Rezept-Betrug: Krimineller Familienclan agiert auch in München

In ganz großen Stil fälschen Betrüger Kassenrezepte, etwa für Krebsmedikamente. Auch in München treten sie auf. Dahinter stehen Familienclans, die Ware geht nach Russland.
von  Myriam Siegert
Einer der Täter in einer Apotheke.
Einer der Täter in einer Apotheke. © Polizei München

Eine neue Variante des Rezeptbetruges nimmt immer mehr zu – und das bundesweit. Auch aus Frankreich und Belgien seien Fälle bekannt, die auf das gleiche Netzwerk zurückzuführen sind, sagt Christian Kruse vom ermittelnden Kommissariat 84.
Gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft München I erklärte die Polizei am Donnerstag das neue Phänomen. Anlass sind zwei zusammenhängende aktuelle Fälle aus dem Stadtgebiet, die die Ermittler bis nach Berlin führten.

Die Medikamente landen auf dem Schwarzmarkt in Russland

Wie sich zeigte, gehörten die beiden Fälle aus Unterföhring und Laim, die Polizei und Staatsanwaltschaft zusammenführen konnten, zu einem ganzen Betrugsnetzwerk – einer Serie, die Ende 2023 im Bundesgebiet begonnen hat. Organisatoren und Haupttäter sind, so Christian Kruse, vor allem in Berlin oder Hannover ansässige Familienclans mit moldauischer Staatsbürgerschaft.

Die per gefälschtem Rezept ergaunerten Medikamente werden ins osteuropäische Ausland und nach Russland weiterverkauft. In Russland habe sich offenbar ein Schwarzmarkt entwickelt, weil viele Medikamente nicht zu bekommen seien. Dabei gehe es um sogenannte Abnehmspritzen, aber immer mehr auch um sehr teure Krebsmedikamente, wie auch Mittel gegen Hepatitis, Wachstumshormone, Medikamente aus der Tropenmedizin und vieles mehr. "Es sieht vielfach nach konkreten Bestellungen aus", so Kruse.

Christian Kruse vom Kommissariat 84 und Marie-Anne Tokaji von der Staatsanwaltschaft München I.
Christian Kruse vom Kommissariat 84 und Marie-Anne Tokaji von der Staatsanwaltschaft München I. © my

Anders als früher geht es jetzt um Kassenrezepte

Anders als bei früheren Taten von Rezeptfälschungen, wo es eher um lokale Fälle mit Privatrezepten im Zusammenhang mit Drogenmissbrauch oder -handel ging, werden jetzt im großen Stil Kassenrezepte gefälscht. Der Schaden: ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag in den letzten zwei Jahren, so Kruse. Gerade bei den Krebsmedikamenten gehe es bei einem einzelnen Rezept schnell um 3000 bis 7000 Euro, auch Fälle bis zu 13.000 Euro seien bekannt. Marie-Anne Tokaji von der Staatsanwaltschaft München I erklärt, das Ziel der Ermittler sei vorrangig, den Betrug an den Krankenkassen zu verhindern.

Die Betrüger bedrucken die Rezepte selbst und chargenweise für verschiedenen Städte auf Blankorezepten, versuchen die Medikamente reihenweise in Apotheken vorzubestellen und schicken Abholer. Auch wenn die Polizei die Apotheken mittlerweile sensibilisiert, fällt das gefälschte Rezept nicht immer auf. Woher die vielen Blankorezepte stammen, ist noch unklar und Gegenstand der Ermittlungen, so Kruse.

"Wir wollten das Phänomen an der Wurzel packen"

Für das Abtelefonieren der Apotheken und das Einlösen der Rezepte werden Minijobber über einen Telegram-Kanal rekrutiert. Etwa 50 bis 100 Euro erhalten sie pro Abholung. Bei diesen Personen handele es sich vielfach um Ukrainer, aber auch Letten oder Iraker, so Kruse, die oft als Flüchtlinge in Deutschland sind. Maria-Anne Tokaji sagt dazu:"Wir wollten von Anfang an nicht nur der Leute habhaft werden, die abholen, sondern das Phänomen an der Wurzel packen."

Von der Kamera erfasst: Ein Abholer an einer Apotheke.
Von der Kamera erfasst: Ein Abholer an einer Apotheke. © Polizei München

Die Ermittler arbeiten dafür nicht nur bundesweit zusammen, sondern sind auch mit Europol in Kontakt. Christian Kruse erklärt, er habe inzwischen eine Liste von gut 500 Personen, die nach diesem Modus Operandi vorgehen, 70 Prozent davon seien Moldauer.

Bisher kein Fall mit E-Rezepten

Derzeit sitzen im Zusammenhang mit diesen Fällen in Bayern zwölf bis 15 Personen in Haft, seit Mitte 2024 wurden 25 bis 30 Personen in München festgenommen, mit Tatbezug zu München waren es 50 bis 60 Personen. Der Straftatbestand lautet gewerbs- und bandenmäßige Urkundenfälschung worauf bis zu zehn Jahre Freiheitsstrafe stehen. Betroffen sind übrigens nur Papierrezepte, so Kruse. "Würde man nur noch E-Rezepte verwenden, wäre dieses Phänomen von einem Tag auf den anderen beendet."

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.