Haidhausen – Münchens liebste Vorstadt feiert Geburtstag

1200 Jahre Geschichte: Kunst und Kultur zum Jubiläum des einstigen Arbeiter-Dorfes.
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Jahrhundertelang wollte München nichts von dem Arme-Leute-Viertel Haidhausen wissen – hier eine Szene vom Kuglerberg.
az Jahrhundertelang wollte München nichts von dem Arme-Leute-Viertel Haidhausen wissen – hier eine Szene vom Kuglerberg.

1200 Jahre Geschichte: Kunst und Kultur zum Jubiläum des einstigen Arbeiter-Dorfes.

Es ist nicht irgendein Jubiläum und nicht irgendeine Vorstadt: Haidhausen, das einstige Arbeiter-Dorf am östlichen Isarufer ist mit 1200 Jahren deutlich älter als die Landeshauptstadt mit ihren 850 Jahren. Und es ist heute sozusagen Münchens liebste Vorstadt: Viele Kneipen, viel Kultur, deutlich höherer Altbaubestand als im Rest der Stadt und dem großen Zentrum auf der anderen Isarseite immer freundlich zugewandt.

In anderen Münchner Stadtvierteln, die nach langer Selbstständigkeit eingemeindet wurden, fühlen sich viele heute noch nicht immer als Münchner, sondern zum Beispiel als Pasinger, Schwabinger oder Obermenzinger. Haidhausen ist da anders: „Hier gibt es niemanden, der sich nicht als Münchner sieht“, sagt etwa Hermann Wilhelm, der seit vielen Jahren das Haidhausen-Museum an der Kirchenstraße 24 führt.

Auch das hat historische Wurzeln: „Haidhausen wollte schon damals zur Stadt gehören“, erklärt Wilhelm: Die einst proletarische, ärmliche Siedlung, die von München jahrhundertelang wie feindliches Ausland behandelt worden war – inklusive Schutzzöllen auf der Ludwigsbrücke –, sah sich mit der Eingemeindung 1854 erheblich aufgewertet. Und im täglichen Leben wurde vieles leichter für die Bevölkerung.

Eine besondere Mischung

Heute ist Haidhausen eine besondere Mischung aus Gründerzeit-Häusern, kleinen Geschäften und alternativem Lifestyle. Selbst jetzt im Herbst herrscht in den stets begrünten Innenhöfen eine Art permanentes Hoffest, ist die Welt ein Stück kleiner, heiler und heimeliger als im Rest der Stadt. Auch wenn die Zeit des Haidhausen-Hypes in den 80er Jahren vorbei ist, wirkt München hier immer noch wie eine Mischung aus Kreuzberg und Freiburg. „Man fühlt sich hier sehr wohl“, so Wilhelm, auch wenn er manchmal sein Viertel kaum wiedererkennt, weil man ja „doch sehr nobel“ und „fast wie Schwabing“ geworden sei – inklusive der entsprechenden Mieten und Immobilienpreise.

Dass Haidhausen so fesch herausgeputzt dasteht, ist Ergebnis einer nicht einfachen Geschichte der jüngeren Vergangenheit: Hier war Münchens erstes großes Sanierungsgebiet – viele Kämpfe um den richtigen Weg der Modernisierung mussten mit den Bewohnern seit den 70er Jahren durchgestanden werden. Inzwischen ist die Sanierung abgeschlossen.

Haidhausen bedeutet "Häuser auf der Heide"

Der gesamte Stadtteil „Au-Haidhausen“ ist mit 422 Hektar und gut 50000 Einwohnern im Stadtvergleich relativ klein. Der Name „Heidhusir“ bedeutete einst „Häuser auf der Heide“, die Heide ist aber völlig verschwunden, denn es ist eng und sehr dicht bebaut zwischen Gasteig und Ostbahnhof. Fast schon wie ein Wunder wirkt, dass einige der alten Arbeiter- und Herbergshäuser gerettet werden konnten und heute wie wunderliche Relikte einer vergangenen Zeit in der Großstadt stehen.

Im Haidhausen-Museum ist das alles dokumentiert, dazu gibt es aktuell (bis 16. November) eine Ausstellung über „die abenteuerliche Geschichte der Ludwigsbrücke“ – der jahrhundertealten Verbindung der Vorstadt in die Stadt und somit ein sehr sinniger Beitrag zu beider Jubiläen. „Es gibt ein großes Interesse an der Stadtviertel-Geschichte“ stellt Wilhelm fest. Vom Bauern- zum Arbeiterdorf, dann vom Glasscherben- zum Szeneviertel – wohin geht die Reise für Haidhausen? Wer in den 70er oder 80er Jahren dort aufwuchs, vermisst heute schon viele Kneipen und Wirtschaften, die man damals für unverzichtbar hielt für den Charakter des Stadtteils. Wer heute dort hinzieht, kann das wahrscheinlich kaum noch nachvollziehen. Auch Haidhausens Flair ändert sich – aber für sein Alter hat es sich ziemlich gut gehalten.

Michael Grill

Das Programm der Jubiläumsfeier

Von Freitag bis Sonntag läuft das große Jubiläumsfest. Eröffnung ist am Freitag von 15 bis 18 Uhr im Innenhof zwischen Einsteinstraße 42 und Kirchenstraße 15 (bei schlechtem Wetter im Kulturzentrum „Einstein“). So gut wie alle Kultur- und Sozialeinrichtungen beteiligen sich am Festprogramm. Am Samstag führen unter anderem die Freunde Haidhausens durchs Viertel (15.30 Uhr, Treffpunkt Wiener Platz); abends steigt im Kulturzentrum Wörthhof eine Party mit DJ Dali (22 Uhr, Wörthstraße 10). Am Sonntag diskutieren Bürger, Künstler und Politiker über den „Kulturumbruch Haidhausen“ (14 Uhr, Wörthhof). Abends dann das große Finale im Kulturzentrum Einstein mit verschiedenen Chören (Foyer, 19.30 Uhr), anschließend freier Eintritt zum Jazz in der Unterfahrt mit dem Harald Rüschenbaum Jazz Orchestra und „Herzkasperl“ Jörg Hube.

gr

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