Hitze, Glas, Fehlplanung: Alltag auf Münchens Radler- und Fußgängersteg
Erst schwitzen zwei Radler aus dem Westend kommend über die Brücke Richtung Neuhausen. Es folgen drei Menschen mit Bürotascherln auf dem Weg zur Arbeit. Ihnen entgegen ächzt ein asiatisches Paar mit zwei Kindern, die Mutter hat einen Regenschirm gegen die Sonne aufgespannt.
Ja, es ist heiß an diesem Dienstag im August, dabei ist es erst kurz nach 10 Uhr am Vormittag. Aber auf dem Arnulfsteg, der seit Januar Edith-Haberland-Wagner-Brücke heißt, fühlen sich die hochsommerlichen 28 Grad eher nach erdrückenden 38 Grad an.
240 Meter Asphalt zwischen Stahlwänden
Am Boden der Trogbrücke: schnürgrade 240 Meter Asphalt. Links und rechts: übermannshohe, nach innen geneigte Stahlwände mit Glasfenstern. Die Hitze staut sich, kein Lüftlein dringt herein. Ein Steg wie eine Bratröhre.

"Klassische Fehlplanung", so sagt’s denn auch trocken ein Radlfahrer, der auf Zuruf dann doch stehen bleibt. Es ist Nikolai Stoll, Architekt aus dem Westend, der auf dem Weg zu einer Baustelle im Norden häufig über den "gläsernen Steg" radelt. So hat man die neue Brücke anfangs gern genannt. "Die schnelle Achse vom Westend nach Neuhausen ist super", findet der Architekt. "Aber bei der Planung hat man einiges nicht zu Ende gedacht."

Pannen, Verzögerungen und eine Kostenexplosion
Erst 2020 ist die Fußgänger- und Radfahrerbrücke nach den Entwürfen von SSF Ingenieure und Lang Hugger Rampp Architekten fertig geworden – nach Planungspannen, Bauverzögerungen und einer Kostenexplosion auf 26,9 Millionen Euro. Der Steg überspannt 37 Bahngleise, die zum Hauptbahnhof führen, ein Stück östlich der viel befahrenen Donnersbergerbrücke.

Das hat den Vorteil, dass man als Fußgänger oder Radler nicht mehr Umwege über die Hacker- oder Donnersbergerbrücke nehmen muss, um zwischen dem Westend und Neuhausen (oder der Maxvorstadt) zu pendeln. Sehr praktisch für die Bewohner des Neubaugebiets Arnulfpark nördlich der Gleise. Aber auch für Hunderte Mitarbeiter von Google – das Tech-Unternehmen hat seinen Campus und ein Entwicklungszentrum direkt neben dem Steg.
Und noch einen Vorteil gibt es: Auch von den Bahnsteigen an der Donnersbergerbrücke, wo S-Bahnen und Züge halten, führen zwei Treppenaufgänge herauf zum Steg. Allerdings fehlt ein Aufzug.

"Wir nennen die Brücke Google-Steg"
Gerade kommt Neike Taika-Tessaro über die Brücke heranspaziert, ITlerin bei Google. "Wir nennen die Brücke Google-Steg", erzählt sie. "Ein Glück, dass der schon fertig war, als ich aus Hamburg für den Job nach München kam."
Ihre Wohnung habe sie nämlich im Westend gefunden. Nun gehe sie jeden Tag 20 Minuten zu Fuß über die Gleise zur Arbeit, fast meditativ sei das, dieses Gehen hin und zurück. Nur, klagt auch sie, "der Steg fängt die Hitze sehr, die Luft staut sich hier wie in einer Schlucht, das ist wirklich mörderisch heiß."

"Photovoltaikanlagen als Dach, das wär's"
Nikolai Stoll, der ganzjahresradelnde Architekt, hätte da eine Lösung parat. "Photovoltaikanlagen als Dach über der Brücke, das wär’s“, sagt er. „Die würden im Sommer kühlenden Schatten geben, im Winter könnte man mit dem Strom den Brückenboden heizen." Das sei nämlich übel hier für Radlerinnen und Radler im Winter: "Die Brücke vereist, da hast du permanent Rutschgefahr."
Und noch ein paar Punkte stören ihn als Brückennutzer: "Die Sichtachsen sind schlecht geplant, man sieht an beiden Enden nicht, ob von links und rechts jemand daherkommt, ich finde das gefährlich." Die Auf- und Abfahrspirale für Radler am Nordende sei auch viel zu schmal geplant, "jedenfalls für die vielen breiten Lastenräder, die es inzwischen gibt."

Kuppeln der Frauenkirche und Central Tower
Die Sicht auf München immerhin ist eine Schau – wenn auch nur durch Glasscheiben. Im Osten sind hinter den Gleis-Enden am Hauptbahnhof die Kuppeln der Frauenkirche und der Justizpalast zu sehen, rechts ragt die Paulskirche auf, eine feine Orientierung, falls man sich zu Oktoberfestzeiten fragt, wo ungefähr die Theresienwiese ist. Dreht man sich nach Westen, kann man über die Donnersbergerbrücke hinweg aufs Hauptzollamt schauen. Davor ragt der 85 Meter hohe Central Tower mit 30-Meter-Antenne auf.

Einige der riesigen Glasscheiben des Stegs sind übrigens schon kaputt, die Hohlräume sind mit Holzplatten abgedeckt. Darüber könnte man meckern, aber das wäre nicht schlau. Die Platten (die Sprayer natürlich längst entdeckt haben) werfen Schatten! Hätte man sich nicht besser ausdenken können.
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