Gräfin zu Reventlow: Königin der Schwabinger Bohème

Fanny Gräfin zu Reventlow hat sich von ihrer Herkunft frei gemacht. In der Künstlerszene Münchens lebte sie ein selbstbestimmtes Leben, das provoziert hat. In den 60ern wird zu Reventlow zur Ikone, weit nach ihrer Zeit. Am Dienstag wäre sie 150 Jahre alt geworden.
| Martina Scheffler
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Fanny Gräfin zu Reventlow, hier ein Foto aus dem Jahr 1905, war mit ihrem Lebensentwurf für ihre Zeitgenossen eine Provokation.
Fanny Gräfin zu Reventlow, hier ein Foto aus dem Jahr 1905, war mit ihrem Lebensentwurf für ihre Zeitgenossen eine Provokation. © Stadtarchiv

Was wollen Frauen? Das mag heute noch vielen ein Rätsel sein, aber in der Zeit der Belle Époque, um das Jahr 1900 herum, stellte sich die Frage eigentlich gar nicht, denn die Frau hatte Kinder, Kirche und Küche als Lebensraum und einen eigenen Willen höchstens im Verborgenen.

Eine Adelige erst recht. Wenn dann aber eine das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in Anspruch nimmt, sich jeden Mann nimmt, der ihr gefällt, sich gar prostituiert und auch noch Gefallen daran hat, mehrfach unehelich schwanger wird, geschieden ist, mit Männern in einer Wohngemeinschaft lebt - unerhört.

Fanny Gräfin zu Reventlow – eine unerträgliche Provokation

Eine unerträgliche Provokation für die Gesellschaft und vor allem ihre Familie, das war Fanny Gräfin zu Reventlow, die sich auch Franziska nannte, die Königin der Schwabinger Bohème in der Prinzregentenzeit. Vor 150 Jahren, am 18. Mai 1871, wurde sie in Theodor Storms grauer Stadt am Meer, in Husum geboren, und Storm, der geistergläubige Atheist, gehörte auch zu den Freunden der Familie, alter norddeutscher Adel.

Wer Bilder der Gräfin betrachtet, sieht eine Frau mit großen, sehnsuchtsvollen Augen, ganz anders als die harten Augen der Mutter, die dem aus der Art geschlagenen Kind das Leben zur Qual macht - von einem "erheuchelten" Leben spricht die Gräfin in einem Brief. Das Mädchen, das Bildung jeder Art auch für Frauen forderte und ein vollkommen eigenständiges Leben führen wollte, stieß in der konservativen Familie auf heftigen Widerstand.

Schon als 14-Jährige stellt sie fest, dass es doch viel angenehmer war, mehrere Tanzpartner zu haben, der eine war so interessant und attraktiv wie der andere, wie sollte das erst mit dem Heiraten werden? Fanny zu Reventlow erlebt sehr früh, dass ihre Wünsche sie zur Außenseiterin machen, und dass sie sich diese nur erfüllen kann, wenn sie sich völlig lossagt von Heimat, Familie und Herkunft - und das tut sie. Nach Pensionat, Lehrerinnenausbildung und einer Art Gefangenschaft in einem Pfarrhaus bei Flensburg, in das sie ihre Eltern nach Entdeckung von Liebesbriefen verbannt haben, geht sie 1893 nach dem Tod des Vaters nach München, um Malerin zu werden.

München: Gegenpol zum streng-militärischen Berlin

Es ist das leuchtende München, in das sie kommt, das der blühenden Künste, der Literatur, der Malerei, der Gegenpol zum streng-militärischen Berlin, und das Zentrum der Bohème ist Schwabing, das sie als "Wahnmoching" verewigt hat. Das Leben ein ewiger Rausch - hier kann die Gräfin, deren Art wohl heute noch für viele schwer zu akzeptieren wäre, sich verwirklichen oder es zumindest versuchen. Die Schwabinger Jahre sind geprägt von ungezählten Umzügen, von ungezählten Männern und bitterer Armut, stets zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt.

Die Werneckstraße, auch hier hat die Gräfin einmal gelebt.
Die Werneckstraße, auch hier hat die Gräfin einmal gelebt. © Scheffler

"Eine Befreiungsgeschichte besonderer Art" nennt das Reventlows Biografin Gunna Wendt. Die Adelige musste sich nicht aus kleinen Verhältnissen freimachen, sondern aus gräflichen. Und das in einer Zeit, in der es, wie Wendt betont, keine Vorbilder gab, nur das eiskalte Wasser, in das die "anmutige Rebellin" von eigenen Wünschen getrieben sprang.

Die Malerei sei damals wohl nur ein Vorwand gewesen, um nach München zu kommen, und so kennt man die Reventlow heute auch vielmehr für schriftliche Schilderungen ihrer Zeit, wie etwa in "Herrn Dames Aufzeichnungen" oder im "Simplicissimus", und ihrer Lieben.

Gerade erst neu erschienen ist "Von Paul zu Pedro", "Amouresken", wie es heißt, Beschreibungen der verschiedenen Herren-Typen, die der Gräfin nahegekommen sind, die "Begleitdogge" etwa oder "der Retter".

