"Ich habe München gezähmt": Graffiti-Pionier WON über künstlerische Rebellion in der Stadt

Graffiti-Pionier WON über die wilden 80er, als München noch eine Graffiti-Hochburg Europas war, verschwundene Freiräume und die Frage, warum die Stadt heute wieder mehr Farbe und Raum für junge Sprüher vertragen könnte.
Reinhard Franke |
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Graffiti-Künstler WON: Mit der Sprühdose erschafft er bunte Monster, Comic-Wesen und verrückte Gestalten.
Graffiti-Künstler WON: Mit der Sprühdose erschafft er bunte Monster, Comic-Wesen und verrückte Gestalten. © Daniel von Loeper

Wer das Giesinger Studio von Markus Müller betritt, fühlt sich ein bisschen wie in der Werkstatt vom Meister Eder: Überall stehen Figuren, Farben und seltsame Wesen herum – als könnten sie jeden Moment lebendig werden. Nur dass hier kein Pumuckl wohnt, sondern die Monster und Fantasiegestalten von WON, wie sich Müller als Künstler nennt.

Der 58-jährige Münchner Graffiti-Pionier hat die Spraydose zum Werkzeug seiner Kunst gemacht. In den 80ern gehörte er zu denen, die München zur europäischen Graffiti-Hochburg machten. Die AZ hat WON in seinem Studio besucht und mit ihm über Rebellion, verschwundene Freiräume und die Farbe dieser Stadt gesprochen.

Graffiti, Granteln, große Kunst: Sprayer WON über sein München

AZ: WON, wenn München eine Wand wäre – wäre sie frisch gestrichen oder würde sie nach einer Spraydose schreien?
WON: Sicher würde sie nach einer Spraydose schreien. In München gibt es leider sehr wenige Möglichkeiten – gerade für jüngere Sprüher –, sich auszutoben. Wir hatten früher in den 80ern den Dachauer Flohmarkt. Das war unser Playground. Dort konnten wir uns ausprobieren. München war damals die Graffiti-Hochburg Europas – neben Paris, London und Amsterdam.

Sie haben angefangen, als Graffiti noch als Schmiererei galt. Heute prägen Ihre Werke das Stadtbild. Hat München Sie akzeptiert – oder haben Sie München gezähmt?
Ich habe München gezähmt. Du kannst nicht im stillen Kämmerlein sitzen und hoffen, dass jemand kommt und sagt: "Wir hätten da eine schöne Wand." Du musst dir die Wände suchen, organisieren, Geld auftreiben. Bei großen Projekten besteht oft ein Drittel der Arbeit darin, überhaupt dafür zu sorgen, dass sie entstehen können.

WON über verschwundene Freiräume

Vermissen Sie manchmal das graue München von früher – weil man noch gegen etwas anmalen konnte?
Dieses graue München findest du heute kaum noch. München ist sehr sauber und sehr verplant. Was verschwunden ist, sind Freiräume. Und die sind gerade für Jugendliche wichtig.

Sie finden also auch wilde Kritzeleien wichtig?
Ja. Mir ist ein Stadtbild lieber, in dem Jugendliche etwas machen. Es geht nicht darum, dass du technisch der Meister bist. Selbst wenn ein Kind in eine Unterführung "Sau" schreibt – dieses Wort löst etwas aus. Ich kann darüber nachdenken, ich kann es gut oder schlecht finden. Aber jemand hat sich ein Stück öffentlichen Raum geholt.

So kam der Künstler zu seinem Namen

Wie hat alles angefangen?
Ich bin in Ottobrunn aufgewachsen. Mein erster Kontakt war eine Unterführung, in der jemand ein Bild gemalt hatte. Für uns war das Wahnsinn: Da ist noch jemand! Das war wie eine Mondlandung. Ich habe darunter geschrieben: "Lass uns morgen treffen. Bin kein Cop." So hat sich die Szene entwickelt. Einer kannte wieder jemanden. 1988 habe ich dann die Crew ABC gegründet. Wir waren ungefähr 15 Mitglieder. Eine Crew ist eigentlich mehr so etwas wie eine Familie: Man hilft sich gegenseitig und macht Projekte zusammen.

