Historische München-Reklame aus den 80ern: Bewegte Jahre

Zwischen Parkcafé, Waldsterben und der neuen Münchner Hallenkultur: Nicht jedes Plakat durfte in den 1980ern öffentlich an die Litfaßsäulen.
| Irene Kleber
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Diese Plakat bewirbt 1986 das neue Album "Dirty Work" der Rolling Stones.
Ströer 9 Diese Plakat bewirbt 1986 das neue Album "Dirty Work" der Rolling Stones.
1983: Herbert Grönemeyer kommt in die Münchner Alabamahalle, die als Schauplatz für die freie Jugendkulturszene bald Kultstatus bekommt. Tickets gibt’s auch in der Schalterhalle der Abendzeitung in der Sendlinger Straße, wie dem Plakat zu entnehmen ist. Ab 1984 sendet der BR die Jugendsendung "Live aus dem Alabama". 1988 macht die Alabamahalle dicht.
Ströer 9 1983: Herbert Grönemeyer kommt in die Münchner Alabamahalle, die als Schauplatz für die freie Jugendkulturszene bald Kultstatus bekommt. Tickets gibt’s auch in der Schalterhalle der Abendzeitung in der Sendlinger Straße, wie dem Plakat zu entnehmen ist. Ab 1984 sendet der BR die Jugendsendung "Live aus dem Alabama". 1988 macht die Alabamahalle dicht.
1980: Für 270.000 D-Mark kauft das Lenbachhaus die Joseph-Beuys-"Installation "Zeige deine Wunde", zu der auch zwei Leichenbahren aus der Pathologie gehören. Kritiker nennen das den "teuersten Sperrmüll aller Zeiten".
Ströer 9 1980: Für 270.000 D-Mark kauft das Lenbachhaus die Joseph-Beuys-"Installation "Zeige deine Wunde", zu der auch zwei Leichenbahren aus der Pathologie gehören. Kritiker nennen das den "teuersten Sperrmüll aller Zeiten".
1984: Die erste grüne Fraktion zieht mit sechs wuschelhaarigen Stadträten ins Münchner Rathaus ein.
Ströer 9 1984: Die erste grüne Fraktion zieht mit sechs wuschelhaarigen Stadträten ins Münchner Rathaus ein.
1983: Ein Plakat von Klaus Staeck zur Bundestagswahl.
Ströer 9 1983: Ein Plakat von Klaus Staeck zur Bundestagswahl.
Anfang der 1980er Jahre ist dieses Plakat von Satiriker Ernst Volland häufig in linken Buchläden (und bei diversen linken Gruppen) zu sehen. Allerdings nirgends im öffentlichen Straßenraum, weil die Deutsche Städtereklame für diese "Frechheit" keine Litfaßsäulenflächen zur Verfügung stellen will. Zu sehen: FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher (Mitte) als umworbene Schönheit zwischen den Supermännern Franz Josef Strauß (l.), der 1980 als CSU-Kanzlerkandidat antritt, und SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt (r.). Zwei Jahre später, 1982, unterstützt Genscher das konstruktive Misstrauensvotum gegen Schmidt.
E. Volland, Ströer 9 Anfang der 1980er Jahre ist dieses Plakat von Satiriker Ernst Volland häufig in linken Buchläden (und bei diversen linken Gruppen) zu sehen. Allerdings nirgends im öffentlichen Straßenraum, weil die Deutsche Städtereklame für diese "Frechheit" keine Litfaßsäulenflächen zur Verfügung stellen will. Zu sehen: FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher (Mitte) als umworbene Schönheit zwischen den Supermännern Franz Josef Strauß (l.), der 1980 als CSU-Kanzlerkandidat antritt, und SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt (r.). Zwei Jahre später, 1982, unterstützt Genscher das konstruktive Misstrauensvotum gegen Schmidt.
"Der Kanzlerkandidat"
E. Volland, Ströer 9 "Der Kanzlerkandidat"
FJS (bucklig wie der Glöckner von Notre-Dame) auf der Frauenkirche und Starfighter im Himmel über München: Noch eins der "verbotenen" Plakate aus der Feder des Satirikers Ernst Volland. "Ich habe vor der Bedrohung aus München in Form von Franz Josef Strauß gewarnt, der zuvor Atom- und Verteidigungsminister war, marode Starfighter gekauft hat, die abgestürzt sind und dann auch noch Kanzler werden wollte", erzählt Volland.
Ströer 9 FJS (bucklig wie der Glöckner von Notre-Dame) auf der Frauenkirche und Starfighter im Himmel über München: Noch eins der "verbotenen" Plakate aus der Feder des Satirikers Ernst Volland. "Ich habe vor der Bedrohung aus München in Form von Franz Josef Strauß gewarnt, der zuvor Atom- und Verteidigungsminister war, marode Starfighter gekauft hat, die abgestürzt sind und dann auch noch Kanzler werden wollte", erzählt Volland.
1985: München feiert "175 Jahre Oktoberfest" mit einer Ausstellung im Stadtmuseum, zu der der Grafiker (und „Spiegel“-Titelblattzeichner) Michael M. Prechtl dieses Plakat zeichnet. Es hagelt massiven Protest. Denn zu sehen ist ein Grüppchen von Leuten, die allesamt seit der Erfindung der Wiesn eine Verbindung zu München hatten: Lenin ist darunter und Adolf Hitler (von dem nur ein Auge, eine Haarlocke und der erhobene Arm zu sehen ist). Auf dem bayerischen Löwen hockt der Schriftsteller Oskar Maria Graf mit einer Nackerten samt weißblauer Schlange (eine Parodie auf Franz von Stucks Allegorie der "Sünde"). Die CSU empört auch der Satz über dem Maßkrug: "175 Jahre bayerischer National-Rausch" steht da. Sie hätte freilich "175 Jahre bayerisches Glücksgefühl" passender gefunden.
Ströer 9 1985: München feiert "175 Jahre Oktoberfest" mit einer Ausstellung im Stadtmuseum, zu der der Grafiker (und „Spiegel“-Titelblattzeichner) Michael M. Prechtl dieses Plakat zeichnet. Es hagelt massiven Protest. Denn zu sehen ist ein Grüppchen von Leuten, die allesamt seit der Erfindung der Wiesn eine Verbindung zu München hatten: Lenin ist darunter und Adolf Hitler (von dem nur ein Auge, eine Haarlocke und der erhobene Arm zu sehen ist). Auf dem bayerischen Löwen hockt der Schriftsteller Oskar Maria Graf mit einer Nackerten samt weißblauer Schlange (eine Parodie auf Franz von Stucks Allegorie der "Sünde"). Die CSU empört auch der Satz über dem Maßkrug: "175 Jahre bayerischer National-Rausch" steht da. Sie hätte freilich "175 Jahre bayerisches Glücksgefühl" passender gefunden.

