Hitze, Glas, Fehlplanung: Alltag auf Münchens Radler- und Fußgängersteg

Über 1000 Brücken und Stege hat München. Wir stellen einige vor. Diesmal: Ein AZ-Besuch am Arnulfsteg, der jetzt Edith-Haberland-Wagner-Brücke heißt. 240 Meter verbinden zwei Stadtviertel über 37 Gleise. Das kommt gut an. Trotzdem hagelt es auch Kritik.
Irene Kleber |
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Blick nach Norden: Der Arnulfsteg, der jetzt Edith-Haberland-Wagner-Brücke heißt, ist eine Trogbrücke und wie eine halbe Röhre geformt. Das sieht spannend aus.
Blick nach Norden: Der Arnulfsteg, der jetzt Edith-Haberland-Wagner-Brücke heißt, ist eine Trogbrücke und wie eine halbe Röhre geformt. Das sieht spannend aus. © Sigi Müller

Erst schwitzen zwei Radler aus dem Westend kommend über die Brücke Richtung Neuhausen. Es folgen drei Menschen mit Bürotascherln auf dem Weg zur Arbeit. Ihnen entgegen ächzt ein asiatisches Paar mit zwei Kindern, die Mutter hat einen Regenschirm gegen die Sonne aufgespannt.

Ja, es ist heiß an diesem Dienstag im August, dabei ist es erst kurz nach 10 Uhr am Vormittag. Aber auf dem Arnulfsteg, der seit Januar Edith-Haberland-Wagner-Brücke heißt, fühlen sich die hochsommerlichen 28 Grad eher nach erdrückenden 38 Grad an.

240 Meter Asphalt zwischen Stahlwänden

Am Boden der Trogbrücke: schnürgrade 240 Meter Asphalt. Links und rechts: übermannshohe, nach innen geneigte Stahlwände mit Glasfenstern. Die Hitze staut sich, kein Lüftlein dringt herein. Ein Steg wie eine Bratröhre.

Der "gläserne Steg" sieben Meter über den Gleisen – vom Bahnsteig an der S-Bahn-Haltestelle Donnersbergerbrücke aus gesehen.
Der "gläserne Steg" sieben Meter über den Gleisen – vom Bahnsteig an der S-Bahn-Haltestelle Donnersbergerbrücke aus gesehen. © Sigi Müller

"Klassische Fehlplanung", so sagt’s denn auch trocken ein Radlfahrer, der auf Zuruf dann doch stehen bleibt. Es ist Nikolai Stoll, Architekt aus dem Westend, der auf dem Weg zu einer Baustelle im Norden häufig über den "gläsernen Steg" radelt. So hat man die neue Brücke anfangs gern genannt. "Die schnelle Achse vom Westend nach Neuhausen ist super", findet der Architekt. "Aber bei der Planung hat man einiges nicht zu Ende gedacht."

Nikolai Stoll radelt regelmäßig auf der Brücke: "Die schnelle Achse ist super, aber bei der Planung hat man einiges nicht zu Ende gedacht."
Nikolai Stoll radelt regelmäßig auf der Brücke: "Die schnelle Achse ist super, aber bei der Planung hat man einiges nicht zu Ende gedacht." © Sigi Müller

Pannen, Verzögerungen und eine Kostenexplosion

Erst 2020 ist die Fußgänger- und Radfahrerbrücke nach den Entwürfen von SSF Ingenieure und Lang Hugger Rampp Architekten fertig geworden – nach Planungspannen, Bauverzögerungen und einer Kostenexplosion auf 26,9 Millionen Euro. Der Steg überspannt 37 Bahngleise, die zum Hauptbahnhof führen, ein Stück östlich der viel befahrenen Donnersbergerbrücke.

Spannende Aussicht durch eine Glasscheibe nach Westen: hinten die Donnersbergerbrücke, links der Central Tower mit Antenne.
Spannende Aussicht durch eine Glasscheibe nach Westen: hinten die Donnersbergerbrücke, links der Central Tower mit Antenne. © Sigi Müller

Das hat den Vorteil, dass man als Fußgänger oder Radler nicht mehr Umwege über die Hacker- oder Donnersbergerbrücke nehmen muss, um zwischen dem Westend und Neuhausen (oder der Maxvorstadt) zu pendeln. Sehr praktisch für die Bewohner des Neubaugebiets Arnulfpark nördlich der Gleise. Aber auch für Hunderte Mitarbeiter von Google – das Tech-Unternehmen hat seinen Campus und ein Entwicklungszentrum direkt neben dem Steg.
Und noch einen Vorteil gibt es: Auch von den Bahnsteigen an der Donnersbergerbrücke, wo S-Bahnen und Züge halten, führen zwei Treppenaufgänge herauf zum Steg. Allerdings fehlt ein Aufzug.

