"Kommt alles wieder hoch": Erster Verhandlungstag im Prozess um Anschlag auf Verdi-Demo

Ein Raunen geht durch die Reihen der Zuschauertribüne, als Farhad N. am Freitag den Gerichtssaal im Strafjustizzentrum betritt. Fast ein Jahr ist vergangen, seit der 25-Jährige am 13. Februar sein Auto bewusst in einen Verdi-Demonstrationszug in der Seidlstraße gesteuert haben soll. Eine Mutter und ihre zweijährige Tochter kamen dabei ums Leben, 44 weitere Menschen wurden teils lebensgefährlich verletzt.
Prozess um Anschlag auf Verdi-Demo: Auftakt im Strafjustizzentrum München
Bereits einen Tag nach dem Anschlag übernahm die oberste Ermittlungsbehörde Deutschlands den Fall: die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Am 19. August erhob sie Anklage gegen den gebürtigen Afghanen Farhad N.
Am Freitagmorgen beginnt nun vor dem Oberlandesgericht die juristische Aufarbeitung des Anschlags in einem Staatsschutzprozess. Unter dem Vorsitz von Michael Höhne will der 7. Strafsenat in insgesamt 38 angesetzten Verhandlungsterminen bis Ende Juni ein klareres Bild davon schaffen, was sich an jenem grausigen Februartag in der Maxvorstadt zugetragen hat.
Das Programm: Der Senat will ab Montag zunächst den Hergang des Anschlags rekonstruieren, um sich dann mit den Folgen zu beschäftigen. Zum Schluss sollen der Hintergrund der Tat beleuchtet und die Frage nach der Schuldfähigkeit geklärt werden. Seit dem Tag der Tat sitzt Farhad N. in Untersuchungshaft, zeitweise auch in der forensischen Klinik in Straubing, bevor er Anfang Januar wieder in die Justizvollzugsanstalt Stadelheim überführt wurde.
Am Freitagvormittag erscheint er dann, umringt von acht Beamten, im Gerichtssaal: in grüner Jacke und blauer Hose, das Gesicht hinter einem roten Hefter verborgen.
Der Angeklagte schweigt – und zeigt ein religiöses Zeichen
An diesem ersten Verhandlungstag – und vermutlich auch an den folgenden, das lässt er durch seine Anwälte mitteilen – möchte der 25-Jährige so gut wie kein Wort sagen. Äußern will er sich aber trotzdem – mit einer Geste: Während der Film- und Fotoaufnahmen der Presse hebt er mehrfach den Zeigefinger. Das Handzeichen, das man auch von Fußballplätzen kennt, gilt als Bekenntnis zum muslimischen Glauben.
Das Symbol selbst, auch "Tauhid"-Finger genannt, stellt kein terroristisches Zeichen dar, mutet aber im Zusammenhang mit dem Anschlag befremdlich an. Vor allem wohl deshalb, weil die Bundesanwaltschaft dem jungen Mann vorwirft, die Tat "aus einer übersteigerten religiösen Motivation heraus" begangen zu haben. Inwieweit das bewiesen werden kann, soll in den kommenden Monaten festgestellt werden.
Ein Tag, der Spuren hinterlassen hat
Was aber schon jetzt feststeht: Der 13. Februar hat Spuren hinterlassen. Noch einmal wird das deutlich, als ein Staatsanwalt die Anklageschrift verliest. Neben den Vorwürfen gegen Farhad N. sind dort alle Unfallopfer mit ihren Verletzungen aufgeführt. Die Liste wirkt endlos: Prellungen, Frakturen, Schürf- und Schnittwunden, innere Blutungen – und einige Betroffene sollen bis heute unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden.
Viele der Unfallopfer treten in dem Prozess als Nebenkläger auf. Sie alle haben unter der Zuschauertribüne Platz genommen – sind von dort also nicht zu sehen. Vor welchen Blicken sie allerdings nicht geschützt sind, sind die des Angeklagten. Immer wieder sieht Farhad N. während der Verhandlung in die Richtung der Nebenkläger. Welche Gedanken den Unfallopfern in diesem Moment durch den Kopf gehen, lässt sich nur erahnen.
Mit dem Prozess kommt alles wieder hoch
Die Münchner Verdi-Geschäftsführerin Claudia Weber war bei der Demo am 13. Februar unter den Teilnehmerinnen. Nicht in unmittelbarer Nähe des Anschlags dennoch nimmt sie die Erinnerung an den Tag sehr mit. Im AZ-Gespräch sagt sie nach dem Ende des ersten Verhandlungstags: "Mit dem Prozess kommt alles wieder hoch."