Jedes dritte Kind kann nicht schwimmen!

„Viele berufstätige Eltern haben einfach keine Zeit, da fällt sowas wie Schwimmen hintenüber“, klagt ein Wasserwachtler. Manchmal spielt auch das Geld eine Rolle – oder mangelndes Interesse.
| Julia Lenders
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Immer weniger Kinder können schwimmen - dieses hier lernt es gerade.
Immer weniger Kinder können schwimmen - dieses hier lernt es gerade.

„Viele berufstätige Eltern haben einfach keine Zeit, da fällt sowas wie Schwimmen hintenüber“, klagt ein Wasserwachtler. Manchmal spielt auch das Geld eine Rolle – oder mangelndes Interesse.

MÜNCHEN
- An heißen Tagen gibt es für viele Münchner nur eins: Ab an den See oder ins Freibad. Doch Organisationen wie die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) schlagen Alarm: Immer mehr Kinder können gar nicht oder zumindest nicht sicher schwimmen. Wie der 13-jährige Bub, der im vorigen Sommer im Michaelibad ertrank.

Wie sehen die Zahlen aus? „Ein Drittel der Kinder und Jugendlichen kann nicht schwimmen“, sagt Michael Förster, Pressesprecher der DLRG Bayern. Das habe eine bundesweite repräsentative Umfrage ergeben. Auch die Zahl der von der DLRG abgenommenen Schwimmprüfungen ist den Angaben nach stark gesunken. In Bayern nahm sie in nur sechs Jahren um mehr als 34 Prozent ab – und lag vergangenes Jahr bei rund 10 100.

Das Phänomen ist in ganz Deutschland zu beobachten: Im Schnitt, so heißt es bei der DLRG, besäßen nur 40 Prozent der Kinder im Alter von sechs bis zehn ein Jugendschwimmabzeichen und könnten somit als sichere Schwimmer bezeichnet werden. Auch der Deutsche Schwimm-Verband „nimmt mit großer Sorge zur Kenntnis, dass der Anteil der Kinder unter 14 Jahren, die nicht schwimmen können, seit Jahren stetig zunimmt“.

Zumindest ein wenig besser, aber immer noch alarmierend, klingen die Zahlen des Bayerischen Schwimmverbands. Der hatte eine Erhebung in einem bayerischen Regierungsbezirk gestartet. Ergebnis: Der Anteil der Nichtschwimmer bei Drittklässlern liegt bei etwa 20 Prozent. „Diese Entwicklung ist gesellschaftspolitisch nicht hinnehmbar“, heißt es dort.

München macht bei all dem keine Ausnahme. Ob Heinz Effenberger von der Wasserwacht oder Iris Zillner, die als Produktmanagerin für Familie und Freizeit in den M-Bädern arbeitet – beide haben den Eindruck: Immer weniger Kinder können schwimmen. Effenberger sagt: „Das ist ein schleichender Prozess der letzten Jahre.“

Woran liegt das? Da ist zum einen das Eltern-Argument, das Wasserwachtler Effenberger so formuliert: „Viele berufstätige Eltern haben einfach keine Zeit, da fällt sowas wie Schwimmen hintenüber.“

Manchmal ist das Ganze auch eine Geldfrage, wie Iris Zillner von den Münchner Bädern berichtet: „Kinder aus finanziell schwächeren Familien können sich teilweise einen Schwimmkurs oder die Vereinsmitgliedschaft nicht leisten“. Die seien auf das Angebot der Schule angewiesen.

Wenn die Familien Glück haben, klappt es auch mit einer Früh-Förderung in der Kita: 80 städtische Einrichtungen bieten „Aquapädagogik“ an.

Oft ist da aber auch gar kein Interesse von Seiten der Kinder. „Sie verbringen mehr Zeit zuhause vor dem Bildschirm“, sagt Bayerns DLRG-Sprecher Förster. Facebook statt Freibad. „Kinder sind anerkannt bewegungsfauler geworden.“

In einer Stadt wie München, in der viele Menschen mit ausländischen Wurzeln leben, ist das Ganze auch eine Frage des Kulturkreises – nicht überall ist Schwimmen verbreitet.
An den Entwicklungen der vergangenen Jahre ändert auch nichts, dass Schwimmunterricht Teil des Sport-Lehrplans ist. Wobei eine konkrete Wochen-Stundenzahl dafür nicht festgelegt ist. Nach Abgaben der Stadt haben in München 32 von insgesamt 132 Grundschulen ein eigenes Schwimmbad. Die anderen müssen mit ihren Kursen pendeln.