Männer: Nur kurzfristige Begleiter

Letztlich sind alle kurzfristige Begleiter, denn ihr geht es darum: "Es kann wohl manchmal Liebe und 'große Leidenschaft' sein, aber ein andermal - viele, viele andere Male ist es nur Pläsier, Abenteuer, Situation, Höflichkeit - Moment - Langeweile und alles Mögliche. Jede einzelne Spielart hat ihre besonderen Reize, und das Ensemble aller dieser Reize dürfte man wohl Erotik nennen."

Ein "erotisches Genie", das könne man über die Gräfin sagen, findet Wendt, aber "sich ausleben und gleichzeitig intellektuell sein - das war für Männer eine Bedrohung. Sie hat sich aufs Terrain der Männer begeben".

Dabei pflegt sie Bekanntschaften mit vielen der damals bekannten Intellektuellen: Stefan George, Frank Wedekind, Rainer Maria Rilke und Erich Mühsam, um, natürlich, nur einige zu nennen.

Und so war sie auch nicht in jeder Hinsicht eins mit der beginnenden Frauenbewegung: Gleiche Rechte für Frauen, das fordert sie auch, aber gleichzeitig sei sie davon überzeugt gewesen, dass die Rebellinnen weiblicher werden müssten. Freie Sexualität sei ihr wichtig gewesen, "die kleinste Fessel drückt mich unerträglich", habe sie geschrieben, berichtet Wendt. Man müsse diese "Bedürfnisse" kultivieren, sei Fannys Ansicht gewesen.

1906 posiert die Gräfin mit ihrem Sohn. Sie vergöttert ihn, wer der Vater ist, bleibt ihr Geheimnis.
1906 posiert die Gräfin mit ihrem Sohn. Sie vergöttert ihn, wer der Vater ist, bleibt ihr Geheimnis. © Stadtarchiv

Der einzige Mann, der auf Dauer bei ihr bleibt und wohl die größte Liebe ihres Lebens ist, ist ihr Sohn, der sie auch vor Selbstmordgedanken rettet. Das Götterkind, wie sie es nennt, ihr "Bubi", wird 1897 geboren, den Namen des Vaters verschweigt sie. "Mein Kind soll keinen Vater haben, nur mich. Und mich ganz", schreibt sie in ihr Tagebuch. Und so wird es sein.

Gräfin zu Reventlow: Wohnort Schwabing

Auch mit dem Kind zieht sie in Schwabing umher, oft vertrieben durch Vermieterinnen, die mit ihrem Lebenswandel Probleme haben. Leopoldstraße, Georgenstraße, Werneckstraße, Helmtrudenstraße, Literaturwissenschaftler Dirk Heißerer zählt sie alle auf in "Wo die Geister wohnen", einem Spaziergang auf den Spuren berühmter Schwabinger.

Am berühmtesten ist wohl die Wohngemeinschaft, in der Mutter und Sohn einige Jahre mit dem Maler Bodgan von Suchocki und dem Kaufmannssohn Franz Hessel leben.

Das Haus ist verschwunden wie vieles, was an das wilde Schwabing der Jahrhundertwende erinnerte. "Lange stand das berühmte Eckhaus unbeachtet in der Kaulbachstraße 63, bevor es einem millionenschweren Neubau weichen musste. Aber das Haus daneben, mit einem auffälligen Relief, das steht noch und lässt auf einem alten Foto erkennen, was das Eckhaus einst für ein armseliger Schuppen gewesen ist."

An der Leopoldstraße 41 erinnert noch heute eine Gedenktafel daran, dass die Schriftstellerin einst hier gelebt hat.
An der Leopoldstraße 41 erinnert noch heute eine Gedenktafel daran, dass die Schriftstellerin einst hier gelebt hat. © Scheffler

Heißerer sieht Fanny zu Reventlow als Urmutter der sexuellen Revolution der 1960er Jahre: "Alleinerziehende Mutter in einem Mehrmännerhaushalt, das war um 1968, als die Schwabinger Bohème politisch wiederentdeckt wurde, ganz was Neues, und auch wenn die Reventlow ihrerzeit an den Gegebenheiten eher verzweifelte, wurde sie zur Ikone. Vom Eckhaus der Reventlow in der Kaulbachstraße zur Kommune 1 um Uschi Obermaier in der Giselastraße geht ein direkter Weg."

Der Weg der Gräfin führt schließlich in die Schweiz und in eine Scheinehe zur finanziellen Absicherung. Das Geld geht jedoch bei einem Bankencrash wieder verloren, und die Reventlow stirbt 1918 bei einer Operation nach einem Fahrradsturz.

Noch heute stehe sie dafür, dass das Leben nicht nur das sein muss, was vorgegeben ist, findet Wendt. "Sie war schön, gescheit und ihrer Zeit voraus", resümiert Heißerer. "Sie war immer die Gräfin", sagt Wendt, "immer Contenance", trotz allem. Ob sie glücklich war? Vielleicht. Manchmal. Und frei.

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