Hochburg der Hundeesser: So lange wurde Fleisch der Vierbeiner in München verkauft
Dass es bis vor 20 Jahren noch einen Pferdemarkt in München gab, am Viehhof damals, daran werden sich ältere Münchner noch erinnern. Immer am ersten Samstag im Monat lieferten die Pferdehändler im Morgengrauen in den Hallen an der Tumblingerstraße all die schönen Rösser an.
Hufgetrappel, Wiehern, Feilschen, Blasmusik, Bier und Bratwürschtl – ein bisserl wie auf einem Volksfest ging es zu. Vorbei, die Hallen sind abgerissen, jetzt steht das Volkstheater auf dem Gelände.
Der Andrang soll immens gewesen sein
Aber wer erinnert sich, dass es noch in den 1960er-Jahren einen Münchner Hundemarkt in Giesing gab, an der Tegernseer Landstraße? Noch viel weiter zurück liegen die Zeiten, in denen man an der Westenriederstraße am Markt Tauben kaufen konnte (bis 1919).
Und Mitte des 19. Jahrhunderts, als mehrere Cholera-Epidemien Tausende in der Stadt dahingerafft hatten, eröffneten geschäftstüchtige Bauern auf dem südlichen Viktualienmarkt einen Markt für Ziegenmilch. Die könne beim Gesundwerden und -bleiben helfen, hieß es damals, und fürs Liebesleben tauge die Goaßmilch obendrein.
Der Andrang soll so immens gewesen sein, dass Schandis anrücken und für Ordnung sorgen mussten.
So hieß der Marienplatz früher
Nachlesen kann man all das detailreich und schön bebildert im neuen Buch des Münchner Autors und Malers Martin Arz. "Münchner Märkte – Die Vielfalt einer Stadt von Dult bis Großmarkt" heißt es (Hirschkäfer Verlag). Und gerade in den Kapiteln über die historischen Märkte lässt sich eine Menge München-Wissen auffrischen.

Etwa, dass das Marktgeschehen in München nicht am Viktualienmarkt begonnen hat (der wurde erst 1807 als Erweiterungsfläche eröffnet). Sondern schon mit der Stadtgründung 1158 am heutigen Marienplatz, wo sich vier Handelswege trafen. Ursprünglich hieß er Schrannenplatz, nach dem Getreidemarkt (Schranne).
Die Stadt richtete spezielle Sondermärkte ein
Weil es schnell voll wurde auf dem Hauptmarkt, richtete die Stadt Sondermärkte ein: den Rindermarkt fürs Vieh, den Salzmarkt in der Kreuzgasse und den Rossmarkt am Unteranger. Andere, wie der Fisch-, Wein- oder Eier- und Kräutlmarkt, blieben zunächst am Schrannenplatz.
Dass die Schranne zum größten Getreidemarkt Bayerns wurde, hat ein rechtes Verkehrschaos mit sich gebracht. "An einem Tag kamen bis zu 1034 Bauernwägen, gezogen von 2068 Pferden, auf den Marktplatz", schreibt Martin Arz. Also hieß es: entzerren.

Nach der Viktualienmarkteröffnung hat es trotzdem noch 46 Jahre gedauert, bis 1853 die 400 Meter lange Schrannenhalle fertig war. Damit endete die Marktzeit am alten Schrannenplatz – seither heißt er Marienplatz. Sie haben Lust, mehr zu erfahren? Die AZ zeigt Auszüge aus dem Buch. Es ist ab sofort im Handel erhältlich.
Ziegenmilchmarkt: Der Andrang auf das gesunde Aphrodisiakum
Schmutziges Grundwasser, Fäkalien, mangelhafte Hygiene: Nach mehreren Cholera-Epidemien in München, bei denen Tausende Menschen starben (1854 auch Königin Therese, die Frau von Ludwig I.), wurden viele Städter gesundheitsbewusster. Einige Nahrungsmittel gerieten in den Verdacht, krank zu machen. Wie die Kuhmilch, die als "verseucht" galt, mindestens als Durchfall erregend.
Um 1860 kamen Ziegenbauern aus dem Umland, vor allem aus Perlach, Unterbiberg und Deisenhofen, auf die Idee, am südlichen Viktualienmarkt nahe der Freibank einen kleinen Ziegenmilchmarkt aufzuziehen.
Ziegenmilch galt als besonders gesund
Die frisch gemolkene Milch kostete 16 Pfennig pro Glas. Vor allem für Kleinkinder galt Ziegenmilch als höchst gesundheitsfördernd. Vermutlich spielte auch der Aberglaube eine Rolle, dass Ziegen gegen Krankheiten helfen würden. So schwor man in vielen Gegenden Altbayerns, dass ein Tuch, das man über Nacht einer schwarzen Ziege umgebunden hatte und dann den Kindern um den Hals legte, gegen Ziegenpeter (Mumps) helfen würde.

