Historiker: Münchner Wasserwerke-Chef 1933 von Nazis "systematisch fertiggemacht"

Ein vergessenes Stück Stadtgeschichte: Der Historiker Jan Neubauer hat erforscht, wie der Chef der Wasserwerke 1933 von Kollegen und Nazis brutal aus dem Amt gedrängt wurde.
| Felix Müller
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"Er war sehr angesehen": Ernst Henle († 1938), Direktor der Wasserwerke von 1910 bis 1933.
"Er war sehr angesehen": Ernst Henle († 1938), Direktor der Wasserwerke von 1910 bis 1933. © Stadtarchiv

Die Stadtwerke haben in den vergangenen Jahren die NS-Geschichte eines ihrer Vorgänger, der Wasserwerke, erforschen lassen. Doch um die Hintergründe des Rückzugs ihres Direktors Ernst Henle ging es dabei nicht. Auch in den Akten der Wasserwerke gibt es kaum Hinweise. Der Historiker Jan Neubauer ist anderswo auf Dokumente gestoßen - und hat im Detail recherchiert, wie einer der wichtigsten Beamten der Stadt schon 1933 systematisch aus dem Amt getrieben werden konnte.

AZ: Herr Neubauer, Ernst Henle war 1933 schon 23 Jahre im Amt. So eine lange Zeit spricht dafür, dass er angesehen und erfolgreich war, oder?
JAN NEUBAUER: Ja. Ernst Henle ist ab 1910 die prägende Figur für den Ausbau der Wasserversorgung in München. Er hat das Stück für Stück vorangetrieben, war nur zwischendurch im Ersten Weltkrieg im Kampfeinsatz. Er war sehr angesehen. Man kann es so zuspitzen: Wer heute in der Stadt einen Wasserhahn aufmacht, hat auch deshalb fließend Wasser, weil Ernst Henle dafür gearbeitet hat.

Sie konnten nicht herausfinden, dass er schon vor 1933 unter Beschuss gestanden hätte?
Nein. 1932 feiert er ein Dienstjubiläum. Oberbürgermeister Karl Scharnagl schreibt ihm, gratuliert herzlich. Henle ist ein durch und durch anerkannter Fachmann, eingebunden in die Ausbaupläne.

Jan Neubauer. Der Historiker arbeitet an der Universität Augsburg.
Jan Neubauer. Der Historiker arbeitet an der Universität Augsburg. © ho

Was bedeutet die Machtübernahme der Nazis für Henles Situation?
Erstmal läuft es vermeintlich normal weiter. Aber es gibt schon bald das Berufsbeamtengesetz. Mitarbeiter des öffentlichen Diensts, über die die Nazis sagen, sie seien "nicht-arischer" Herkunft, können entlassen werden.

Und das trifft auf Henle zu?
"Nicht-arisch" meint zum Beispiel, dass ein Großelternteil jüdisch war. Henles Eltern sind, als er klein war, zum Protestantismus konvertiert. Bis dahin waren sie jüdischen Glaubens.

Und das spielt in den Wasserwerken nun eine Rolle?
Sämtliche Mitarbeiter der Stadt müssen im Juli 1933 Fragebögen ausfüllen, in denen es auch um die Konfessionszugehörigkeit und eine mögliche "nicht-arische" Abstammung geht.

Das ist einer der zwei Briefe des Sommers 1933, von denen Sie schreiben, dass sie Ernst Henles Leben ändern werden.
Ja, ein Brief ist ein offizielles Schreiben des Stadtrats. Da wird ihm klargeworden sein, dass es problematisch werden kann. Aber: Es gibt im Berufsbeamtengesetz zwei Ausnahmen. Menschen, die jüdischer Abstammung sind, aber im Ersten Weltkrieg gekämpft haben, dürfen nicht entlassen werden. Und, wer schon vor 1914 verbeamtet war, auch nicht.

Beides trifft auf Henle zu?
Beides trifft auf Henle zu. Er hat zu diesem Zeitpunkt eigentlich die Sicherheit, dass das Gesetz auf ihn keine Anwendung finden kann.

Schützt ihn das in der Praxis?
Ja, die Stadtspitze muss sich an das Gesetz halten.

