"Ich bin hinein ins Leben und habe nicht an morgen gedacht"

Auch im reichen München gibt es sie: die armen Alten. Einer von ihnen: Heinz Beer (72). Wie das Sozialamt hilft – und warum es ohne Helfervereine dennoch nicht reicht.
| Irene Kleber
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Heinz Beer (72), hier in seiner Küche, hat selbständig gearbeitet, bis er 70 war. „Aus Spaß“ – aber auch, weil er kaum Rentenansprüche hat. Heute schafft er das nicht mehr
Daniel von Loeper Heinz Beer (72), hier in seiner Küche, hat selbständig gearbeitet, bis er 70 war. „Aus Spaß“ – aber auch, weil er kaum Rentenansprüche hat. Heute schafft er das nicht mehr

München - Das Altern, sagt Heinz Beer, sei für ihn schon recht überraschend dahergekommen. Gerade noch steht er im Karstadt am Stachus und verkauft munter Staubsauger, immer einen lustigen Spruch auf den Lippen – "Promoter", nennt sich dieser Beruf. Und plötzlich bricht die Leukämie, die er jahrelang unter Kontrolle gehalten hat, so richtig durch. Schweißausbrüche. Schwindel. Nix geht mehr.

Das war vor zwei Jahren, da war Heinz Beer 70 Jahre alt. Mit 70 noch arbeiten? Warum? "Weil’s mir Spaß gemacht hat", sagt er, wäre ja auch langweilig gewesen ohne die Gaudi mit den Kunden. Und natürlich auch wegen des Geldes. Ein bisschen.

Mit 18 wurde es ihm zu eng, er wollte was erleben. In Amerika.

Es ist nämlich so, dass Heinz Beer, der fast sein Leben lang selbstständig war, praktisch keinen Rentenanspruch hat. "Ich bin blauäugig gewesen. Ich bin hinein ins Leben und habe nicht an morgen gedacht. Nicht daran, dass einem irgendwann auch die Kräfte ausgehen", sagt er. "So eine Dummheit".

Dabei hatte es so vielversprechend angefangen. Beer lernte Kaufmann mit 14 Jahren, daheim in Innsbruck, im Lebensmittelladen seines Onkels. Mit 18 Jahren wurde es ihm zu eng, er wollte in weite Welt, was erleben, nach Amerika. Er wurde Fensterputzer in Las Vegas. Zog weiter nach Südamerika. Kam nach München, jobbte als Tankwart, Bauarbeiter, Kellner, Geschäftsführer eines Lokals. Immer Geld in der Tasche. Immer unter Strom.

Dann kam die Spielsucht. Falsche Freunde. Und Schulden. Immer wieder hat er sich berrappelt, vielleicht auch, weil er die zwei Jahre ältere Renate traf, eine gelernte Modistin, die Hüte für Damen herstellt. Sie zogen in eine kleine 60-Quadratmeter-Wohnung in Laim, sattelten um auf den Beruf als selbstständige Promoter, er bei den Elektrogeräten, sie bei bei Käse, Wurst und Süßigkeiten. Sie kauften eine Harley-Davidson, arbeiteten – und zwei Monate im Jahr reisten sie. Nach Griechenland, Italien Österreich.

Zuletzt, sagt Heinz Beer, hat er 500, manchmal 600 Euro die Woche verdient als Staubsaugerkunden-Bespaßer. Die Spielsucht war gebannt, die Altlasten-Schulden hat er so strukturiert, dass er, alles in allem, noch 250 Euro jeden Monat dafür abzahlen muss. "Wir dachten", sagt er, "so fröhlich geht es jetzt halt immer weiter". Aber dann wurde aus Renates Asthma eine schwere Lungenkrankheit. Und ja – da war seine Leukämie eben, "wir konnten einfach nicht mehr."

Ohne Helfer geht es nicht

Am Ende war der Sachbearbeiter im Sozialamt nett. Heinz Beer, heute 72, und seine Renate (74) bekommen nun Sozialhilfe. Das Amt zahlt die Miete (600 Euro kalt) und den Strom. Dazu für jeden an die 300 Euro im Monat für Lebensmittel, Kleidung und den Rest. Natürlich muss er weiter seine 250 Euro Schulden abzahlen, 50 Euro, haben sie ausgemacht, darf Renate für sich allein ausgeben, 200 bis 300 Euro brauchen sie fürs Haushaltsgeld und Medikamente.

Heinz Beer ist froh, dass er heute etwas zurückgeben kann: Fast jeden Werktag fährt er um kurz vor 11 Uhr hinüber ins Alten- und Servicezentrum (ASZ) am Kiem-Pauli-Weg. Teilt dort drei Stunden lang ehrenamtlich Essen aus für den Mittagstisch. Brutzelt Fleischpflanzerl und schnibbelt Wurstsalat, wenn draußen der kleine Biergarten auf ist. Bis zu 25 Senioren essen hier, viele sind bitterarm.

"Renate und ich, wir kommen durch im normalen Alltag", sagt Heinz Beer. Nur, wenn Unvorhergesehenes passiert, wenn die Waschmaschine kaputt geht, wie letztes Jahr, und jetzt auch noch die Spülmaschine, dann ist eine Neuanschaffung nicht drin. Was hart ist für beide. Bei Renate kamen zur Lungenkrankheit auch noch Rheuma und Gicht dazu, da ist Abspülen mit der Hand eine Qual.

In der Not sind sie auf Helfer getroffen vom Verein "Münchner für Münchner", den Natalie Schmid, die Ehefrau von Bürgermeister Josef Schmid gegründet hat (s. Kasten rechts). "Sie ist so eine Perle", erzählt Beer. "Sie hat die kaputten Hände gesehen und ganz unbürokratisch geholfen. Ohne sie hätten wir heute noch keine Waschmaschine. Eine Spülmaschine kommt vielleicht auch."

"Schaltet euer Hirn ein"

Beer sagt, dass er sein Leben wie ein Abenteuer geliebt hat. Aber wenn er die Uhr zurückdrehen könnte, würde einen großen Bogen machen um Spielcasinos. Würde sein hart verdientes Geld zusammenhalten. Würde genau hinschauen, mit welchen Menschen er sich umgibt und wem er vertraut.

Den jungen Leuten müsse man heute sagen: "Leut, schaltet’s euer Hirn ein, lernt einen Beruf fertig, geht ruhig mal ins Ausland, damit ihr was von der Welt verstehen lernt. Aber lasst die Finger vom Alkohol und von Drogen. Und sucht euch eine nette Partnerin. Sie wird euch fünf Mal mehr helfen als der beste Freund."

Die Renate und er, sagt er, sie seien jetzt 40 Jahre miteinander durch Dick und Dünn gegangen. Ohne sie läge er längst unter der Erde. "Sie hält zu mir wie ein Stein", so formuliert er es, und seine Stimme, wird ganz weich dabei. "Sie war und ist das beste, was ich habe."

Lesen Sie hier: Das ist der Verein Münchner für Münchner

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