Im Jahr 2030 muss sie raus: Bewohnerin (87) blickt auf 56 Jahre im Arabellahaus zurück

Es ist immer noch ein schönes Gefühl im Arabellahaus. Hier im Haupteingang durch das Hotelfoyer zu gehen, hat etwas Mondänes, etwas Weltbürgerliches, das Gefühl des Zwischenstopps auf einer großen Reise, auch wenn an manchen Stellen die Fassade seit Jahren bröckelt und gestützt wird. Ebenfalls sympathisch: Das Starbucks im linken Drittel ist halb versteckt, ganz zurückhaltend. Eine sanfte Einladung zum Kaffee. Die nimmt man gerne an.
Schon von außen kommt es einem vor, in eine andere Stadt zu schauen, in die Ferne, trotz des großen Blocks, ganz zu schweigen vom Ausblick von ganz oben Richtung Alpen oder Stadtmitte. Man könnte vor diesem schlichten, rechteckigen Hochhaus mit 23 Stockwerken denken, in New York oder Paris zu stehen. Unter dem Vordach fühlt man sich geborgen, gerade an so einem gnadenlos regnerischen Tag wie am vergangenen Mittwoch.
Dieses vielfältige Gefühl, so sagten das schon Bewohnerinnen und Bewohner in den vergangenen Jahrzehnten, war mitentscheidend, dass sie eine der 550 Wohnungen über dem Hotel gemietet haben. Für alle gilt: Ende März 2030 müssen alle ausgezogen sein, weil das riesige Haus grundsätzlich saniert und erweitert wird.
Früher als Stadt in der Stadt geplant, heute wieder eine Zukunftsvision
1969 wurde das Haus im Auftrag der Unternehmerfamilie Schörghuber fertiggestellt. Heute gehört es der Bayerischen Hausbau Real Estate (BHRE), der Immobiliensparte der Schörghuber Gruppe.
Es sind ausschließlich Mietwohnungen, und Doris Erdmann im zweiten Stock ist die älteste Mieterin dieses damals so futuristischen Hauses. Nur ein Mann hat einen älteren Mietvertrag, datiert auf das Jahr 1969.
Die "Zukunft des Wohnens" hieß es oft, weil im Ensemble am angrenzenden Rosenkavalierplatz auch Apotheken, Einzelhändler, Bars und Kinos aufmachten. Ein Stadt-in- der-Stadt-Konzept.

Anna Brunert ist Mitarbeiterin der Bayerischen Hausbau, kümmert sich um alle Mieter im Arabellahaus und kennt viele von ihnen beim Namen, auch Doris Erdmann, die die AZ besuchen darf.
Brunert klingelt. Erdmann öffnet schwungvoll die Tür. "So viele Menschen", ist ihre erste Reaktion. Zu fünft sind wir insgesamt. Sie bittet uns herein in ihr Heim, das einem halben Kunstmuseum gleicht.

Sechs Jahrzehnte gesammelte Werke: Lithografien von Salvador Dali, der "Bishop" von Fernando Botero, Prunkvasen, eine Gepard-Figur, Porzellanelefanten auf dem Tisch, Gemälde am Treppenaufgang. "Ich liebe den Dicken", sagt sie über den "Bishop" aus den 1970ern.

Einen echten Mann liebte Erdmann auch einmal. "Ehe war nichts für mich, zu großer Freiheitsdrang", sagt sie und lacht laut mit ihrer rauchigen Stimme, als ob sie das selbst gar nicht mehr glauben kann, "sechs Jahre und drei Monate war ich verheiratet." Das war, bevor sie 1970 mit Anfang 30 nach München kam.
Die 87-Jährige wurde in die Modewelt hineingeboren
Doris Erdmann kennt die Welt, viel in Paris sei sie gewesen. "Ich habe etwa zehn Jahre als Model gearbeitet", sagt sie, modebewusst wie eh und je. Bei unserem Besuch trägt sie eine Stoffhose von Armani.
Doris Erdmann stammt aus Hannover. Ein halbes Leben hat sie im Arabellahaus verbracht – denkt man sich spontan. Doch das stimmt gar nicht. Es ist ein Dreiviertel-Leben.
Doris Erdmanns Familie hatte in Hannover ein Modehaus, gegründet 1935. "Mein Bruder hat es lange Zeit geführt", erzählt sie und zeigt ein Foto, das zwischen all den Kunstwerken an der Treppe hängt.
Georg Erdmann, gestorben vor etwa fünf Jahren, lehnt lässig an einem weißen Porsche Carrera und sieht in seinem beigen Anzug und mit seinem Schnauzer der Filmfigur Baby Schimmerlos aus Kir Royal zum Verwechseln ähnlich. Auch Doris Erdmann hatte früher einen Porsche. "Ich fuhr Bergrennen", sagt sie.

