"Je mehr Investoren kommen, desto teurer wird alles“ – Giesing wehrt sich

"Bitte schreib nicht, dass er hässlich ist", sagt Benjamin. "Das nutzen die nämlich immer als Argument: Der Candidplatz ist hässlich und deshalb muss man ihn aufwerten. Das gibt ihnen nur Munition."
Benjamin steht am Rande des Candidplatzes und blickt mit düsterem Blick auf den fast fertigen Neubau zu seiner Rechten. Eine Investmentgesellschaft hat hier nachverdichtet, kernsaniert, neu gebaut. Zusammen 355 Wohnungen. Links neben ihm, auf der anderen Seite des Platzes, steht das Ärztehaus, ein unauffälliger 80er-Jahre-Bau, den ein anderer Investor demnächst abreißen möchte, um einen riesigen Büro-Komplex zu errichten, das Candidtor.
Zwischen Löwen, Skatepark und Immo-Projekten: Der Kampf um den Candidplatz
Auf den ersten Blick ist der Candidplatz mehr Straßenkreuzung als Platz. Von der einen Seite die Pilgersheimer Straße, von der anderen die Candidstraße, auf der Candidbrücke über den Köpfen der Mittlere Ring.
Dazwischen, irgendwo zwischen dem Beton eingeschoben, ein Taxistand, ein paar Busstationen und ein U-Bahn-Aufgang, der alle paar Minuten einen Schwall von Menschen ausspuckt, die in einer großen Kolonne in Richtung Isar ziehen, denn die ist von hier nur fünf Minuten zu Fuß entfernt.
Öffentlicher Raum statt Büros und Shoppingketten
Überhaupt ist der Candidplatz ziemlich gut gelegen, Bestlage, würde wohl ein Immobilienmakler sagen. Direkt in der Mitte zwischen dem Grünwalder Stadion und den Isarauen, mitten in der Stadt und trotzdem im Grünen. Lage, Lage, Lage, das ist alles auf dem Münchner Wohnungs- und Immobilienmarkt, daran ändern auch sechsspurige Straßen nichts, und deshalb soll sich hier so einiges verändern in den nächsten Jahren.
Benjamin wohnt hier am Candidplatz, gerade ist er mit seinem Hund spazieren und er ist unzufrieden mit den geplanten Veränderungen und ganz besonders mit dem Plan, hier einen Büro-Komplex hinzubauen.
Vor ein paar Jahren hat er zusammen mit anderen Anwohnern eine Initiative gegründet, sie heißt "Candidplatz für alle" und sie versucht, besagten Büro-Komplex – das Candidtor – zu verhindern. "Investoren aus Hamburg und Starnberg treiben das Projekt voran, es ist Teil eines internationalen Immobilienfonds, der Arztpraxen aufkauft und 'aufwertet'", schreibt die Initiative auf ihrer Homepage. "Wir sind Untergiesinger und Untergiesingerinnen und sagen: Wir brauchen öffentliche Gesundheitsversorgung und öffentliche Räume im Viertel! Keine Büros und hochpreisige Shoppingketten."
Alle paar Tage findet hier ein Konzert statt
Im Durchgang zum Ärztehaus stehen drei Kompost-Toiletten. Ökologische Dixies, sozusagen. Im Innenhof ein paar Meter weiter werkeln zwei junge Männer an einer Bar. Zwischennutzung. Schon vor zwei Jahren hat hier zudem eine Bar eröffnet, das Roodys, benannt nach Rudi Völler. Alle paar Tage findet hier ein Konzert statt.
Wenn es nach dem Investor Values Real Estate geht, dann soll hier in den nächsten Jahren das Candidtor entstehen, ein Hochhaus in der Form mehrerer übereinandergestapelter Würfel. Das Ärztehaus und das Roodys werden dann verschwinden, aber wann genau das sein wird und ob es wirklich passiert, ist noch vollkommen offen. Denn das Candidtor ist ein Streitthema, das nicht nur die Anwohner mit ihrer Bürgerinitiative involviert, sondern auch den Bezirksausschuss und den Stadtrat – und so richtig zufrieden mit den Plänen des Investors ist von denen niemand.
Der Plan steht
Im Januar hat der Planungsausschuss des Stadtrats den aktuellen Entwurf der Entwicklerfirma abgelehnt. Nun muss der Investor ein paar neue Visualisierungsentwürfe vorlegen. Auch der Bezirksausschuss hat sich immer wieder gegen das Candidtor ausgesprochen, aber so richtig einig sind sich die verschiedenen Akteure trotzdem nicht. Wer sich am Ende durchsetzt, ist offen, eine Lokalzeitung verglich die Kämpfe um das Candidtor kürzlich mit der Fantasy-Serie Game of Thrones.
Auf dem Skatepark links der Candidstraße fährt ein Mann Mitte 30 auf seinem Skateboard im Kreis, Schanze hoch, Schanze runter, Schanze wieder hoch, er hat Kopfhörer in den Ohren und kein T-Shirt an. Ein paar Meter weiter kicken drei Teenager einen Ball hin und her, niemand sagt ein Wort, die Sonne brennt auf den Beton.

