Heino in Backstage: Karamba, Karacho, ein Whisky

Er polarisiert nicht mehr, sondern animiert: Moses Wolff hat Heinos letztes Münchner Konzert im Backstage besucht. 
| Moses Wolff
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Heino trägt bei einem Fototermin zu seiner Abschiedstournee ein T-Shirt mit dem Aufdruck "und Tschüss".
Horst Ossinger/dpa Heino trägt bei einem Fototermin zu seiner Abschiedstournee ein T-Shirt mit dem Aufdruck "und Tschüss".

München - Heino spielt im Backstage, dem alternativsten Anarchoschuppen Bayerns – vor langjährigen Fans, aber auch vor einigen typischen, politisch eher progressiven Backstage-Gängern, also Leuten, denen Heino lange Zeit aufgrund seiner Heimatverbundenheit suspekt war. Das hat sich geändert. Das aufgekratzte Publikum besteht aus allen Altersklassen und Gruppierungen. Manche Besucher haben blonde Perücken und Sonnenbrillen, andere sind gekleidet wie frisch aus einem 60er-Bekleidungsgeschäft. Am Souvenirstand gibt es Heino-Parfum, das beim Betätigen des Sprühknopfs "So blau blüht der Enzian" spielt. Vorfreude schwingt durch den Saal. Um Punkt 20 Uhr tritt die Band auf die Bühne, aus den Boxen schallt "Also sprach Zarathustra". Die Menge skandiert "Heino! Heino! Heino!" Endlich erscheint der Star. Seine Augen blitzen unter der Sonnenbrille. Er ist ein Vollprofi, 80 Jahre alt, ein Fels in der Brandung.

Der Zahnarztsohn und gelernte Bäcker war schon immer das Abbild des Kleinbürgers, ein Symbol für den deutschen Spießer. Früher sah man ihn in Volksmusik-Videos mit einer Schar von altmodischen Traditionalisten durch die Eifel, die Rhön, das Voralpenland und die Lüneburger Heide ziehen und zur Gitarre und seiner markanten tiefen Stimme allzu althergebrachtes Liedgut singen. Er ist möglicherweise einer der authentischsten deutschen Musiker. Er machte nie einen Hehl aus seinem Patriotismus, dem er bis heute treu geblieben ist, veränderte niemals seinen Stil, sein Image ist festgezimmert wie eine Wohnzimmerschrankwand aus Eichenholz mit Schallplattenfach und Hausbar.

Gefundenes Opfer für Parodien

Dadurch war er freilich ein gefundenes Opfer für Parodien, Otto Waalkes ließ ihn in seinem ersten Kinofilm in siebenfacher Ausführung aus Gräbern auferstehen. Der Berliner Künstler Norbert Hähnel trat Anfang der Achtziger als Vorband der Toten Hosen als "der wahre Heino" auf und erfand eine dazu passende Biografie, in der er behauptete, Heino hätte sich zunächst afrikanischen Musikern angeschlossen und schließlich erkannt, dass er sich erst unter Punks und Hausbesetzern richtig verstanden gefühlt und dem folkloristischen Genre den Rücken gekehrt habe. Heino klagte erfolgreich dagegen.

Doch gut 30 Jahre später wurde Hähnels Prophezeiung Realität: Heino wechselte ins Hardrock-, Punk- und Hiphop-Fach, coverte – teils gegen deren Protest - die Ärzte, die Sportis, Peter Fox und Rammstein, trat in Wacken auf und landete damit einen der größten Coups in der deutschen Musikgeschichte. Den Rollkragenpullover und die Sonnenbrille behielt er an, das Sakko wurde gegen eine nietenbesetzte Lederjacke ausgetauscht, die Krawatte wich einer schweren Kette mit Kruzifix, zum Ehering gesellten sich Gothic-Schmuckstücke mit Totenköpfen.

Ist das ein Widerspruch? Im Grunde nicht, denn schon in den 1960er Jahren sang er frivole Loblieder auf die Liebe, den Rausch und den Alkohol wie "Die Katja, die hat ja Wodka im Blut" und "Karamba, Karacho, ein Whisky". Vor einigen Jahren fragte Stefan Raab ihn: "Hast du mal gekifft?" Heino antwortete schlagfertig: "Nein. Ein Volksmusiker kifft nicht. Der singt den Schneewalzer."

Richard-Strauss-Hymne und Tote-Hosen-Cover

Das erste Lied nach der Richard-Strauss-Hymne im Backstage ist "Tage wie diese" von der wie Heino aus Düsseldorf stammenden Band "Die Toten Hosen", die in Heino gerne ein kommerzielles Feindbild sah, obwohl sie wie er immer das lukrative Popmusik-Spiel beherrschten. Nun hat er vielen deutschen Bands ein Schnippchen geschlagen, indem er erfolgreich deren Songs spielt und alles ordentlich bei der Gema anmeldet. Nimm dies, Campino!

Nachdem der Saal jedes Wort des ersten Songs mitgesungen hat, begrüßt Heino die Jubelnden mit euphorischen Worten: "Es kommt mir vor, als ob ich alle von euch persönlich kennen würde. Wie eine Familienfeier vor 60 Jahren." Der Spagat zwischen zeitgenössischen und traditionellen Coversongs von "Rosamunde" bis "Ein Kompliment" gelingt. Das Publikum verzeiht ihm auch die völlig merkwürdige Rap-Einlage eines Gast-Musikers sowie den kleinen Support von Heinos begabten Enkel Basti, der zwei Nummern singen darf wie Leonhard Cohens "Hallelujah".

Zwischendurch wechselt Heino seine Jacketts, bedankt sich brav bei der Band, preist die Frauen im Allgemeinen und seine Gattin im Besonderen. Das tobende Volk ruft euphorisch: "Hannelore!". Heino ist angekommen, spielt glaubwürdig mit Klischees. Nach 90 Minuten naht das Finale. Alle lieben ihn. Es gibt noch eine Handvoll Zugaben, zuletzt "Hoch auf dem gelben Wagen". Heino kann alles bringen, er polarisiert nicht mehr, sondern animiert und stimuliert. Die nette Dame am Merchandise-Stand bedauert: Leider sind sämtliche Heino-Parfums verkauft.

Lesen Sie hier: Heino -

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