Drei Geschwister hatte sie mal. Auch auf Beerdigungen von einigen Nachbarn sei sie schon gewesen.
Eine Bar für die Bewohner und legendäre Musikstudios
"Früher gab es hier eine Bar, das halbe Arabellahaus hat sich dort getroffen", erinnert sie sich. Legendäre Feste.
Und auch Musiker aus den weltbekannten "Musicland Studios" von Giorgio Moroder gingen in die Bar auf einen Drink. Die Rolling Stones, Led Zeppelin, Queen, Deep Purple: Alle nahmen sie im Arabellahaus-Keller auf, bis die U-Bahn gebaut wurde und dadurch keine vernünftigen Tonaufnahmen mehr möglich waren.

Alle Möbel für die Maisonette-Wohnung maßgefertigt
Doris Erdmann hütet manche Geheimnisse. Ob sie einen der Musiker näher kennengelernt habe? Da schweigt sie und lenkt ab. Erdmann spricht lieber über die Möbel, die sie zum Einzug maßanfertigen ließ. Wie viel sie dafür ausgegeben habe? "Ein Vermögen", sagt sie, "ich habe beim Einzug alles so eingerichtet, dass ich mein ganzes Leben lang hier wohnen kann. Und jetzt das."
Froh sei sie schon, dass das Arabellahaus nicht abgerissen wird, wie ursprünglich geplant. Die Bayerische Hausbau will das stadtbildprägende Gebäude im Osten Münchens erhalten, sanieren sowie erweitern und investiert dafür Hunderte Millionen. Aber im Grunde ändert sich nicht viel für Erdmann, die 87-jährige Wahlmünchnerin. Denn Ende März 2030 sollen alle Mieter ausgezogen sein. Dann soll die Sanierung starten.

Wohin sollen die Menschen ziehen?
Doch wohin sollen 550 Mietparteien ziehen, fragen sich seither 700 bis 800 Bewohner wie Doris Erdmann, gerade auf dem völlig überhitzten Münchner Mietmarkt.
"Wir finden was für Sie", sagt Anna Brunert. Man habe bereits Kontakt mit mehreren Eigentümern im Stadtviertel, um speziell langjährige Mieterinnen wie Doris Erdmann wenigstens im Bezirk halten zu können.
Eine Seniorenresidenz? Das kann sich Doris Erdmann nicht vorstellen. "Was soll ich da, wo die Ladys ihre Brillis spazieren tragen und um die Gunst des einzigen Mannes rangeln", sagt sie und lacht wieder rauchig, "das ist nix für mich". Ob sie früher geraucht habe? "65 Jahre!", sagt sie.

Der Auszug wirkt unvermeidbar. Eine Sanierung im laufenden Betrieb ist nicht möglich. Zudem soll das Haus verbreitert werden. Einige Apartments in der Mitte des Gebäudes werden aufgegeben, um eine Begegnungsstätte für die Bewohner zu schaffen.
Ein "Auge", nennt es die Bayerische Hausbau. Dazu plant man ein begrüntes Dach mit Gastronomie. "Wenn ich die Gelegenheit hätte, würde ich sofort wieder herziehen. Das Haus ist meine Heimat", sagt Doris Erdmann. 2034 soll die Sanierung abgeschlossen sein.

Auch die längste Außenrolltreppe Europas entlang der Fassade hinauf zur grünen Dachterrasse plant die Bayerische Hausbau am Arabellahaus der Zukunft. Vielleicht wird sie auch die größte der Welt sein.
"Da werden sich die künftigen Mieter aber freuen, wenn fremde Leute von der Rolltreppe in deren Wohnungen schauen können", sagt Erdmann. Anna Brunert beruhigt: "Nein, das wird schon so gestaltet, dass das nicht möglich ist".
"Schörghuber Junior hatte eine Leidenschaft für Oldtimer"
"Ich möchte nicht in der Haut von Frau Brunert stecken", sagt Doris Erdmann. Sie erinnert sich an den Familienpatron Josef Schörghuber zurück, der einst das Haus bauen ließ. "Er hat sich extrem um das Haus gekümmert", sagt sie, auch der Sohn Stefan Schörghuber sei immer engagiert gewesen.
"Der Junior hatte eine Leidenschaft für Oldtimer", erinnert sie sich als ehemalige Hobbyrennfahrerin. Jeder Mieter habe sich jederzeit an der Rezeption des Hotels melden können.
Doris Erdmann ist gespannt, wie das Haus nach der Sanierung aussieht – und zweifelt offen, ob sie das noch erleben wird.