Was verstehen die Nazis im Münchner Rathaus unter einer "Betriebsgemeinschaft"?
Sie wollen eine völkische Gemeinschaft der Beamten, Arbeiter und Angestellten, die für die Stadt München arbeiten. Jüdinnen und Juden haben da keinen Platz - und damit, aus ihrer Sicht, auch Ernst Henle nicht.

Rein rechtlich ist es unmöglich, Ernst Henle aus dem Amt zu drängen. Was passiert dann?
Führende Mitarbeiter der Wasserwerke verbünden sich gegen Henle. Sie vermuten, dass er in dem Fragebogen falsche Angaben macht, dass er verschweigen würde, dass seine Eltern Juden seien. Sie warten gar nicht, bis er den Fragebogen zurückgesandt hat - sondern schreiben direkt an die Stadtspitze.

Wie argumentieren sie?
Sie machen Anschuldigungen, die den Nationalsozialisten in ihr antisemitisches Weltbild passen. Henle sei politisch marxistisch zu verorten, würde Geld verschwenden - solche falschen Anschuldigungen verbreiten sie auch gezielt unter den Mitarbeitern der Wasserwerke. Ihr Ziel ist offensichtlich: Sie wollen Ernst Henle loswerden.

"Henles Frau schreibt einen Brief an Rudolf Heß"

Davor warnt ihn der zweite Brief des Sommers 1933.
Ein loyaler Beamter schreibt ihm, dass Dinge hinter seinem Rücken vor sich gehen und er aufpassen soll. Das könnte ihn noch mehr beunruhigt haben. Das Gesetz kann er einschätzen; seine langjährigen Kollegen offenbar nicht.

Es gibt schließlich einen Untersuchungsausschuss.
Der feststellt, dass man Henle nicht entlassen kann. Weil er Soldat im Weltkrieg war und vor 1914 Beamter.

Man versucht, Henle zum Rücktritt zu drängen, was er aber nicht einsieht.
Es gibt eine Unterschriftenliste gegen ihn im Wasserwerk, die leitende Beamte des Wasserwerks mit Nationalsozialisten initiiert haben, um den Druck auf ihn zu erhöhen. Und: Das Verhalten Henle gegenüber ändert sich. Neudeutsch würde man sagen: Er wird gemobbt. Was ja absurd ist, weil man einen Vorgesetzten eigentlich nicht so leicht mobben kann. Aber die über ihm Stehenden lassen ihm keinerlei Unterstützung mehr zukommen.

Mit einigen der Wasserwerksbeamten legt sich NSDAP-OB Karl Fiehler in der Sache trotzdem an. Warum?
Wie gesagt: Man kann Henle nicht entlassen, der offizielle Weg ist also gescheitert. Deshalb kontaktieren die Kollegen Henles direkt NSDAP-Männer in Berlin und fragen nach, ob es denn nicht andere rechtliche Möglichkeiten gibt. Das gefällt dem Münchner Oberbürgermeister überhaupt nicht.

Warum?
Es geht ihm nicht darum, Henle zu schützen. Den will auch Fiehler loswerden. Es geht darum, die eigene Machtposition zu sichern - und da passt nicht rein, dass man in Berlin von Münchnern angeschrieben wird, die den eigenen Oberbürgermeister übergehen.

Im Werk spitzt sich unterdessen der Konflikt zwischen Henle und dem Anführer der Gruppe gegen ihn, Erwin Marquardt, zu.
Im Dezember 1933 soll es zu einer größeren Aussprache kommen zwischen Marquardt, Henle und Fritz Beblo, der der Vorgesetzte der beiden ist. Da beschwert sich Henle über das ehrverletzende Verhalten Marquardts, der ihn schneiden würde und ihm den "Deutschen Gruß" verweigert.

Den Hitlergruß. Ziemlich skurril aus heutiger Sicht, dass sich Henle darüber beschwert, den nicht gezeigt zu kriegen.
Henle merkt dadurch, dass er kein Teil der "Betriebsgemeinschaft" sein soll. So zeigen ihm auch Personen, die formal unter ihm stehen, dass er nicht mehr dazugehört. Aber klar, aus heutiger Sicht wirkt es skurril, dass jemand, der schon merkt, dass er in diesem System verfolgt wird, auf den Hitlergruß besteht.

