Käfer im Sterbebett: „Ich habe dich immer geliebt“

Der Feinkost-König Gerd Käfer stirbt mit 82 daheim in Bogenhausen. In eine Klinik wollte er nicht mehr. Vier Wochen lang kümmern sich seine Frau Uschi und Sohn Michael um ihn. Mit ihm war er jahrelang zerstritten – doch am Ende haben sich die beiden versöhnt
| Kimberly Hoppe
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Auf den Hund gekommen: Gerd Käfer, Uschi Ackermann und deren geliebte Möpse. Käfer fütterte sie oft heimlich.
dpa 8 Auf den Hund gekommen: Gerd Käfer, Uschi Ackermann und deren geliebte Möpse. Käfer fütterte sie oft heimlich.
Beim Anstich auf der Wiesn: Gerd Käfer mit seiner Frau Uschi Ackermann. „Als Wiesn-Wirt fühlst du dich wie der Präsident von Amerika“, so Käfer.
dpa 8 Beim Anstich auf der Wiesn: Gerd Käfer mit seiner Frau Uschi Ackermann. „Als Wiesn-Wirt fühlst du dich wie der Präsident von Amerika“, so Käfer.
Seltener Moment: Gerd Käfer und sein Sohn Michael gemeinsam auf einem Event – im Alten Rathaus beim Geburtstagsempfang für Christian Ude. In den letzten vier Wochen haben sich Vater und Sohn versöhnt.
imago 8 Seltener Moment: Gerd Käfer und sein Sohn Michael gemeinsam auf einem Event – im Alten Rathaus beim Geburtstagsempfang für Christian Ude. In den letzten vier Wochen haben sich Vater und Sohn versöhnt.
Einer seiner letzten Auftritte: Gerd Käfer beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg Ende Februar.
API/Michael Tinnefeld 8 Einer seiner letzten Auftritte: Gerd Käfer beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg Ende Februar.
Käfer wird 2009 zum Gastronom des Jahres – und tischt mal wieder auf.
API/Michael Tinnefeld 8 Käfer wird 2009 zum Gastronom des Jahres – und tischt mal wieder auf.
Thomas Gottschalk herzt Käfer.
AZ-Archiv 8 Thomas Gottschalk herzt Käfer.
Das Leben ist eine große Party: Gerd Käfer tanzt im Kurhaus Wiesbaden mit einer Sängerin.
API/Loisl Raith 8 Das Leben ist eine große Party: Gerd Käfer tanzt im Kurhaus Wiesbaden mit einer Sängerin.
Käfer mit Spezl Franz Josef Strauß.
AZ-Archiv 8 Käfer mit Spezl Franz Josef Strauß.

München - An diesem einen Tag ist ihm plötzlich nicht nach Feiern zumute. Das ist höchst ungewöhnlich und passt so gar nicht zu ihm, dem Party-König Münchens und der Nation. Gerd Käfer (82) ist selbst ein bisschen von sich überrascht, aber doch erleichtert, als seine Frau Uschi Ackermann schließlich anbietet, ihr Geburtstags-Frühstück abzusagen. Es ist Ende April.

Ein paar Tage später möchte Gerd, dem sein gepflegtes Erscheinungsbild immer wichtig war, zum Friseur. Aber er fühlt sich nicht gut. Ausgerechnet er, der Gourmet-Papst, hat keinen Appetit mehr.

Jahrzehntelang sättigte er die Schönen und Reichen. Trüffel hier, Kaviar da. Nichts war zu teuer, zu exquisit, wenn Käfer auftischte. Dieser Käfer will jetzt nicht mehr essen. Ein Alarmsignal.

Nach seiner gefährlichen Gallen-OP vor knapp zwei Jahren hatte er einige Kilos abgenommen. Krebs war diagnostiziert worden. Aber Käfer, das Stehaufmännchen, verdrängte die Gedanken an die Krankheit. Lieber feilte er am Testament und seiner letzten Party, der Beerdigung. Das macht nur dann Spaß, wenn sie noch so weit weg scheint.

