Konzertkritik - Steve Winwood auf dem Tollwood: Sein linker Fuß

Steve Winwood liefert auf dem Tollwood eine virtuose Show mit Understatement - seine Band kommt dank Winwoods linken Fußes ohne weiteres Mitglied aus.
| Dominik Petzold
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Steve Winwood ganz unaufgeregt an seiner Hammond-Orgel im Tollwood-Zelt.
imago/Sven Simon Steve Winwood ganz unaufgeregt an seiner Hammond-Orgel im Tollwood-Zelt.

Steve Winwood liefert auf dem Tollwood eine virtuose Show mit Understatement - seine Band kommt dank Winwoods linken Fußes ohne weiteres Mitglied aus.

Nachdem die Vorband ein, zwei Songs gespielt hat, ist es beruhigend zu wissen, dass Steve Winwood schon irgendwo in der Nähe ist. Denn nur wenige Künstler und Bands wären gut beraten, nach "The Magpie Salute" die Bühne zu betreten. Die meisten kämen doch recht ärmlich daher nach diesem Spin-Off der Black Crowes, der mit Abstand besten Frühe-Siebziger-Jahre-Band der vergangenen 30 Jahre.

Die hat sich 2015 aufgelöst, als sich Sänger Chris Robinson mit seinem Bruder Rich Robinson überworfen hat. Der Gitarrist und Songwriter führt jetzt das Band-Erbe würdevoll fort: Zwei ehemalige Crowes-Kollegen sind bei "The Magpie Salute" dabei, Leadgitarrist Marc Ford und der deutsche Bassist Sven Pipien, dazu drei weitere Musiker, ein Sänger und drei Sängerinnen in bestickten Hippie-Gewändern. Und diese kleine Big Band bläst den Sound der Black Crowes mit voller Wucht ins Tollwood-Zelt.

Rich Robinson eröffnet das Konzert mit einem Killer-Riff, schon geht ein wilder Jam los, bei dem Marc Ford die hohen Saiten immer genau bis zu dem Ton zieht, der einen mitten ins Herz trifft. Es folgen die Black Crowes-Songs "Black Moon Creeping" und "Sometimes Salvation", ein paar neue Lieder und ein paar Verbeugungen, darunter ein Stephen-Stills-Gedächtnissolo von Rich Robinson und der Temptations-Song "(I Know) I’m Losing You", getreu der Version von Rod Stewart und den Faces.

Der Mischer kriegt die Gewalt dieser Riesencombo nie ganz in den Griff, Sänger John Hogg singt voller Inbrunst und ist doch oft zu leise – aber egal, diese Band rockt großartig. "Danke, dass ihr hiergeblieben seid", sagt Rich Robinson, der 30 Millionen Alben verkauft hat, in höflicher Vorband-Manier. Und verabschiedet sich mit dem Klassiker "Wiser Time" von seinem Meisterwerk "Amorica".

Steve Winwood braucht keinen Bass - er hat einen linken Fuß

Nach nur fünfzig Minuten ist das Vergnügen vorbei, doch Steve Winwood fängt einen sanft auf. Zurückhaltend betritt er die Bühne, winkt kurz, lächelt freundlich und setzt sich hinter seine Hammond-Orgel. Jung sieht er aus, dieser 69-Jährige, eher wie Anfang fünfzig. Kann es wirklich ein halbes Jahrhundert her sein, dass er "I’m a Man" geschrieben hat?

Damit legt er los, aber ganz dezent, mit einem leichten Latin-Feeling. Seine Musik ist der Gegenentwurf zur wilden Kraft von "The Magpie Salute": der Sound völlig klar, jede Note der Fünf-Mann-Band völlig transparent und, klar, hochgradig virtuos. Aber wo ist eigentlich der Bassist geblieben?

Wofür Bands gewöhnlich einen ausgewachsenen Menschen brauchen, reicht bei Steve Winwood der linke Fuß: Der Teufelskerl spielt bei vielen Songs den Bass auf den Orgelpedalen. Mit dem rechten Fuß steuert er die Lautstärke der Orgel, mit dem linken spielt er flinke Läufe. Und sorgt so mit Schlagzeuger und Percussionist für einen tollen Groove. Parallel dazu spielt Winwood Orgel und singt er mit seiner unverändert großartigen Stimme – unglaublich. Der liebe Gott hat das Talent sehr ungleich unter den Menschen verteilt.

Das Tollwood-Zelt gibt "Some Lovin"

Dann greift Winwood zur Gitarre. Und haut das unwiderstehliche Motiv von "Had To Cry Today" raus, das er 1969 für "Blind Faith" geschrieben hat, seine kurzlebige Supergroup mit Eric Clapton. Wie damals klingt auch das Doppelsolo, mit dem er und Gitarrist José Neto die Dynamik des Songs am Ende immer mehr steigern.

Bei vielen anderen Songs – die meisten aus seinen frühen Jahren mit Traffic – überlässt Winwood das Rampenlicht Saxophonist und Flötist Paul Booth. Der übernimmt dann beim Schlusssong "Higher Love" parallel Bläsersatz und Background-Gesang. Als Zugabe besingt Winwood den alten "Mr. Fantasy" und spielt den Mega-Hit der Spencer Davis Group, den er als 17-Jähriger geschrieben hat: "Gimme Some Lovin’". Ob sich die Zuschauer bei dieser Bitte persönlich angesprochen fühlen? Der Schlussapplaus ist jedenfalls gewaltig.

Lesen Sie hier: Zucchero auf dem Tollwood - und dann kommt Pavarotti...

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