Auch als Aphrodisiakum spielte Ziegenmilch eine Rolle. Sie mache "die Männer unternehmend" und lasse die Frauen empfangen, hieß es. "Von Liebestränken Betörten gebe man eine Abkochung der Rinde des Holunders mit Ziegenmilch morgens und abends." Teilweise gab es so großen Andrang am Ziegenmilchmarkt, dass die Gendarmerie eingreifen musste. Der Markt bestand bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs.
Hopfenmarkt: Aus der Hallertau in die Schranne – bis zum Ersten Weltkrieg
Dass München als Biermetropole schon immer einen großen Hopfenmarkt hatte, würde man erwarten. Stimmt aber nicht ganz. Denn ein Hopfenmarkt hat sich in der Stadt nie dauerhaft etablieren können. Noch bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde direkt um Münchens Altstadt herum Hopfen angebaut.
Teile der Residenz stehen auf dem Hopfengarten des ehemaligen Franziskanerklosters, das eine eigene Brauerei betrieb (das Kloster stand da, wo sich heute die Staatsoper befindet).
Brauer deckten dort bis zu drei Fünftel ihres Bedarfs
1780 existierte zeitweise ein Hopfenmarkt in der Weiten Gasse (heute Damenstiftstraße). Anfang des 19. Jahrhunderts beschloss man wegen der großen Hopfenmenge, die Brauereien benötigten, einen eigenen Hopfenmarkt zu gründen. Der eröffnete am 1. Oktober 1837 im früheren Weiberhaus des Heiliggeistspitals neben der Heiliggeistkirche (die Einrichtung für bedürftige Frauen war umgezogen; heute ist dort der Viktualienmarkt).

Der Hopfen kam vor allem aus der Hallertau. 1844 wurden 5500 Zentner umgesetzt. Die Münchner Brauer deckten bis zu drei Fünftel ihres Bedarfs auf dem Hopfenmarkt. 1853 zog der Markt um in den Mittelpavillon der Schrannenhalle und war nur am Freitag geöffnet. 1911 taucht der Hopfenmarkt zum letzten Mal in den Akten auf. Vermutlich wurde er mit dem Abriss des Hallenmittelteils 1914 abgeschafft.
Hundemarkt: München, Hochburg der Hundeesser
Enge Gassen, dicht stehende Häuser, Hufgetrappel, Markttreiben – und jede Menge herrenlose Hunde. Streuner prägten lange das Münchner Stadtbild. Und die Klagen häuften sich, weil sie Tollwut hatten und Menschen ansteckten.
Ende des 16. Jahrhunderts setzte der Stadtrat Hundefänger ein, die die Streuner fangen und erschlagen mussten. Wegen der Hundeplage forderte der Leiter des Wasser- und Straßenbaus 1780, allen Almosenempfängern das Hundehalten zu verbieten.

Zwei Jahre später, 1782, wird erstmals ein Hundemarkt am Marktplatz (heute Marienplatz) erwähnt. Der fand immer an Sonn- und Feiertagen statt, von 10 bis 12 Uhr. Was heute nicht mehr vorstellbar ist: Hunde waren nicht nur als Wachhunde und Spielgefährten beliebt (nur Wohlhabende konnten sich das leisten), sondern auch als Fleischlieferanten.

München galt sogar als Hochburg der Hundeesser – nach Augsburg. Und Hundefett galt als Heilmittel gegen allerlei Zipperlein. 1821 führte die Stadt Hundezeichen, Halsband- und Maulkorbpflicht ein, das reduzierte die Zahl der Tiere. 1859 fiel der Maulkorbzwang, außer für Bulldoggen, Fanghunde und bissige Hunde.
Der Hundemarkt ist mehrfach umgezogen: vom Marienplatz zum Viktualienmarkt, zeitweise in die Schrannenhalle, ab 1873 auf den Viehmarkt an der Herrnstraße, 1898 zurück in die Schranne. Vor dem Ersten Weltkrieg lag er im Hof des Mohrenköpfl am Altheimer Eck, 1910-1922 im Gasthaus Oberottl (Sendlinger Straße). Ab 1920 im Braunauer Hof (Frauenstraße 3), ab 1927 im Schweizerwirt in Giesing (mindestens bis in die 60er Jahre). Erst 1986 wurde die Hundeschlachtung in Deutschland verboten.