Die 1980er sind eine aufgeregte Zeit in München. Während ein Teil der Jugend mit Schulterpolstern und Vokuhila-Haaren vor den Türstehern am P1, Parkcafé und Sugarshake bibbert, gehen die anderen gegen das Waldsterben und Atomkraft auf die Straße.

1981 eröffnet die Alabamahalle und legt den Grundstein für die Hallenkultur der folgenden Jahre. 1984 ziehen die Grünen mit ihrer ersten Fraktion ins Rathaus ein. Und CSU-Ministerpräsident Franz Josef Strauß, rotes Tuch für die linke Bewegung, wird zum beliebten Spott-Objekt. Vieles von dem, was los war in der Stadt, lässt sich an den Reklame-Plakaten ablesen, die sich im Archiv des Werbevermarkters Ströer finden. Die AZ zeigt – in dieser letzten Folge unserer Plakat-Reihe – eine kleine Auswahl.

50.000 Schätze im Ströer-Archiv

Mehr als 50 000 Reklameplakate, die in vergangenen Jahrzehnten Münchens Litfaßsäulen zierten, hütet die Werbevermarktungsfirma Ströer in einem Keller in Sendling. Die ältesten Exemplare sind 130 Jahre alt. Das wertvollste, ein Plakat von Wassily Kandinsky, hat einen Sammlerwert von etwa 80.000 Euro. Ströer hat das Archiv von der "Deutschen Städtereklame" übernommen und lässt den Münchner Künstler Hubert Franz Schweitzer, der das Archiv seit Jahrzehnten betreut, die Sammlung jedes Jahr erweitern.

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