Helfer und Hilfesuchende: Die Menschen aus dem Kälteschutz

Auch Rentner und Kinder müssen in der Stadt auf der Straße leben. Die AZ hat sie getroffen - und Münchner, die ihnen helfen.
| Jasmin Menrad
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Das Lager des Vereins.
Jasmin Menrad 4 Das Lager des Vereins.
Die Obdachlosen brauchen warme Kleidung.
Jasmin Menrad 4 Die Obdachlosen brauchen warme Kleidung.
Ahmed und Sultana haben kein Zuhause.
AZ 4 Ahmed und Sultana haben kein Zuhause.
Das Ehepaar hält zusammen.
AZ 4 Das Ehepaar hält zusammen.

München - Mama heißt Petra Lehmann (50) für jene Menschen, die jeden Abend zu ihr in die Lagerhalle kommen, sich aufwärmen, Tee trinken, Briefe schreiben und sich fest umarmen lassen. Es sind Rumänen, Rentner, alleinstehende Frauen und Kinder. Sie haben kein festes Zuhause und schlafen im Kälteschutz, den die Innere Mission im Auftrag der Stadt betreibt. „Was für Menschen im Kälteschutz sind, haben wir nicht überrissen“, sagt Lehmann – bis die Menschen vor ihrer Tür standen.

Wohnungslose in München  – der Verein Heimatstern hilft 

Am 30. November haben 517 Menschen in dem Haus auf dem Gelände der Bayernkaserne in Mehrbettzimmern mit Stockbetten übernachtet: 414 Männer, 80 Frauen und sieben Mütter mit 16 Kindern. Wenn sich um 17 Uhr die Tore für die Wohnungslosen öffnen, kommen sie seit Oktober am Lager des Vereins Heimatstern vorbei, dessen Vorsitzende Petra Lehmann ist.

Das Lager des Vereins.
Das Lager des Vereins. © Jasmin Menrad

Alles, was diese Menschen besitzen, haben sie in Rucksäcken und Tüten bei sich. Heimatstern hatte sich bis zum Oktober an den Außengrenzen Europas engagiert und heuer beispielsweise 200 Paletten Hilfsgüter auf die Balkanroute und in Flüchtlingslager nach Griechenland bringen lassen. Dann sahen die Ehrenamtler Menschen mit müden Schritten an ihrem Lager vorbeigehen.

"Viele Menschen hier auf der Suche nach jemandem, der sie akzeptiert"

Petra Lehmann, Tilman Haerdle (51) und Robert Schultz (54) öffneten die Türen, stellten Tisch, Stühle und Sofas hinein, brachten Kaffeetassen und richteten eine Spielecke für die Kinder ein. "Wir positionieren uns nicht politisch, sondern humanitär. Wir haben keine Zeit für Politik", sagt Schultz.

"Viele Menschen hier sind auf der Suche nach jemandem, der sie akzeptiert, der sie in den Arm nimmt und sagt: 'Ich weiß, du hast Scheiße gebaut, aber ich habe dich trotzdem lieb'", sagt Lehmann. Die Biografien vieler sind gebrochen, die Probleme rühren aus der Kindheit. Sie suchen eine Mutterfigur. Petra Lehmann ist diese Mutterfigur.

Sie kennt jeden mit Namen, sie kennt die Geschichte jedes Menschen, wie die der Familie aus dem Senegal mit Kindern zwischen 18 Monaten und 15 Jahren. Der Vater arbeitet sozialversicherungspflichtig, aber Frau und Kinder haben keinen Aufenthaltstitel. Oder die Geschichte des jungen holländischen Paares, das sich erst Arbeit und dann eine Wohnung suchen will. Oft kennt Lehmann auch die Schuhgröße, denn Schuhe muss sie oft zukaufen.

Die Obdachlosen brauchen warme Kleidung.
Die Obdachlosen brauchen warme Kleidung. © Jasmin Menrad

Am Freitagabend sortieren zehn Helfer Kleidung – die Leute sind aus dem Kälteschutz, Geflüchtete oder einfach Münchner. Nur sieben Mitglieder hat Heimatstern, aber ein Netzwerk an Unterstützern, die 120 Weihnachtspackerl nach Rumänien spenden, einen Christbaum vorbeibringen oder Wohnungslose zu Ämtern begleiten.

