Interview

Kindern beim Lesenlernen helfen: "Plötzlich ist Lesen nicht mehr doof"

Sabine Karl (61) aus Untersendling hilft Kindern in ihrer Freizeit beim Lesenlernen. In der AZ erzählt sie davon, wie (Selbst-)Vertrauen wächst und warum sie manchmal auch quaken muss wie ein Frosch.
| Irene Kleber
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"Was steht denn da?" Vorlesen ist oft der Schlüssel dazu, dass Kinder Lust darauf bekommen, lesen zu lernen.
"Was steht denn da?" Vorlesen ist oft der Schlüssel dazu, dass Kinder Lust darauf bekommen, lesen zu lernen. © imago/Shotshop

München - Buchstaben, Wörter, ganze Bücher, ach je. Vielen Buben und Mädchen in München fliegt das Lesen ganz leicht zu. Aber viele tun sich auch sehr schwer damit – nicht erst seit es Homeschooling gibt. Weil Eltern keine Zeit oder keine Möglichkeit haben, zu unterstützen, weil es (zu) viele Geschwisterkinder gibt, um für alle da zu sein. Oder weil daheim schlicht kein Deutsch gesprochen wird.

Manche dieser Schulkinder haben "Lesepaten", die in ihrer Freizeit ehrenamtlich beim Lesenlernen helfen. Wie funktioniert das? Und was erlebt man da? Ein Gespräch mit der Lesepatin Sabine Karl, die sich neben ihrem Hauptberuf als Büroangestellte um Kinder kümmert, die Lernhilfe brauchen.

Sabine Karl (61) engagiert sich seit elf Jahren für das Projekt "Lesezeichen" als Lesepatin an der Grundschule am Gotzingerplatz.
Sabine Karl (61) engagiert sich seit elf Jahren für das Projekt "Lesezeichen" als Lesepatin an der Grundschule am Gotzingerplatz. © privat

AZ: Frau Karl, jede Woche nehmen Sie sich ein, zwei Stunden Zeit für fremde Kinder, warum machen Sie das?
SABINE KARL: Ich hatte vor elf Jahren das Bedürfnis, etwas Ehrenamtliches, Sinnvolles zu tun. Und ich finde Kinder toll. Die Freiwilligenagentur Tatendrang hat mich darauf gestoßen, wie viele Kinder in meiner nächsten Nachbarschaft schon in der ersten, zweiten Klasse keine Chance haben, in der Schule beim Lesen und Schreiben mitzukommen, weil daheim niemand ist, der sich kümmern kann. Manche Eltern sind mit ihrer Gesamtsituation überfordert.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit einem Lese-Patenkind?
Das war ein siebenjähriger Bub aus Albanien mit mehreren Geschwistern. Er konnte nur ganz wenig Deutsch. Ich habe ihn nach dem Unterricht im Klassenzimmer abgeholt, wir haben uns in die Schulbibliothek gesetzt und erstmal ein bisschen erzählt, wer wir sind. Das war ein unglaublich kluges Kerlchen, das sehr schnell verstanden hat, dass diese ganze Schule leichter funktioniert, wenn man Buchstaben entziffern kann. Er wollte das lernen, er hat jedes Mal so gestrahlt, wenn er wieder etwas Neues begriffen hat. Die helle Freude.

Zwischen Kindern und Lesepaten wächst Vertrauen

Wie sind Sie überhaupt mit ihm zusammengekommen?
An der Gotzingerschule läuft das so, dass zum Schuljahresbeginn, gegen Ende September, alle Lesepaten in eine Lehrerkonferenz kommen. Dort stellen die Lehrer die Kinder vor, die Betreuung brauchen und deren Eltern einem Lesepaten zugestimmt haben. Und dann werden die Kinder verteilt.

Sie treffen sich dann ausschließlich im Schulgebäude?
Genau. Wir haben keine privaten Kontakte zu den Kindern, wir fragen sie nicht aus und meistens kennen wir auch die Eltern nicht. Aber manchmal erzählen die Kinder gerne, was sie beschäftigt oder wenn es Misserfolge in der Schule gab. So wächst Vertrauen ...

... und eine Bindung auch, oder?
Klar. Viele Kinder sind es überhaupt nicht gewöhnt, dass jemand sich eine Stunde nur für sie allein Zeit nimmt, zuhört, ermuntert, lobt, sich mit ihnen freut. Wir machen keinen Schulunterricht mit ihnen, sondern vor allem entspanntes, spielerisches Lesen.

Sie haben inzwischen an die 20 Kinder begleitet, manche mehrere Jahre. Bestimmt hatte nicht jedes große Lust aufs Lesen?
Manche erstmal nicht. Einmal hatte ich ein Mädchen aus einer zweiten Klasse, ich glaube, die Eltern waren Bulgaren, das hatte überhaupt keine Lust darauf. Im Gespräch kamen wir drauf, dass sie verrückt nach Pferden ist. Also habe ich eine Weile nur coole Pferdegeschichten vorgelesen. Irgendwann wollte sie selber wissen, was da steht. Das Eis war gebrochen. Plötzlich war Lesen nicht mehr doof. Das war ein Erfolgserlebnis. Für uns beide, übrigens.

Der Abschied vom Kind ist oft schmerzlich

Was machen Sie, wenn ein Kind Sie nicht gut versteht? Oder bestimmte Wörter nicht erschließen kann?
Dann knie ich mich schon mal auf den Boden, hüpfe herum und quake. Dann gibt's Gelächter, und das Kind hat verstanden, was ein "Frosch" ist.