 

Der Appetit bleibt aus, die Kräfte schwinden

 

Jetzt geht aber alles schnell, das Entfernte rückt gefährlich nahe. Mit dem ausbleibenden Appetit fehlen Gerd Käfer schnell auch seine Kräfte. Er, dieser Wirbelwind, der sonst keine drei Minuten still sitzen konnte, der immer plante, machte, servierte und inszenierte, ist jetzt nur noch daheim.

Lesen Sie hier: Käfer plante seinen Tod: „Es soll alles perfekt sein!“

In Bogenhausen, bei seiner Uschi. Auf der Couch, im Bett. Bald wird ihm selbst das Sitzen zu anstrengend. Aber Gerds Geist ist fit und hellwach.

Da Käfer seit der schlimmen OP in keine Klinik mehr möchte, kommt die Klinik zu ihm. Pflegekräfte und schließlich ein Palliativ-Team.

 

"Ich will niemanden sehen"

 

Seine Uschi, die als PR-Lady für Douglas arbeitet, sagt alle Termine ab, kümmert sich rund um die Uhr um ihren Mann, den sie vor 25 Jahren kennengelernt hat. Sie hat zudem die undankbare Aufgabe, alle Freunde abzuwimmeln. An der Haustür und am Telefon. Die machen sich natürlich Sorgen, weil Gerd so plötzlich abgetaucht ist. Runter von Münchens Party-Parkett. Wo ist er nur? Was ist mit ihm?

„Ich will niemanden sehen“, sagt Gerd, der sich stets nach großer Gesellschaft sehnte.

Mit einer Ausnahme: Gerds Sohn Michael Käfer ruft eines Tages Uschi an. Er erzählt, dass er seinen Vater gerne noch mal sehen würde, um sich für alles zu bedanken.

 

Vater und Sohn sprechen sich aus

 

Uschi ist überrascht. Sie hat hautnah mitbekommen, wie uneinig sich die Käfer-Familie leider immer war. Nachdem der Sohn dem Vater 1995 die Firmen-Anteile abgekauft hatte, hing der Haussegen mehr als schief. Der Vater sollte loslassen, wollte aber nicht so richtig. Jeden Tag rief er im Stammhaus in der Prinzregentenstraße an, fragte Mitarbeiter nach dem Umsatz. Was den Sohn genervt haben dürfte und der Vater natürlich nicht verstand. In seinen Augen dankte ihm der Junior viel zu selten. Jetzt dieser Anruf, dieser Annäherungsversuch.

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Uschi ist erfreut, erlaubt Michael spontan, zu kommen. Der steht fünf Minuten später mit einem riesigen Blumenstrauß vor der Haustüre. Uschi lässt die beiden Männer alleine. Endlich sprechen sie sich aus.

Was ein Leben lang nicht möglich war, geschieht mit einem Mal, da die Endlichkeit erst täglich, dann minütlich anzuklopfen droht.

Die Käfers versöhnen sich.

Fortan ist Michael jeden Tag da. Vater und Sohn bekommen sich erstmals täglich mit. Für beide ein ungewohntes und doch schönes Gefühl. Sie reden und lachen. Auch mit seiner Stiefmutter nähert sich Michael an. Er kriegt mit, dass Gerds bester Freund, Gastro-Kollege Roland Kuffler, jeden Tag Essensplatten liefern lässt: Mini-Schnitzel, Mini-Leberkas, Käse-Variationen.

Michael sorgt dafür, dass auch täglich von Käfer Essen geschickt wird. Dass Gerd Käfer mittlerweile nur noch künstlich ernährt wird, ändert nichts an den Catering-Bergen, die ständig serviert werden. Ein winziges Häppchen probiert Käfer stets. Doch allein der Anblick der schön dekorierten Platten erfreut sein Herz und lässt ihn lächeln.

Den Rest verteilt Uschi an die Pflegekräfte, die jeden Tag mehr zu tun haben. Gegen die Schmerzen bekommt Gerd Käfer Morphium, doch gerade nachts geht es ihm oft besonders schlecht.

Aber er jammert nie. Im Gegenteil. Gerd Käfer versucht, zu scherzen und zu planen. Einen Urlaub auf Mallorca, darauf hätte er nochmal Lust. Vielleicht im Sommer?