"Du musst den Knoten zerschlagen", sagt Haerdle. Was die Menschen auf die Straße gebracht hat und dort hält, sind keine Standardfälle. "Der Kälteschutz ist per se eine gute Sache", sagt Haerdle. "Aber was aus unserer Sicht nicht geht, ist, dass Menschen über Monate in den Kälteschutz gehen, ohne dass sich etwas ändert. Menschen, die schutzbedürftig sind, sollten von Sozialarbeitern herausgepickt und mit ihnen Lösungen erarbeitet werden." Zwischen Weihnachtskeksen und Tee, kalten Händen und Umarmungen, haben Wohnungslose der AZ ihre Geschichte erzählt.


Wohnungslose Familie: Die Mutter mit vier Kindern

Der kleine Ali (8) kommt mit einem bunten Schulranzen in den Kälteschutz. Am Vormittag war er im Hasenbergl in der Schule, dann hat ihn Mama Pucha mit seinen Geschwistern (6 und 4 Jahre und 21 Monate alt) abgeholt. In der Beratungsstelle Famara verbringt die wohnungslose Familie ihren Tag.

"Wohnungslosigkeit für Kinder bedeutet, dass sie ihre Hausaufgaben nicht in Ruhe machen können, nicht im Bett bleiben können, wenn sie krank sind, und keine Brotzeit geschmiert bekommen", sagt Helferin Petra Lehmann, die selbst eine Tochter im Grundschulalter hat.

Ahmed und Sultana haben kein Zuhause.
Ahmed und Sultana haben kein Zuhause. © AZ

Die obdachlose Familie kommt ursprünglich aus Marokko und ist in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Italien gegangen: Nur, der Vater hat die Mutter geschlagen, wollte eine Zweitfrau, da verließ sie ihn mitsamt der Kinder. "In Italien konnte ich nicht bleiben, alles hat mich an meinen Mann erinnert", sagt Pucha.

Also ging sie mit ihren vier Kindern nach Deutschland. Anspruch auf Sozialleistungen hat die Familie hier nicht. Aber Pucha hat einen Deutschkurs von Ehrenamtlern gefunden, bei dem auch eine Kinderbetreuung angeboten wird. Die junge Mutter hofft, dass dieser Deutschkurs für ihre Familie der Beginn eines besseren Lebens ist.


Die Alleinstehende

Annette (46, Name geändert) fühlt sich nirgends sicher. Die Frührentnerin musste ihre Heimat Hannover verlassen, weil die Menschen in ihrem Umfeld ihr Böses wollen – ihr Ex-Mann, die Kollegen, langjährige Freunde und die Behörden sind darin verwickelt.

Deshalb ist Annette nach München geflohen und hofft, dass ihr niemand hierher folgt. Bis vor wenigen Jahren hatte Annette ein normales Leben, war verheiratet und hat in der Stadtverwaltung gearbeitet. Dann brach nach und nach ihre Welt weg. Auch wenn sie jetzt ganz unten ist, ist sie eine freundliche, gepflegte Frau. Der Reporterin bietet sie eine Zigarette an, ihre Kippe, an der sie vor lauter Erzählen kaum zieht, bringt sie zum Mülleimer.

Dieser Ordnungssinn ist auch das, was ihr im Kälteschutz am meisten zu Schaffen macht: "Auf den Toiletten liegt Stuhlgang auf dem Boden, benutztes Toilettenpapier daneben", erzählt sie. "Das hängt natürlich an den Leuten, die sich im Kälteschutz aufhalten."

Seit einigen Tagen hat Annette eine Neben- und Stirnhöhlenvereiterung. "Es ist anstrengend, wenn man sich nicht ausruhen kann", sagt sie. "Alles ist beschwerlich als Obdachlose, aber es ist machbar." Sie würde sich wünschen, dass die Menschen früher als 17 Uhr in den Kälteschutz können – gerade wenn es kalt ist. Stattdessen ist sie in der Karla51, einem Frauenobdach, in der Stadtbibliothek oder fährt mit ihrer Monatskarte durch die Stadt. "Ich empfinde es so, dass das Schlimmste ist, dass du dich nie zurückziehen kannst, nie Privatsphäre hast." Vielleicht würde sich Annette dann auch sicher fühlen.


Das Rentnerehepaar

Anna spricht klar und ruhig über ihre Situation als 70-Jährige ohne festen Wohnsitz. Nur als sie erzählt, wie ihr Mann Josef (71) im Kälteschutz zusammengebrochen ist, hat sie Tränen in den Augen. "Wir dürfen ja nicht zusammen schlafen, weil Männer und Frauen getrennt sind. Der Security hatte ihm gesagt, er solle ins Schwabinger Krankenhaus gehen – aber Josef konnte nicht mehr gehen." Die Diagnose: Lungenentzündung und Herzkammerflimmern.

