult für Unruhe

Scheinbar grund- und sinnlos passierte das alles. Eine Protesthaltung, wie 1962 bei den "Schwabinger Krawallen" oder noch deutlicher ab 1967, war nicht zu erkennen. Die Verantwortlichen waren dann auch ratlos, ihre Erklärungen unzureichend. So verwies man auf die vielen Kriegswaisen und auf die sogenannten "Schlüsselkinder", die fast ganztätig unbetreut waren. Im Jahr 1957 hatten 30 Prozent aller Münchner Volksschüler berufstätige Mütter.

Richtig losgegangen war es in der Au, deren "Stenze" schon Thema auf alten Volkssängerbühnen waren; eine "Ankerblase" forderte dann sogar die Gestapo heraus – der Schreiber dieser Zeilen, der selbst in der Au aufgewachsen ist, kann sich noch an deren Treiben (und plötzliches Verschwinden) erinnern. Vor allem machte sich auf der Auer Dult eine "Totenkopfblase" unangenehm bemerkbar. Als diese zum Bürgerschreck wurde und sich weitere Jugendbanden bildeten, lud das von der Stadt geförderte Jungbürgerforum die "Halbstarken" und ihre Anführer – Mädchen waren zunächst noch kaum beteiligt – zu einem denkwürdigen Gespräch ins Hofbräuhaus. Ein Probelauf für die bei späteren Revolten durchaus erfolgreiche "Münchner Linie".

Der SPD-Landtagsabgeordnete (und spätere Regensburger Oberbürgermeister) Rudolf Schlichtinger, eine Bärengestalt, wollte erst einmal die Lage klären: "Das Wort Halbstarke ist zu einem Kollektivbegriff geworden, der für Boogie-Woogie-Tänzer ebenso angewandt wird wie für richtige Rowdies, für Mädchen in Schlauchhosen wie für einzelne Kleinkriminelle." Die Frage laute nun nicht: Wie hoch sollen die Strafen sein, sondern: Wie kann die Gesellschaft die Jugend davor bewahren, überhaupt kriminell zu werden?

Amerikanische Filme für Ausschreitungen Verantwortlich gemacht

Dann zitiert Schlichtinger eine Zeitungsmeldung: "In einem abgelegenen Waggon hatten sich Jugendliche ein fideles Heim eingerichtet." Zurufe: "Bravo", "pfundig". Zweiter Satz: "Die Polizei stellte fest, dass eine Gruppe von 16- bis 17-Jährigen hier regelmäßig Saufgelage veranstaltete." Rufe aus dem Saal: "Warum denn ned? Is doch guat." Weiter: "Wie sich herausstellte, hatte die jugendliche Bande hier ein regelrechtes Diebeslager eingerichtet." Da änderte sich plötzlich die Stimmung der Zuhörer, "Pfui" hallte es wider. Doch dann kam die eigentliche Pointe: Die Zeitungsmeldung stammte aus dem Jahr 1895.

Der Volksvertreter hatte damit zweierlei klargemacht: Dass Jugendliche sehr wohl unterscheiden können zwischen Lausbuben-Abenteuer und Kriminalität– und dass es die sogenannten Halbstarken auch früher schon gegeben hat. Jetzt konnte er es wagen, seinen Zuhörern ins Gewissen zu reden.

"Sind Rowdies, die in Gruppen harmlose Leute überfallen, eigentlich Halbstarke? Nein, wer dreißig Helfer braucht, um einen einzelnen zu verprügeln, der ist ein ausgesprochener Feigling, den seine Altersgenossen missachten sollten." Stürmischer Beifall. Aber auch Widerspruch. Etwa, wenn Schlichtinger meinte: "Der amerikanische Film ist für die deutsche Jugend nicht immer förderlich." Als er dem Elternhaus einen Teil Schuld zusprach, war die Reaktion geteilt.

Eine Folge der Krawalle: Jugendarbeit auch in München

Mitschuld an der Jugendgefährdung gab Staatsanwalt Edmund Speidel, der eine "Zentralstelle zur Bekämpfung unzüchtiger Schriften und Abbildungen" leitete, den sogenannten "Schundheftln", die für 40 Pfennig Tod und Liebe boten. Ein besonders erfolgreicher Verleger war ein alter Nazi, der ehemalige Gaupropagandaleiter von Danzig. Folgen: Ein 15-jähriger Münchner Kochlehrling las den "Lyncher" und erhängte nach dem Vorbild des Titelhelden einen Fünfjährigen am Fensterkreuz. Ein Vierzehnjähriger versuchte, sich selbst aufzuhängen und in letzter Sekunde den Strick abzuschneiden, wie er es gelesen hatte.