In anderen Teilen Bayerns, die von Bäderschließungen betroffen waren, kann das mit langen Anfahrtswegen verbunden sein. Dann ist Block-Unterricht angesagt. Es könne deshalb dazu kommen, „dass Schüler phasenweise oder im äußersten Fall über ein gesamtes Schuljahr hinweg keinen Schwimmunterricht erhalten“, räumt eine Sprecherin des Kultusministerium auf AZ-Anfrage ein. Sie betont aber auch, „dass der Staat nicht in der alleinigen Verantwortung für die Wassersicherheit der Kinder gesehen werden kann“. Die Eltern hätten eine Mitverantwortung.

Oft können sie ihren Kindern aber gar nicht helfen. Weil sie selbst nicht schwimmen können. Der letzte Wert, der ermittelt wurde: Fast ein Viertel der Bevölkerung (ab 14 Jahren) kann sich nicht oder nicht sicher im Wasser bewegen. Was in Stresssituationen fast auf das Gleiche hinausläuft.

 


 

 

Schwimmkurse für Kinder und Erwachsene - ab 102 Euro

Was Hänschen nicht gelernt hat, lernt Hans nimmer mehr? Stimmt nicht. Immer mehr Erwachsene wollen ihre Zeit als Nichtschwimmer beenden. „Bei unseren Anfängerkursen für Erwachsene steigt die Zahl der Anmeldungen“, sagt Iris Zillner, Produktmanagerin für Familie und Freizeit in den M-Bädern. Auch wenn es manchen peinlich sei, dass sie nicht schwimmen können. „Manchmal haben wir sogar 70- oder 80-Jährige, die während der Kriegswirren nicht gelernt haben zu schwimmen und das jetzt nachholen wollen.“ Wo gibt es Kurse?

Die M-Bäder haben noch Restplätze aus dem Sommerprogramm. Mitte September wird das neue Herbst-/Winterprogramm veröffentlicht. Anmeldungen im Internet auf swm.de oder an der Kasse des jeweiligen Bades.

Anfängerkurs für Erwachsene:

  • Bad Forstenrieder Park, für Teilnehmer ab 15 Jahren, Preis 117 Euro zuzüglich des Bad-Eintrittspreises, neun mal 60 Minuten, ab 25. September bis 24. Oktober, dienstags und mittwochs von 17.30 bis 18.30 Uhr.

Anfängerkurse für Kinder:

  • Im Bad Forstenrieder Park gibt es noch Restplätze für drei Kurse, die am 18. September starten und bis 25. Oktober dauern. Uhrzeit: 14.30 für Kinder ab fünf Jahren, 15.15 oder 16.45 Uhr für Kinder ab sechs. Die Kurse finden an Dienstagen und Donnerstagen statt, 12 Mal zu je 45 Minuten. Preis: 102,00 Euro.
  • Im Cosimawellenbad stehen noch zwei Kurse zur Auswahl: 17. September bis 24. Oktober, Montag/Mittwoch, entweder von 13.30 bis 14.30 (ab vier Jahren) oder von 14.30 bis 15.30 Uhr (ab fünf Jahren). Preis: 102 Euro.
  • Im Michaelibad können Kinder ab fünf Jahren Schwimmen lernen, und zwar ab 18. September, Dienstag/Donnerstag, entweder um 13 bis 13.45 Uhr oder um 14 bis 14.45 Uhr. Preis: 102 Euro.
  • Restplätze zum selben Preis gibt es auch noch für drei Kurse in der Olympia-Schwimmhalle, die ab 14. September starten: Mittwoch/Freitag, entweder um 13.15 (für Kinder ab fünf), 14.15 oder 15.15 Uhr (für Kinder ab sechs), Kursdauer: je eine Dreiviertelstunde.
  • Im Westbad gibt es auch noch die Möglichkeit, Kinder anzumelden. Der je einstündige Kurs startet am 19. September, findet mittwochs statt und ist an Kinder ab fünf Jahren gerichtet. Preis: ebenfalls 102 Euro.

Auch die DLRG und die Wasserwacht bieten regelmäßig Schwimmkurse an.

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