Josef erholt sich wieder im Krankenhaus, aber die Beschwerden von Anna sind (noch) nicht schlimm genug, dass sie ins Krankenhaus kann: Magenschleimhautentzündung. "Wenn man nur mal einen Tag drinbleiben könnte und ausschlafen. Das wär’ was", sagt sie.

Aber im Kälteschutz ist es nicht erlaubt, sich untertags aufzuhalten. Um 7 Uhr in der Früh nehmen Josef und Anna ihre Tasche und fahren zur Bahnhofsmission. Den Rest des Tages verbringen sie im Gasteig, wo es warm ist, sie das Handy laden und Internet haben oder im "Otto & Rosi", einem Tagestreff für Wohnungslose, wo sie Wäsche waschen und duschen. Die Waschräume im Kälteschutz meidet das Paar, schon mehrmals sind sie ausgerutscht und gefallen.

Das Ehepaar hält zusammen.
Das Ehepaar hält zusammen. © AZ

Anna und Josef haben ihr Leben lang gearbeitet und zwei Kinder großgezogen. Auch jetzt, da sie seit dem Frühjahr auf der Straße leben, sieht man ihnen nicht an, durch was für eine schwere Zeit sie gehen. Der Punkt, an dem ihr Leben kippte, war die Verurteilung von Anna – drei Jahre auf Bewährung wegen Betrugs.

Mit den Kindern kommt es zum Zerwürfnis, weil die Eltern nicht in die Privatinsolvenz wollen. Da die Kinder nicht wissen, dass ihre Eltern obdachlos sind, wird diese Geschichte anonymisiert erzählt. Dann verlieren Anna und Josef im September 2018 ihre Wohnung. Sie schlafen in verschiedenen Einrichtungen, aber nirgendwo können sie langfristig bleiben. Weil ihre Vermögensverhältnisse nicht geklärt sind, werden sie nicht in einer Pension untergebracht.

Anna möchte in München bleiben, weil ihre Mutter hier noch lebt. Sie ist zuversichtlich, dass sie aus der Situation wieder herauskommen. "Wenn wir das alles geklärt haben, dann haben wir noch so viel vor", sagt sie. In Rente gehen kommt für die Frau mit den wachen Augen nicht in Frage.

In diesen Augen glitzert es nochmal, als sie erzählt, dass sie über Weihnachten mit ihrem Josef zusammen in einem Bett ausschlafen kann. Der Verein Heimatstern zahlt dem Ehepaar ein einfaches Hotelzimmer.


Die Blinde

Ganz langsam geht Claudia (Name geändert) am Arm einer Freundin die breite Straße zum Kälteschutz. Die Münchnerin hat ein reserviertes Bett in der Nähe der Toiletten, denn sie ist blind. Bis vor wenigen Tagen hatte die Endfünfzigerin kein Geld, weil sie keinen Zugriff auf ihre Witwenrente hatte. Die Geschichte von Claudia ist eine typische Wohnungslosen-Geschichte, sagt Tilman Haerdle von Heimatstern.

Als Claudias Mann starb und sie einige Jahre später einen neuen Mann kennenlernte, begann die Abwärtsspirale.

Der Mann misshandelte sie, bis sie aus der gemeinsamen Wohnung flüchtete. In all dem Stress verschlechterte sich das Sehvermögen von Claudia rapide, bis sie schließlich ganz erblindet war. 2015 wurde Claudias Ausweis geklaut. Im KVR war der Mitarbeiter damit überfordert, was er bei einer Wohnungslosen in den Ausweis eintragen soll.

Dann wurde auch noch Claudias Bankkarte gesperrt. Der Grund: Sie kann sich nicht ausweisen und ihre Unterschrift hat sich durch ihr Erblinden zu stark verändert. Vor zwei Wochen waren Ehrenamtler vom Heimatstern mit ihr im KVR, um einen neuen Ausweis zu beantragen.

Dann kann Claudia auch wieder auf ihre Witwenrente zugreifen. "Was zwischen heute und 2015 passiert ist, beziehungsweise was nicht passiert ist, bei den Behörden, das frage ich mich", sagt Haerdle.


Heimatstern e.V., Stadtsparkasse München, DE47 7015 0000 1004 2328 54, SSKMDEMMXXX. Sachspenden nur nach Bedarfsliste www.heimatstern.org

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