"Uns wurde viel versprochen": In Europas größtem Neubaugebiet im Münchner Westen gibt es Ärger

In Freiham, Europas größtem Neubaugebiet im Münchner Westen, ist manches merkwürdig: Zum Beispiel eine fünf Millionen Euro teure Sportgaststätte, die keiner nutzt, eine Straße, die niemand befahren darf und Wohnungen, die seit Monaten leer stehen. 
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Warum darf auf dieser Straße niemand fahren?
Warum darf auf dieser Straße niemand fahren? © Christina Hertel

Vor drei Jahren ist Laura (30) mit ihrer Familie nach Freiham gezogen. Das ist Europas größtes Neubaugebiet am westlichen Ende Münchens. Laura hat zwei Kinder und arbeitet fürs Patentamt. Sie habe sich vor allem wegen der günstigen Miete für Freiham entschieden.

"Aber manchmal frage ich mich schon, ob wir uns nicht lieber zu viert in unsere 2,5-Zimmer-Wohnung in Neuhausen hätten quetschen sollen", sagt sie. Denn hier fehlt nicht nur der U-Bahn-Anschluss. Sondern: auch eine Stadtbibliothek, ein Kulturzentrum, Räume, wo sich Menschen treffen können. "Und auf der Straße steht man morgens immer im Stau", sagt sie.

Manchmal bereue sie, nach Freiham gezogen zu sein, sagt Laura.
Manchmal bereue sie, nach Freiham gezogen zu sein, sagt Laura. © Christina Hertel

Ein paar dieser Probleme könnte die Stadt schnell lösen, glauben Sebastian Kriesel, Chef des örtlichen Bezirksausschusses, und Stadtrat Nikolaus Gradl. Beide sind bei der CSU. Sie zeigen der AZ Orte in Freiham, die für Millionen gebaut wurden, aber keiner nutzen kann.

Gaststätte seit sechs Jahren leer

Stopp Nummer 1: der Sportcampus an der Hans-Dietrich-Genscher-Allee. 100 Millionen Euro gab die Stadt für den Sportpark aus. Er besteht unter anderem aus zwei Dreifachturnhallen, einem Schulschwimmbad, einem Tanzsportraum – und: einer Vereinsgaststätte.

Hier könnten Sportvereine noch ein Bier trinken.
Hier könnten Sportvereine noch ein Bier trinken. © Christina Hertel

Die wurde Anfang 2020 fertig. Sie hat einen langen Tresen, eine kleine Küche im Nebenraum, Holzboden, eine Terrasse mit Blick auf den Fußballplatz. Nur: Der bestimmt 300 Quadratmeter große Raum steht komplett leer – seit sechs Jahren.

5,5 Millionen Euro habe dieses Vereinsheim gekostet, weiß Nikolaus Gradl. Und jetzt sei der Saal immer zugesperrt.

"Das tut mir für Freiham so leid", sagt BA-Chef Kriesel. Denn der Bedarf an Räumen, wo sich Menschen treffen können, sei groß.

In Freiham lässt die Stadt Infrastruktur verstauben, die sie für Millionen baute, erzählen Sebastian Kriesel (links) und Nikolaus Gradl. Beide sind bei der CSU.
In Freiham lässt die Stadt Infrastruktur verstauben, die sie für Millionen baute, erzählen Sebastian Kriesel (links) und Nikolaus Gradl. Beide sind bei der CSU. © Christina Hertel

Zuständig für die Vereinsgaststätte ist das Sportreferat. Es antwortet der AZ, dass die Gaststätte von den Vereinen als Gruppenraum für eigene Veranstaltungen genutzt werden konnte. Allerdings stehen in dem Saal keine Tische oder Stühle. Dem BA-Chef ist nicht bekannt, dass dort jemals eine Veranstaltung stattgefunden hat. "Zeitnah" solle jedenfalls laut dem Referat die Ausschreibung erfolgen.

Straße, die keiner befahren darf

Als Nächstes zeigen Kriesel und Gradl eine Straße – mit glattem Asphalt und weißer Mittelmarkierung. Sie führt von der Aubinger Allee zur Autobahn. Die Straße sei seit 2020 fertig, sagt Gradl. Doch bis heute dürfen sie nur Baustellenfahrzeuge befahren.

Auto- und Motorradfahrer dürfen sie nicht nutzen. Darauf weist auch ein Schild hin. Einige stört das nicht, sie fahren an diesem Vormittag trotzdem dort entlang. Nur erwischen lassen dürfen sie sich nicht. Denn es droht ein Bußgeld – und Gradl weiß: Die Polizei kontrolliert die Straße auch regelmäßig.

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1,5 Millionen Euro hat der Bau der Straße laut der CSU gekostet. Was dagegen spricht, sie zu nutzen, wollte die AZ vom Mobilitätsreferat wissen. Es teilt mit, dass der Autobahnzubringer 2023 umgebaut worden sei und sich noch immer in einem provisorischen Zustand befinde, zum Beispiel gebe es keine Beleuchtung und wegen der vielen Baustellen sei die Straße oft stark verschmutzt. Und: Im Mai 2026 solle die Straße wieder umgebaut werden, wegen der Baustelle für das U-Bahn-Vorhaltebauwerk.

96 Wohnungen stehen leer

Die nächste Merkwürdigkeit zeigen die beiden CSUler nur ein paar Hundert Meter weiter. Dort stehen mehrere Häuser mit 96 Wohnungen leer, sagt Gradl. Im Innenhof ist ein kleiner Spielplatz angelegt. Aus den Briefkästen quellen Werbeblätter.

Das ist nicht das einzige Haus an der Aubinger Allee, das nicht bewohnt ist.
Das ist nicht das einzige Haus an der Aubinger Allee, das nicht bewohnt ist. © Christina Hertel

Das Grundstück, weiß Gradl, hat die Stadt 2019 in Erbpacht vergeben. Ziel war, dass dort Wohnraum für Mangelberufe wie Pfleger oder Erzieher entsteht. Etwa zwei Jahre sei auf der Baustelle nichts vorwärtsgegangen. Doch nach einem Verkauf sei inzwischen die Wohnanlage längst fertig – "mindestens seit Herbst 2025", sagt Gradl.

Die AZ stellte eine Anfrage an den Eigentümer – bekam allerdings keine Antwort.

Laura kennt ein paar dieser Orte. Auch sie wundert sich. Doch zu viel will sie über Freiham nicht schimpfen. Es gebe auch gute Einrichtungen, engagierte Menschen. Aber insgesamt sei es einfach so: "Uns wurde viel versprochen. Und dann wurden wir von der Realität überrascht."

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  • 1Muenchner vor 4 Stunden / Bewertung:

    Das kommt raus, wenn eine Kommune alles bis ins Kleinste (perfekt ideologisch) planen will. Das wird nix. Hat im Sozialismus auch schon nicht geklappt.

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