Irgendwann, wenn ein Kind keine Hilfe mehr braucht, kommt der Abschied. Wie ist das?
Oft schmerzlich. Ich habe schon Kinder gehabt, die fragten: Du, Frau Karl, kommst du mich in der Realschule dann auch immer mittwochs abholen? Da ist einem dann schon zum Weinen. Aber die Kinder sollen ja nicht traurig sein. Ich gebe ihnen eine Urkunde mit, da steht "Lesekönigin" oder "Lesekönig" drauf. Die tragen sie heim wie eine Trophäe. Und dieser Stolz, so gut zu sein wie die Klassenkameraden, oder sogar besser, transportiert sich ins nächste Schuljahr.

Im Moment sind die Schulen zu, dort mit Kindern zu lesen, geht also nicht.
Das ist schlimm, ja. Jetzt ist alles auf Pause gesetzt. Wir können die bedürftigen Kinder aktuell nicht mehr erreichen, und viele werden jetzt schon extreme Defizite haben. Sie bleiben zurück und werden auf der Strecke bleiben. Das macht mich traurig.

Geht da nichts über Videogespräche?
Das "Lesezeichen"-Projekt arbeitet daran, auf Videotreffen umzustellen, aber dazu müssten die Familien die nötigen Geräte haben und datenschutzrechtlich ist das auch nicht so einfach. Eltern müssen auch zustimmen, dass Nummern ausgetauscht werden. Ich habe immerhin noch zwei Kinder vom Vorjahr, wir treffen uns über Video, das geht mit den Handys, die sie haben.

Wissen Sie, was aus Ihrem ersten albanischen Buben inzwischen geworden ist?
Ich habe ihn einmal zufällig auf der Straße getroffen. Und da hat er mir strahlend erzählt, dass er den Übertritt auf die Realschule geschafft hat. Das war so ein wunderbarer Moment, den Stolz in dem Buben zu sehen, seine Freude aufs Leben. Schauen Sie, es ist nicht so, dass ich höchstritterlich meine Freizeit opfere. Ich bekomme so unglaublich viel Glück zurück. Das trägt. Ich kann mir kein besseres Ehrenamt vorstellen.

Was, glauben Sie, wird später mal aus den Kindern, die Sie begleiten?
Das können die tollsten Schreiner werden oder Raumfahrtingenieure oder Artisten. Sie können alles erreichen, wenn sie am Anfang jemand bei der Hand nimmt. Warum soll ein Kind, das eine Lesepatin gebraucht hat, später nicht mal Bundeskanzler werden?


So werden Sie Lesepate

Ein Mal pro Woche ein Kind beim Lesenlernen unterstützen – das machen rund 337 Lesepaten in München, vermittelt vom Projekt "Lesezeichen", das zur Freiwilligenagentur Tatendrang gehört. Die Kinder gehen an eine von 60 Grund-, Mittel- oder Förderschulen, mit denen "Lesezeichen" arbeitet.

Der Lesepate lernt mit dem Kind nach dem Unterricht im Schulgebäude (während des Lockdowns teilweise digital). "Der Bedarf ist größer denn je", sagt Sandra Hédiard, die "Lesezeichen" organisiert, "gerade bedürftige Kinder sind durch den Unterrichtsausfall sehr betroffen." Neue Freiwillige werden jetzt für die Zeit vorbereitet, wenn die Schulen wieder öffnen.

Voraussetzungen: Künftige Lesepaten sollten gern mit Kindern im Kontakt, geduldig, empathisch und offen für andere Kulturen sein (viele Kinder haben internationale Wurzeln) und über gute Deutschkenntnisse verfügen. Zeiteinsatz: Ein Schuljahr lang ein Mal die Woche.

Kontakt: Tel. 45 22 411-22; Mail: team@lesezeichen-muenchen.de Termin auf der Freiwilligenmesse: 26. Januar, 10-11 Uhr, Lesepaten erklären das Projekt. Mehr Infos: www.lesezeichen-muenchen.de


Hier geht's zum Ehrenamt: Zehn Tage lang stellen sich 80 Vereine vor

Für Senioren einkaufen, Müll einsammeln, Hofkonzerte geben, oder Kindern vorlesen: Es gibt zig Möglichkeiten, sich in München ehrenamtlich zu engagieren, dabei Menschen zu helfen, Spaß zu haben und nette Leute kennenzulernen.

Nachbarschaftstreffs organisieren viel ehrenamtlich - wie dieses gemeinsame Singen in der Blumenau.
Nachbarschaftstreffs organisieren viel ehrenamtlich - wie dieses gemeinsame Singen in der Blumenau. © Nachbarschaftstreff Blumenau

Wie groß die Auswahl ist, zeigt ab Freitag die "Münchner Freiwilligen Messe". Sie findet diesmal nicht wie gewohnt im Gasteig statt, sondern pandemiebedingt online – dafür aber zehn Tage lang und mit 176 Einzelveranstaltungen, Videos und Möglichkeiten, Leuten, die sich selber engagieren, Chatfragen zu schicken. 80 Vereine stellen sich vor – wie die Freiwilligenagentur "Tatendrang", die Nachbarschaftstreffs, der Oma-Opa-Service, die Sicherheitswacht der Polizei, Greencity, die "Aktivsenioren", die "Lesefüchse" oder die "Kulturschwestern".

Um 16 Uhr war die Eröffnung mit Bürgermeisterin Verena Dietl und einem Video, das die Messe erklärt. Am Samstag (23.01.) um 14 Uhr läuft zum Beispiel ein Livestream, in dem Freiwillige von ihren Erfahrungen erzählen. Am Montag (25.01.), 18 Uhr, antworten etwa die Nachbarschaftstreffs auf Fragen, am Dienstag (26.01.) erklären sich die Umweltschützer von Rehab Republic. Wer dabei sein will, geht im Internet auf www.muenchner-freiwillingen-messe.de – und klickt dann auf "Jetzt live".

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