Interessanterweise wenden sich nicht nur Henles Gegner nach Berlin. Auch seine eigene Frau schreibt an Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß. Warum?
Die Diktatur ist im Aufbau begriffen, noch nicht gefestigt in diesem Sommer 1933. Aber das Recht wird zunehmend dehnbar. Es wirkt so, dass die Henles verstehen, dass man Fürsprecher braucht. Henles Frau will klarmachen, dass ihr Mann immer loyal zu diesem Staat war, erklärt, dass er Weltkriegsveteran ist, sie eine anständige Familie sind.

Erstaunlich, wie viel Hin und Her es um die Personalie gibt.
Wir denken heute immer, das ist eine klare Diktatur unter Hitler. Aber so ist es da eben noch nicht. Hätte man Henle im Herbst 1933 entlassen, wäre er vors Arbeitsgericht gezogen. Und das hätte vermutlich gesagt: Diese Kündigung ist ungültig. Deshalb war es zielführender, ihn systematisch fertigzumachen.

Letztlich geht er. Auch zu dem Zeitpunkt hätte man ihn noch nicht kündigen können?
Er ist da immer noch rechtlich abgesichert.

Wann geht er?
Am 2. Januar 1934 reicht er einen Antrag auf Frühpensionierung ein, wenige Tage nach dem Gespräch, in dem es um den "Deutschen Gruß" gegangen war. Es liegt ein Schreiben seines Arztes bei, der eine depressive Erkrankung diagnostiziert. Und das ist vermutlich kein Vorwand. Marquardt wird sein Nachfolger als Direktor.

Erwin Marquardt († 1955).
Erwin Marquardt († 1955). © Stadtarchiv

"Seine engsten Mitarbeiter intrigieren gegen ihn"

Sie sehen einen Zusammenhang zu dem Mobbing?
Ja. Bis zum Sommer 1933 gibt es keinerlei Anzeichen, warum sich Henle zurückziehen sollte. Der Wunsch ist offenbar das Resultat dessen, dass seine engsten Mitarbeiter mit ihm brechen, gegen ihn intrigieren, ihn systematisch fertigmachen. Und davon, dass er keinerlei Rückhalt der Stadt bekommt.

Ihre Einschätzung: Haben seine Gegner die Gunst der Stunde genutzt - oder waren das überzeugte Antisemiten?
Die Mitarbeiter Henles merken, dass man mit der Familiengeschichte Henles bei der neuen Stadtspitze punkten kann. Marquardt selbst ist im Frühjahr 1933 in die NSDAP eingetreten, hat so signalisiert, dass er an diesen neuen Staat glaubt. Bei Marquardt gibt es auch Hinweise, dass er bereits in der Weimarer Republik Kontakte ins antisemitische Milieu hatte. Bei den anderen bin ich mir nicht so sicher.

Was könnte sie getrieben haben?
Diese Geschichte zeigt, dass es Menschen gibt, die vielleicht gar nicht so radikal sind, aber schnell verstehen, wie man den Antisemitismus der Nazis nutzen kann - zum Beispiel auch für das eigene berufliche Fortkommen. Die schnell verstehen, was sich geändert hat. Hätten Marquardt und seine Verbündeten das alles ein paar Monate zuvor gemacht, hätten sie sicher ein Dienststrafverfahren bekommen. Jetzt gibt es keine Gefahr mehr für sie.

Henle selbst nimmt sich im November 1938 das Leben, seine Familie wird aus einer Wohnung der Gewofag geworfen, damit Platz ist für eine "arische" Familie. Was wird aus den Henles, ohne Vater?
Henle fürchtet offenbar die Deportation nach der "Pogromnacht" im November 1938. Sein Suizid ist das Resultat der sich immer weiter verschärfenden antisemitischen Politik. Seine Kinder werden als "Halb-Juden" diskriminiert, bleiben aber in München. Sie kriegen Probleme mit dem Studium, werden aus der Wehrmacht ausgeschlossen, einer der Söhne wird 1944 in ein KZ-ähnliches Lager in die Niederlande deportiert.

Sie haben diese Geschichte jetzt erforscht. Warum ist sie so wenig bekannt?
In der Nachkriegszeit war sie natürlich noch bekannt. Die Mitarbeiter der Stadtwerke damals wussten, was passiert war. Aber dann ist sie vergessen worden.

"Arbeiten für den Nationalsozialismus: Die Stadt München und ihr Personal im Dritten Reich" von Jan Neubauer ist soeben bei Wallstein erschienen, 452 Seiten, 42 Euro.

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