43 Stufen haben die beiden Treppenabgänge von der Brücke runter zu den Bahnsteigen der S-Bahn-Haltestelle. Aber ein Aufzug fehlt leider.
43 Stufen haben die beiden Treppenabgänge von der Brücke runter zu den Bahnsteigen der S-Bahn-Haltestelle. Aber ein Aufzug fehlt leider. © Sigi Müller

"Wir nennen die Brücke Google-Steg"

Gerade kommt Neike Taika-Tessaro über die Brücke heranspaziert, ITlerin bei Google. "Wir nennen die Brücke Google-Steg", erzählt sie. "Ein Glück, dass der schon fertig war, als ich aus Hamburg für den Job nach München kam."
Ihre Wohnung habe sie nämlich im Westend gefunden. Nun gehe sie jeden Tag 20 Minuten zu Fuß über die Gleise zur Arbeit, fast meditativ sei das, dieses Gehen hin und zurück. Nur, klagt auch sie, "der Steg fängt die Hitze sehr, die Luft staut sich hier wie in einer Schlucht, das ist wirklich mörderisch heiß."

Neike Taika-Tessaro arbeitet bei Google direkt neben der Brücke: "Hübsch, aber mörderisch heiß", findet sie.
Neike Taika-Tessaro arbeitet bei Google direkt neben der Brücke: "Hübsch, aber mörderisch heiß", findet sie. © Sigi Müller

"Photovoltaikanlagen als Dach, das wär's"

Nikolai Stoll, der ganzjahresradelnde Architekt, hätte da eine Lösung parat. "Photovoltaikanlagen als Dach über der Brücke, das wär’s“, sagt er. „Die würden im Sommer kühlenden Schatten geben, im Winter könnte man mit dem Strom den Brückenboden heizen." Das sei nämlich übel hier für Radlerinnen und Radler im Winter: "Die Brücke vereist, da hast du permanent Rutschgefahr."
Und noch ein paar Punkte stören ihn als Brückennutzer: "Die Sichtachsen sind schlecht geplant, man sieht an beiden Enden nicht, ob von links und rechts jemand daherkommt, ich finde das gefährlich." Die Auf- und Abfahrspirale für Radler am Nordende sei auch viel zu schmal geplant, "jedenfalls für die vielen breiten Lastenräder, die es inzwischen gibt."

Die spiralförmige Auffahrt für Radler auf der Nordseite der Brücke.
Die spiralförmige Auffahrt für Radler auf der Nordseite der Brücke. © Sigi Müller

Kuppeln der Frauenkirche und Central Tower

Die Sicht auf München immerhin ist eine Schau – wenn auch nur durch Glasscheiben. Im Osten sind hinter den Gleis-Enden am Hauptbahnhof die Kuppeln der Frauenkirche und der Justizpalast zu sehen, rechts ragt die Paulskirche auf, eine feine Orientierung, falls man sich zu Oktoberfestzeiten fragt, wo ungefähr die Theresienwiese ist. Dreht man sich nach Westen, kann man über die Donnersbergerbrücke hinweg aufs Hauptzollamt schauen. Davor ragt der 85 Meter hohe Central Tower mit 30-Meter-Antenne auf.

Einige Glasfenster sind schon kaputt und mit Holzplatten abgedeckt. Hier hat sich jemand mit Sprühdose verewigt.
Einige Glasfenster sind schon kaputt und mit Holzplatten abgedeckt. Hier hat sich jemand mit Sprühdose verewigt. © Sigi Müller

Einige der riesigen Glasscheiben des Stegs sind übrigens schon kaputt, die Hohlräume sind mit Holzplatten abgedeckt. Darüber könnte man meckern, aber das wäre nicht schlau. Die Platten (die Sprayer natürlich längst entdeckt haben) werfen Schatten! Hätte man sich nicht besser ausdenken können.

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  • Bürger Europas vor 17 Minuten / Bewertung:

    Ich finde die Brücke ist volle Geldverschwendung gewesen. Entschuldigung, eine Brücke dient dazu ein Hindernis zu überqueren. Warum muss man da 300m sinnlos vorher und nachher im Kreis fahren. Ich will von A nach B. Die Brücke ist nur für Freizeitzwecke, dafür hätte man etwas anderes Bauen können.

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  • kartoffelsalat vor 11 Minuten / Bewertung:
    Antwort auf Kommentar von Bürger Europas

    Als Zugang zu den S-Bahnsteigen hilft sie schon.
    Als echte Radloption leider mangelhaft geplant.
    Notwendig wäre eine leistungsfähige & sichere Radlverbindung über die Gleise dringend.

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  • Lackl vor 11 Stunden / Bewertung:

    Ich glaub es gibt nix worüber diese Radler nicht wuisln.
    Arg. Statt dankbar zu sein, nur gemecker.
    Fehlt nur noch, dass einer jetzt kommt den Radlsteg mit den Regenbogenschmarrn anzuschmiweren.

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