Immer wieder greift Uschi seine Hand, redet mit ihm. Manchmal hört er zu, manchmal dämmert er ein bisschen vor sich hin. Das Sprechen wird zunehmend anstrengend für ihn, die Medikation immer höher. Nach knapp dreiwöchiger intensiver Pflege ist Sohn Michael gerade gegangen, da schaut Gerd erst zu den Schokoladen-Käfern, die ein paar enge Mitarbeiter geschickt haben und die vor ihm liegen, dann zu Uschi. Aus seinem rechten Auge läuft langsam eine Träne. Und noch eine.

In dem Moment, spürt Uschi, hat Gerd einsehen müssen, dass er doch nicht ewig lebt. Dass er im Sommer nicht auf Mallorca sein wird. Dass er nicht mit 100 Jahren auf dem Mond landen wird, um dort erstmals ein Fest zu schmeißen. Vom Fünf-Gänge-Menü im All hatte er geträumt.

 

Am Schluss sagt er: „Ich habe dich immer geliebt.“

 

Jetzt liegt er im Bett, um ihn herum so wahnsinnig viel Essen – und diese beiden Möpse. Sir Henry und Julchen, anfangs mochte er sie nicht. Er war etwas eifersüchtig, weil Frauchen mit ihnen eine Zeit lang mehr kuschelte als mit ihm. Heimlich gab er ihnen immer Essen und Frauchen wunderte sich, warum sie so zunahmen. Er würde sie jetzt auch füttern, wenn er die Kraft hätte.

Seine Uschi ist kurz aus dem Zimmer, da ruft ein Pfleger: „Frau Ackermann, kommen Sie, der Herr Käfer möchte Ihnen etwas sagen!“ Uschi eilt ans Ehebett, auf dem Gerd liegt. Mit letzter Kraft richtet er sich auf: „Meine liebste Uschi ...“, beginnt er. Mit klarer Stimme erzählt er seiner vierten Frau, mit der er am längsten von allen zusammen ist, was ihm im Leben besonders gefallen und was ihn gestört hat. Was er richtig und was er nicht ganz so richtig gemacht hat. Minutenlang.

Am Schluss sagt er: „Ich habe dich immer geliebt.“ Es werden seine letzten Worte sein. Ihm fehlt danach die Kraft zum Reden. Schon vor 15 Jahren hat er einen Zettel unterschrieben, dass er alle lebensverlängernden Maßnahmen ablehnt.

Drei Tage später, in der Nacht zum Pfingstsamstag, gegen vier Uhr, schläft Gerd Käfer für immer ein. „Friedlich“, wie Uschi und Michael betonen.

Wenige Stunden später sagt Michael Käfer am Telefon zur AZ: „Es ist gut und auch etwas tröstlich, dass mein Vater nicht länger leiden musste. Dass er in Frieden gegangen ist. Ich bin froh und dankbar, dass ich in dieser letzten wichtigen Zeit bei ihm sein konnte.“

Und Uschi ergänzt: „Ich habe gespürt, dass Gerd nicht mehr kämpfen wollte. Doch bei so starken Persönlichkeiten wie ihm dauert es, bis sie wirklich ihr Leben loslassen können.“ Kürzlich hat sie gelesen, dass das Gehör zuletzt stirbt. Deshalb flüstert sie ihrem Mann in dieser Nacht, als sie spürt, dass er gehen möchte, immer wieder ins Ohr: „Du hast ein tolles Leben gehabt, Gerd. Sei beruhigt. Du kannst jetzt gehen.“

Nachdem er gegangen ist, ruft Uschi Michael an. Er ist sofort bei ihr und bei seinem Vater. Stundenlang sitzen sie noch neben ihm, bis er abgeholt wird. Uschi und Michael reden mit ihm, als sei er noch lebendig.

Die Sonne geht auf, der Tag erwacht. Gerd Käfer liegt im Bett. Uschi und Michael bedecken seinen Leichnam mit Rosenblättern. In einem kräftigen Orange, seiner Lieblingsfarbe.

Zum Abschied gibt Uschi ihm einen Kuss. Dann wird er von den Bestattern weggetragen.

Nur ein paar Rosenblätter bleiben zurück – und unendlich viele Erinnerungen. An einen liebevollen Menschen und an einen großen Münchner.

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