"Krailing-Angeklagter deutet Realität um"

Wut, Uneinsichtigkeit, gestörte Beziehungen: Der Kriminalpsychologe Christian Lüdke erklärt die wirren Aussagen des mutmaßlichen Doppelmörders von Krailling.
| Tina Angerer
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Gleich wird Thomas S. (r.) seine bizarre Aussage machen. Seine Anwälte Adam Ahmed (mitte) und Eva Gareis (l.) hatten bis zuletzt versucht, ihn daran zu hindern – jetzt schaut er betreten zur Seite.
dpa Gleich wird Thomas S. (r.) seine bizarre Aussage machen. Seine Anwälte Adam Ahmed (mitte) und Eva Gareis (l.) hatten bis zuletzt versucht, ihn daran zu hindern – jetzt schaut er betreten zur Seite.

Wut, Uneinsichtigkeit, gestörte Beziehungen und fehlendes Mitgefühl: Der Kriminalpsychologe Christian Lüdke erklärt die wirren Aussagen des mutmaßlichen Doppelmörders von Krailling.

München - Der bizarre Auftritt von Thomas S. gibt vielen Rätsel auf. Glaubt er selbst, was er sagt? Denkt er, seine wirren Aussagen, die der Spurenlage, der Zeugenaussagen und sich selbst widersprechen, würde ihm jemand abnehmen?

Der Kriminalpsychologe Christian Lüdke versucht, das Phänomen zu erklären. „Man wird nicht über Nacht zum Mörder. Solche Menschen haben über Jahre gestörte Beziehungen, sie haben jahrelang versagt, im Beruf, in der Familie, in der Ehe. Sie haben kein Mitgefühl mit anderen. Das bedeutet jahrelang das Gefühl von Ohnmacht und Wut auf die, die vermeintlich schuld sind. In solchen Taten wird die Ohnmacht in Allmacht umgemünzt.“ Für den Moment der Tat muss sich Thomas S. für mächtig gehalten haben, für einen, der die Dinge in die Hand nimmt. „Dieser Mann hat seine eigenen Belange – in dem Fall das Geld aus dieser Familie – über alle anderen gestellt.“

Im tiefen Innern, so erläutert der Psychologe, weiß er aber, dass er Unrecht getan hat. Im Prozess sagt er selbst: „Das macht man nicht.“ Den Gedanken an die eigene Schuld lasse er aber nicht zu. „Um mit seiner Tat zurecht zu kommen, deutet er die Realität um. Täter sagen dann oft ,Das war ich nicht’. oder ,Das war nicht so schlimm’ oder „Das ging ja nicht anders’.“ Im Zweifel sind die anderen schuld; Thomas S. beschuldigte vor Gericht die Zeugen der Falschaussage, er kritisierte Erkennungsdienstler und Polizisten und faselte sogar von einer Blutprobe, die aus dem Gefängnis verschwunden sei.

„Er streitet das ja fast ab wie ein Kind, das bis zuletzt leugnet, obwohl es längst überführt ist – Kinder machen das aus Angst vor Strafe, aus Angst, die Mutter könnte sie nicht mehr lieben.“ Bei S. sei das die Angst, das Scheitern seines ganzen Lebens erkennen zu müssen. „Für ihn steht die Tat ja im Zusammenhang mit seinem ganzen Leben, mit einer Fülle von Unrecht, das ihm seiner Meinung nach widerfahren ist. Und mit dem Wunsch, sein Leben im Griff zu haben.“ Dass er längst nichts mehr im Griff hat, dass er Schuld am Tod zweier unschuldiger Kinder ist, das will er vor sich selbst nicht einräumen. „Bei manchen Tätern geht das soweit, dass das regelgerecht abgespalten ist.“ Selbst dass er sich vor aller Augen in offenbar unsinnige Aussagen verstricke, sei „ für ihn leichter zu ertragen, als sich mit seiner Tat zu befassen“.

Bei Aussagen wie „Das müssen Sie schon Sharon fragen,“ kommt laut dem Experten die Wut und Uneinsichtigkeit durch, die er kultiviert hat – schon Jahre bevor er seine grausame Tat für die Lösung seiner Probleme hielt. Auch dass Thomas S. sowohl Geldprobleme, als auch Probleme mit seiner Schwägerin, seinen Kindern und seiner Frau abstritt, passe ins Bild. „Dieser Mann hat sein Leben lang von einem Leben geträumt, das er nicht hatte.“ An eine spätere Einsicht im Gefängnis glaubt der Psychologe nicht. „Dort wird er ja nicht therapiert. Das wird in der Haft oft noch schlimmer. Solche Täter denken noch Jahre, dass die Strafe ungerecht ist und dass sie es eines Tages allen zeigen werden.“

 

 

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