Isaridylle und Riesengraffiti: Die versteckte Welt unter der Brudermühlbrücke

Mehr als 1000 Brücken und Stege hat München. In dieser Sommerserie stellen wir einige vor. Hier: ein AZ-Besuch an der Brudermühlbrücke. Lohnt nicht am Mittleren Ring, denken Sie? Irrtum.
von  Irene Kleber
Die Brudermühlbrücke, die Sendling und Untergiesing verbindet, führt den Mittleren Ring über die Isar. Die Südseite hat der Münchner Graffiti-Künstler WON_ABC alias Michael Müller mit fantastischen Wesen besprüht.
Die Brudermühlbrücke, die Sendling und Untergiesing verbindet, führt den Mittleren Ring über die Isar. Die Südseite hat der Münchner Graffiti-Künstler WON_ABC alias Michael Müller mit fantastischen Wesen besprüht. © Sigi Müller

Zu Fuß über die Brudermühlbrücke flanieren? Von, sagen wir, dem Sendlinger Heizkraftwerk Richtung Sechzgerstadion in Giesing? Man käme nicht drauf. Zehntausende Autos brausen, rumpeln oder schleichen je nach Staulage täglich über die 138 Meter lange Isarbrücke, die Teil des Mittleren Rings ist – quasi der Stadtautobahn im Münchner Süden.
Platz für Radler und Fußgänger hat sie trotzdem. Und der Blick auf die Isar und Flaucherkiesel im Süden, wo sich Badende tummeln, ist hübsch. Lange stehen bleibt man aber besser nicht zwischen Abgaswolken und Brückenrauschen.

Oben braust der Verkehr zwischen Untergiesing und Sendling, unter der Brücke: ein stilles Isaridyll. Im Hintergrund ragt das Heizkraftwerk auf.
Oben braust der Verkehr zwischen Untergiesing und Sendling, unter der Brücke: ein stilles Isaridyll. Im Hintergrund ragt das Heizkraftwerk auf. © Sigi Müller

Idyll am Isarstrand unter der Brücke

Aber dann! Auf der Giesinger Seite führt nördlich ein Wegerl von der Brücke hinab – in eine ganz andere Welt. Die ist weit, wiesengrün, isarschillernd. Alte Eichen, Pappeln und Linden werfen Schatten auf Wildstauden und Totholzstämme.

„Morgens, mittags, abends“ komme sie mit ihrem Pudel-Spitz Eivy zum Schwimmen unterhalb der Brudermühlbrücke, sagt Sylvia Schütt.
„Morgens, mittags, abends“ komme sie mit ihrem Pudel-Spitz Eivy zum Schwimmen unterhalb der Brudermühlbrücke, sagt Sylvia Schütt. © Sigi Müller

Schwimmen mit Zamperl

Am Isarstrand wirft eine Frau mit Hut ein Stöckchen ins Wasser. Ihr schwarzes Zamperl flitzt hinein, heraus, schüttelt sich. "Morgens, mittags, abends" komme sie mit ihrem Pudel-Spitz-Mischling Eivy zum Schwimmen neben der Brücke, sagt Sylvia Schütt, sie wohne ja nur 300 Meter weg, direkt am lauten Ring. "Das Paradies hier unten, das ist mein Hintergarten. Das entschädigt mich für den Autowahnsinn da oben."
Da oben – das sieht auf der Nordseite noch unspektakulär aus: eine Balkenbrücke aus grauem Spannbeton, 1953 gebaut, mächtige 36 Meter breit. Tritt man aber unter sie hinein, hüllt einen Kühle ein – und während das Brückenrauschen verstummt, beginnt der Farbrausch.

Die Arbeit dieses Künstlers sei in nur eineinhalb Tagen fertig gewesen, erzählt Uli. "Das ist einer, der kann es halt wirklich."
Die Arbeit dieses Künstlers sei in nur eineinhalb Tagen fertig gewesen, erzählt Uli. "Das ist einer, der kann es halt wirklich." © Sigi Müller

Graffiti, hier ganz legal

Die Wände seitlich, auch die Flächen mittig rund um die Brückenpfeiler, allesamt leuchten in Graffitifarben. Seit Mitte der 90er Jahre schon dürfen junge Sprayer hier ganz legal sprühen. "Isart" hieß das von der Stadt geförderte Street-Art-Projekt anfangs. Ziel war es, Graffiti aus der Illegalität zu holen und als echte Kunstform im öffentlichen Raum zu zeigen.
Seit 2024 heißt das Projekt "Dösenöffner" – eine Jury sucht jedes Jahr aus Bewerberinnen und Bewerbern aus, wer die Wände neu gestalten darf.