Irgendwann wurde aus Markus Müller der Künstlername WON. 
Ich hatte früher nur illegale Namen. 1988 sollten wir bei der Bambi-Verleihung sprühen. Plötzlich waren Kameras da und jeder sollte sich vorstellen. Ein Freund hörte damals, als wir für die Veranstaltung malten, ständig einen Song der Rap-Band Public Enemy mit dem Refrain "one … one … one …". Es gab allerdings schon einen "A-One" in New York. Mir gefiel die Idee, ein „Public Enemy“ zu sein. Eher zufällig entschied ich mich dann und sagte einfach: "Okay, ich bin WON."

Sind Sie Sprayer oder Künstler?
Künstler. Die Dose ist nur mein Werkzeug. Sie ist die schnellste Form des Ausdrucks.

Wann verschwindet Markus Müller und wann übernimmt WON?

Wie viel Rebellion verträgt München?
Da fehlt schon ein bisschen was. Ich komme aus der Punk-Zeit, aus den frühen 80ern. Punk und Graffiti haben sich ähnlich entwickelt – als Gegenkultur. Für mich war Graffiti auch Protest – eine Form von Rebellion. Früher waren das eben auch S-Bahnen. Wenn so ein Zug einmal durch München fährt, sehen vielleicht 100.000 Menschen deine Arbeit.

Wann verschwindet Markus Müller und wann übernimmt WON?
Wir sind eins. Das kannst du nicht abstellen. In jedem Moment sehe ich Dinge, die mich wieder zu neuen Geschichten inspirieren.

Ihre Welt ist voller Monster, Comic-Wesen und verrückter Gestalten.
Ich mag diese Gegensätze. Aber was heißt schon Monster? Unter unserer Haut steckt nun mal ein Schädel. Wer entscheidet, dass das schrecklich oder böse ist?

Früher heimlich, heute große Aufträge

Die Straße war für Sie auch eine Art Klassenzimmer.
Ja, allein der Kontakt zu Menschen. Beim Sprühen war egal, ob jemand aus Italien, Jugoslawien oder der Türkei kam. Es gab Respekt. Wir machen alle das Gleiche. Herkunft spielte keine Rolle.

Früher heimlich, heute große Aufträge. Fehlt das Abenteuer?
Alles hat seine Zeit. Es hätte keinen Sinn, den bösen, jugendlichen WON noch einmal künstlich zu erschaffen. Das Schlimmste für einen Künstler ist, wenn Leute sagen: "Wir wollen nichts Neues. Wir wollen nur das Alte."

Was soll bleiben, wenn irgendwann alle Ihre Wände übermalt sind?
Die Idee vielleicht. Ich habe in den 80ern mal ein Bild gemalt: "Believe in your dreams." Das ist das Wichtigste: Lass dich nicht abbringen.

Kurze Fragen, kurze Antworten

Noch ganz kurz gefragt: München riecht nach …
Geld.

München klingt nach …
Hier, wo wir gerade sind: nach Sechzig.

Die Farbe Münchens ist …
Leider grau. Nicht blau – das wäre zu fußballpolitisch.

Der größte Münchner Irrtum?
Das kreative Potenzial der Graffiti-Szene aus den 80ern nicht genutzt zu haben.

Der schönste Münchner Makel?
Das Granteln vielleicht.

Spraydose oder Bleistift?
Beides.

Ordnung oder Chaos?
Das hängt davon ab, wie man Chaos definiert. Chaos ist für mich auch Ordnung. Ich bin eigentlich ein sehr chaotischer Mensch. Aber schau dir einen Fischschwarm an: Der hat auch seinen Plan.

Isar oder Beton?
Isar.

Ihr letzter Strich auf einer Münchner Wand?
Den habe ich eigentlich schon gemacht. Ich habe meinen eigenen Grabstein gesprüht – für ein Filmprojekt. Ein Grabstein aus Styropor mit meinem Namen drauf.

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