Innerhalb des Mittleren Rings deutlich heißer: Diese Viertel trifft die Hitze am stärksten

ABENDZEITUNG: Frau Gonzalez, wie würden Sie das Stadtklima in München grundsätzlich beschreiben?
SILVIA GONZALEZ: München ist – wie viele Millionenstädte – stark vom sogenannten Wärmeinsel-Effekt betroffen. Durch die dichte Bebauung und die versiegelten Flächen kann sich die Stadt tagsüber stark aufheizen, aber nachts nicht ausreichend abkühlen.

Gibt es auch positive Faktoren?
Ja. München profitiert klimatisch von der Nähe zu den Alpen. Von dort kommen regelmäßig frische Winde, das sogenannte „Alpenschwappen“ oder auch "alpines Pumpen". Das bringt uns im Vergleich zu Städten wie Berlin durchaus Vorteile.
Klimaexpertin über das Hitzeproblem von München: "Da liegt ein großes Problem"
Hat sich das Stadtklima in den letzten Jahren verändert?
Ja. Die "heißen Tage" und die "Sommertage" mit Temperaturen von über 30 beziehungsweise 25 Grad haben zugenommen, die Frost- und Eistage ab.
In welchen Stadtteilen ist es am heißesten?
Besonders betroffen sind die innenstadtnahen Bezirke wie die Altstadt, das Lehel oder auch die Maxvorstadt – also stark versiegelte und dicht bebaute Viertel. Selbst dort, wo es größere Grünflächen gibt, etwa beim Englischen Garten, reicht die Kühlwirkung oft nur für die unmittelbare Umgebung. Eine Straße weiter merkt man davon nichts mehr.
Woran liegt das?
Es gibt zwei Hauptfaktoren: der Versiegelungsgrad und das Vorhandensein von Grünelementen – oder eben das Fehlen davon. Die Kühlwirkung von Bäumen und Parks ist sehr lokal begrenzt. Dazu kommt, dass Frischluftschneisen von Süden nach Norden verlaufen – diese dürfen nicht durch Bebauung blockiert werden.
Mittlerer Ring grundsätzlich heißer
Ist es im Süden Münchens deshalb generell kühler?
Tendenziell ja. Aber entscheidender als die Himmelsrichtung ist, wie dicht bebaut ein Stadtteil ist. Sendling zum Beispiel liegt zwar im Süden, ist aber dichter bebaut als Allach im Norden – und deshalb oft wärmer. Innerhalb des Mittleren Rings ist es grundsätzlich deutlich heißer als außerhalb.
Was macht die Stadt München aus Ihrer Sicht beim Thema Stadtklima richtig?
Es gibt positive Initiativen wie die Aktion "3500 Bäume für München", bei der Bürgerinnen und Bürger sowie Bezirksausschüsse mitgeholfen haben, geeignete Pflanzorte zu identifizieren. Das ist gut – aber wir brauchen deutlich mehr. 3500 Bäume in zehn Jahren sind zu wenig. Notwendig wären eher 8000 bis 10.000.
Alte Bäume schützen und zusätzliche pflanzen
Und wie sieht es auf Privatgrundstücken aus?
Da liegt ein großes Problem. Viele Innenhöfe werden derzeit zugebaut und versiegelt – oft mit der Folge, dass alter Baumbestand verloren geht. Das passiert auch in Vierteln wie der Maxvorstadt, Schwabing oder dem Westend, wo es ohnehin schon dicht ist. Leider hat die Stadt bei privaten Grundstücken kaum Handhabe. Zwar wird die Baumschutzverordnung gerade überarbeitet und Fällungen sollen teurer werden, aber das ist noch nicht ausreichend.

Was wäre Ihrer Meinung nach die wichtigste Maßnahme?
Wir müssen jeden einzelnen Baum schützen – und zusätzlich viele neue pflanzen. Jeder Mensch sollte idealerweise einen Baum vor der Haustür haben. Die großen Parks sind wichtig, aber sie helfen bei der Hitze nur den Menschen, die direkt daneben wohnen. Besonders nachts kann das zum Gesundheitsrisiko werden – etwa bei Tropennächten, wenn die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt.
Für die Zukunft vorsorgen
Wie stark kühlt ein Baum die Luft tatsächlich ab?
Das hängt stark vom Alter und der Art des Baums ab. Eine große Linde mit dichter Krone kühlt mehr als ein junger Baum mit wenig Laub. Die volle klimatische Wirkung erreicht ein Baum erst nach etwa 25 Jahren, oft später. Deswegen muss man die doppelte Strategie fahren: Zum einen den alten Baumbestand unbedingt schützen, zum anderen immer wieder neue Bäume pflanzen, um für die Zukunft vorzusorgen.
Was können Münchnerinnen und Münchner für ein kühleres Stadtklima tun?
Private Eigentümer könnten versiegelte Innenhöfe, Fassaden oder Dächer begrünen. Dafür gibt es auch Fördergelder von der Stadt München, auch für Gewerbe.