Die Fläche gehört der Stadt und die Stadt möchte hier gerne bauen. 200 Wohnungen, dazu "Jugend- und Kulturflächen". Im Januar wurde eine Entscheidung zu dem Bauvorhaben erst einmal vertagt, aber der Plan besteht weiter.
Über seinen Ohren der Schriftzug, "Sechzig leben" und "Giesing lieben"
Im Schönstüberl auf der Straße gegenüber vom Bolzplatz sind alle Tische voll besetzt. "Manchmal ist mit guten Freunden Bier zu trinken die einzige Therapie, die man braucht", steht auf der Kreidetafel neben der Eingangstür. Daneben viele Männer und ein paar Frauen unter gelben König-Ludwig-Weissbier-Sonnenschirmen, Biergläser auf den Tischen, Tattoos auf den Armen, "setz dich her, wir rutschen zam".
Wirt Martin ist Mitte 50 und volltätowiert. Über seinen Ohren ein Schriftzug, "Sechzig leben" über dem einen Ohr, "Giesing lieben" über dem anderen. Nicht sein einziges Sechzger-Tattoo und bei weitem nicht das einzige am Tisch.

"Alles muss vergoldet werden"
Gut, dass jemand von der Zeitung da ist, findet Martin, weil jemand darüber schreiben muss, dass die Stadt den Bolzplatz gegenüber plattmachen will. Als Kind hat er da selber noch gespielt, nach der Schule, mit 40 Leuten auf den Bolzplatz, und heute ist da auch ganz schön was los, er beobachtet das immer aus seiner Kneipe. "Wenn da jetzt Wohnungen draufgebaut werden, wo sollen die Kinder dann hingehen?", fragt er – und je länger er redet, desto fassungsloser wird er. "Alles muss vergoldet werden, es geht wirklich nur noch um den Profit. Warum muss Geld so viel Macht haben?"
Vor den Spielen im Grünwalder Stadion treffen sich die Fans regelmäßig auf der Freifläche rund um den Bolzplatz, spielen Musik, trinken das ein oder andere Bier und feiern ihren Verein. Für viele hier steht 1860 im Zentrum ihres Lebens.
Wirt vom Schönstüberl: "Je mehr Investoren herkommen, desto teurer wird alles"
Manche sind aktive Ultras, manch anderer hat sich immer wieder mal sehr handfest mit den Fans anderer Vereine auseinandergesetzt. "Versteh das nicht falsch", sagt einer, dessen halber Körper mit 1860-Tattoos bedeckt ist. "Es geht mir nicht um Sport. Es geht um den Verein." Einig sind sich alle: Die ganzen Bauprojekte am Candidplatz verheißen nichts Gutes. "Je mehr Investoren herkommen, desto teurer wird alles."
Als er nach Giesing hergezogen ist, sagt einer, der einen großen Löwen auf dem Arm tätowiert hat, da habe der Quadratmeter noch unter zehn Euro gekostet, jetzt sind es mehr als 20. "Die ganzen großen Firmen holen ihre Mitarbeiter her, die können sich alles leisten, für die wird hier gebaut. Und die Münchner können ihre Mieten nicht mehr zahlen."
Die Reporterin solle mal mit Lothar sprechen, der kennt sich aus. Lothar ist beim Fanprojekt für die Sechzger zuständig. Keine drei Minuten später wird ein Telefon herübergereicht, Lothar ist dran, jemand hat ihn angerufen, damit er was zur Situation am Candidplatz sagt.
Das Interesse an dem Platz ist groß
Zwei Tage später ein Telefonat mit etwas mehr Ruhe. "Für die Fans hat der Candidplatz eine hohe Bedeutung", sagt Lothar. "Da kann man sich vor dem Spiel entspannt treffen, sammeln und informieren und sich nach dem Kick ohne Hektik im Viertel verteilen." Die Freifläche, die die Stadt nun bebauen will, sei nicht einfach nur ein Bolzplatz. "Das ist eine Freifläche, auf der alles Mögliche stattfindet. BMX-Angebote, eine große Skater-Community, und viele Eltern, die ihre Kinder beim Erlernen von Fußballfähigkeiten unterstützen." Lothar hat selber viele Jahre am Candidplatz gewohnt, inzwischen ist er umgezogen, aber wohnt noch immer in Giesing.
Bezirksausschuss unterstützt das Vorhaben
"Aktuell ist der Ärger über den Candidtower so groß, da kann sich die Stadt freuen, weil der Plan, die Freifläche gegenüber zu bebauen, geht einfach im Windschatten davon durch." Lothar selbst ist kritisch gegenüber dem Bauprojekt. "Mehr nachverdichten, als da jetzt geplant ist, geht überhaupt nicht mehr", sagt er. "Vor wenigen Jahren wurde das Gelände der alten Osram-Fabrik bebaut. Gegenüber von der Freifläche werden Hunderte Wohnungen gebaut, das ist noch nicht einmal fertig. Und wenn man sich die Infrastruktur anschaut, platzt die jetzt schon aus allen Nähten." Seine Forderung? "Dass man sich mal mit den realen Gegebenheiten dort auseinandersetzt." Es klingt ein bisschen frustriert.
In den nächsten Jahren wird an der Freifläche möglicherweise erst einmal ein Wagenplatz einziehen. Das Projekt "Radhäuser am Candidplatz" hat einen Antrag gestellt, auf dem Gelände ein "Wohn- und Kulturprojekt in Form eines Wagenplatzes" aufzuziehen. Der Bezirksausschuss unterstützt das Vorhaben.
Wie es dann weitergeht mit dem Candidplatz, ist unklar. Aber klar ist: Das Interesse an dem Platz ist groß. Von allen Seiten.