Die Illustratorin Karen Exner (31) gehört zu den Künstlern, die aktuell die Brückenpfeiler der Brudermühlbrücke neu gestalten dürfen. Ihr Motiv auf der 13 Meter langen Wand: vier großformatige Köpfe.
Die Illustratorin Karen Exner (31) gehört zu den Künstlern, die aktuell die Brückenpfeiler der Brudermühlbrücke neu gestalten dürfen. Ihr Motiv auf der 13 Meter langen Wand: vier großformatige Köpfe. © Sigi Müller

"Total unterschätzt, wie viel Zeit das braucht"

Gerade kann man den neuen Künstlern bei der Arbeit zusehen. Hoch auf einer Leiter balanciert eine junge Frau mit rotblondem Pferdeschwanz. In der Linken eine Farbenpalette, in der Rechten einen Effektroller. Es ist die Buchillustratorin Karen Exner, eigentlich Berlinerin, aber gerade länger in München.
Sie wolle ihren Stil auf großer Fläche ausprobieren, sagt sie. 13 mal 3,6 Meter groß ist die Wand, auf die sie vier geometrisch abstrahierte Köpfe malt, angelehnt an die Figuren in ihrem Bilderbuch "Hüte": "Ich hab total unterschätzt, wie viel Zeit so eine riesige Wand braucht."

Unter der Brücke hat sich der Obdachlose Uli eingerichtet. Früher, sagt er, sei er selber Graffiti-Sprayer gewesen, jetzt schaut er den anderen zu.
Unter der Brücke hat sich der Obdachlose Uli eingerichtet. Früher, sagt er, sei er selber Graffiti-Sprayer gewesen, jetzt schaut er den anderen zu. © Sigi Müller

Uli lebt unterm Brückendach

Mitten in dieser Open-Air-Galerie lebt ein Mann, er verschwindet fast hinter seinen Habseligkeiten. Er heiße Uli, sagt er, und er sei früher selber Sprayer gewesen. Weil er schon eineinhalb Jahre unterm Brückendach lebt, kann er nicht nur über die Feste viel erzählen, die Münchens Jugend unter der Brücke feiert. Sondern auch über die spektakulärste Street-Art-Aktion. Die ist auf der Südseite der Brudermühlbrücke zu bestaunen, gewaltige 500 Quadratmeter groß.

Riesige Flächen hat Graffitikünstler WON_ABC über Kopf gestaltet.
Riesige Flächen hat Graffitikünstler WON_ABC über Kopf gestaltet. © Sigi Müller

Sprayerlegende und seine monumentalen Vögel

Auf 65 Metern Wandlänge hat Sprayerlegende WON_ABC (bürgerlich: Michael Müller) letzten Sommer drei monumentale Vögel geschaffen. "Wesen der Lüfte, Himmel der Freiheit" heißt die Arbeit. Der Münchner Künstler (59) war mit einem Teleskop-Hubwagen insgesamt sieben Wochen lang hier. "Wie oft der über Kopf auf die Spraydose gedrückt hat, Wahnsinn", sagt Uli.

Die alte Brudermühlbrücke 1951, kurz vor dem Abriss.
Die alte Brudermühlbrücke 1951, kurz vor dem Abriss. © www.trambahn.org

1904: Die erste Brudermühlbrücke

Zum ersten Mal ist übrigens schon 1904 eine Brücke an dieser Stelle über die Isar gebaut worden. Damals hat man – wegen des Neubaus der Wittelsbacherbrücke – die alte Wittelsbacher Eisenfachwerkbrücke hierher versetzt. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie schwer beschädigt und 1948 nur provisorisch als Fußgängersteg repariert. 1953 hat die Stadt die Brücke dann komplett abbauen und neu errichten lassen.

Den alten Namen aber hat die Brudermühlbrücke behalten. Sie ist seinerzeit (wie die Brudermühlstraße, die über sie führt) nach der Brudermühle benannt worden, einer der drei früheren Mühlen am Sendlinger Dreimühlenbach. Die hatte bis 1577 den Franziskanerbrüdern des Angerklosters gehört, daher der Name. Bis 1879 ist die Brudermühle als Unterkunft für unheilbar Pest- und Cholerakranke genutzt worden, als Außenstelle des Krankenhauses links der Isar. Und wurde dann kontrolliert abgebrannt.

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