Bevor man sich im berstend vollen Hofbräu-Festsaal trennte, bat der SPD-Stadtrat Mühlbauer noch zu einer Besprechung: "Die Blasenführer bitte noch mal melden." Gemächlichen Schrittes folgte der Oberboss – blonder Backenbart, Sturzhelm mit aufgemaltem Totenschädel unterm Arm – der Aufforderung und maulte in unverfälschtem Auer Dialekt: "Mir gengan grad so in d’Arbat wia die andern; bloss, wenn mia z’samm stenga, kimmt die Polizei und vajogt uns. Des meng ma net." München: Das droht den Krawallos aus dem Englischen Garten

Durch Gespräche mit Jugendlichen und der Polizei erfuhr Rektor Kurt Seelmann, der Leiter des Stadtjugendamtes, dass es Anfang 1957 in München 30 bis 40 "Blasen" mit bis zu fast hundert Mitgliedern gab, lauter wilde Organisationen von Schülern und Lehrlingen. Seelmann sah Anzeichen, dass sich immer mehr junge Menschen, auch aus höheren Gesellschaftsschichten, solchen Jugendbanden zuwenden. Neuerdings bemerkte er auch bei Mädchen ein wachsendes Interesse.

Während sich 1957 der bayerische Landtag unter Anhörung von Psychologen mit dem Halbstarken-Problem auseinandersetzte, rollten vor dem Jugendschöffengericht des Landgerichts München zwei Prozesse ab, die noch einmal die schon abflauende "Halbstarken-Welle" in ihrem ganzen Ausmaß ins öffentliche Bewusstsein spülten: Im August 1955 hatten etwa 200 Jugendliche auf der Auer Dult der Polizei eine regelrechte Straßenschlacht geliefert.

Rebellion in München: Stadt und Landtag nehmen sich des Problems an

Elf von ihnen, 15 bis 21 Jahre alt, standen nun vor dem Richter. Wie Musterknaben, mit schicken Anzügen und frisch geschnittenem Haar. Sie seien nur aus Neugier vor dem Auto-Scooter stehen geblieben. Die von Zeugen gehörten Parolen "Heut schmeißen wir die Buden um" und "Haut die Blauen zsamm" seien von anderen ausgegeben worden, und von den Steinwürfen wussten sie auch nichts mehr. So kamen sie mit Jugendarrest davon. "Bildet euch nur nichts ein," wurden sie von der Amtsgerichtrsrätin entlassen. "Ihr seid keine Halbstarken, sondern höchstens Zehntelstarke."

Fall Nr. 2 brachte fünf Angehörige der "Spitzblase" auf die Anklagebank. Sie hatten mit zehn Gleichaltrigen auf einer Isarinsel ein Ehepaar überfallen und niedergeschlagen. Anlass: Einer hatte den Mann mit unbeleuchtetem Fahrrad angefahren und war von diesem geohrfeigt worden. "Was ich nun erlebte, war mir nicht mal bei den wochenlangen Verhören in russischer Kriegsgefangenschaft passiert," sagte der Zeuge, der wochenlang im Krankenhaus lag. "Dich machen wir kalt...ich bring dich um." Fußtritte in Gesicht und Unterleib, die Rowdies waren außer Rand und Band. Auch die Frau bekam Prügel. Das Gericht musste die Verhandlung wegen eines Formfehlers aussetzen. Auf dem Terminkalender standen noch die "Innung", die "Neuen Eulen" und die "Schwarze Hand".

Nachdem sich der Landtag des Problems angenommen hatte, beschloss die Staatsregierung nicht weniger als drei "Jugendnotprogramme", mit denen der Bundesjugendplan flankiert werden sollte. Die Stadt München wurde ebenfalls aktiv. Eine Jugendschutzwoche sollte aufklären und zugleich vorbeugen. In Kiosken konnten Jugendliche ihre Schundheftln gegen gute Hefte umtauschen. Jugendamtsdirektor Seelmann präsentierte ein Programm für "Blasen".

Dazu gehörten ein fast kostenloser Rock & Roll Ball, Heime der Offenen Tür auch in Wohnungen und Kellern, "Versammlungsplätze" auf Sportplätzen und in Parks, eine Mopedrennbahn auf einer Schuttkippe; Jugendliche sollten jeweils mithelfen. Sobald sich, nach Seelmanns Vorstellung, "der indifferente Kollektivgeist in verschiedenen Richtungen aufgegliedert" und immer mehr von den Jugendlichen in Hobbies, in eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung und ein spezielles Interesse entwickelt sein wird, soll das Programm in seine dritte Phase eintreten.

Dazu gehören gemeinsame Ausflüge, Führungen in Museen und Wettbewerbe mit der organisierten Jugend. Auch wollte das Jugendamt ein eigenes Pressebüro aufmachen, das gute Nachrichten über junge Leute an die Zeitungen gibt.

Nicht alles wurde verwirklicht, doch Kurt Seelmann hat sich um die Jugendkultur in München hoch verdient gemacht. Bei den nächsten Jugendkrawallen, im Juli 1962 in Schwabing, geriet er versehentlich unter die Gummiknüppel der noch städtischen Polizisten.

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