Interview

Gondelfahrten in Schloss Nymphenburg: "Wie in einer anderen Welt"

Maximilian Koch fährt mit seinem Sohn Touristen wie Münchner über den Kanal von Schloss Nymphenburg. Ein Gespräch über Sommer, Sonne, Wassersport und die historischen Wurzeln der Wasserstraßenin München
Hüseyin Ince
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Gondoliere Maximilian Koch in seiner Gondel „Simône“, benannt nach seiner Ehefrau. Manchmal fährt die ganze Familie in dem Boot mit, inzwischen auch Kochs Enkelkinder.
Gondoliere Maximilian Koch in seiner Gondel „Simône“, benannt nach seiner Ehefrau. Manchmal fährt die ganze Familie in dem Boot mit, inzwischen auch Kochs Enkelkinder. © Daniel von Loeper

AZ: Herr Koch, mit Ihrer Gondel sind Sie sehr wetterabhängig. Es blieb heuer recht lange kalt, oder?
MAXIMILIAN KOCH: Die Saison ging Ostern los. Sonnig, aber kalt. Ostermontag konnte ich nur bis Mittag fahren. Zu windig.

Gibt es Highlights in der Gondelsaison?
Der Muttertag. Da haben wir besonders viele Gäste.

Alleine ist der Job wahrscheinlich kaum zu stemmen.
Ja. Ich mache das mit meinem Sohn zusammen. Wir wechseln uns an den Wochenenden ab.

Das ist dann nicht Ihr Hauptberuf?
Nein. Davon könnte man nicht leben.

Und wovon leben Sie?
Mein Sohn Maximilian Maria und ich, wir sind Versicherungsvermittler. Wir haben eine Bezirksdirektion der Zürcher. Die hat mein Sohn übernommen. Und ich habe noch eine zusätzliche, sogenannte Mehrfachagentur. Wir machen das bereits in der dritten Generation. Mein Vater hat das Unternehmen zusammen mit meiner Mutter 1961 gegründet. Ein Familienunternehmen.

"Es wurden in München 21,6 Kilometer Wasserstraßen gebaut"

Und seit wann gondeln Sie?
Seit 2010 am Wörthsee, wo ich auch wohne. Und seit 2015 am Nymphenburger Schloss. Im elften Jahr also in München.

Bei Sonne und Hitze fährt Versicherer Koch normalerweise immer mit Sonnenhut.
Bei Sonne und Hitze fährt Versicherer Koch normalerweise immer mit Sonnenhut. © Daniel von Loeper

Wie kommt man darauf, auf dem Nymphenburger Schlosskanal eine venezianische Gondel über das Wasser gleiten zu lassen?
Historisch hat das alles miteinander zu tun. Das Schloss Nymphenburg wurde gebaut zur Geburt von Kurfürst Max Emanuel. Er hatte ja eine italienische Mutter, Henriette Adelheid von Savoyen. So kam überhaupt Italien nach Bayern. Seit Henriette wird gesagt, dass hier die nördlichste Stadt Italiens ist. Max Emanuel ließ 21,6 Kilometer Wasserstraßen bauen. Bei gutem Wasserstand konnte man von Schloss Nymphenburg aus die Schlösser in Dachau und Schleißheim übers Wasser erreichen. Auch die Residenz sollte angebunden werden, was aber nicht vollendet wurde.

Kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Es klingt verrückt und irgendwie nach Ludwig II.
Am Kurfürstenplatz konnte man wenden. Mehr als 80 königliche Gondeln und Lustbarken fuhren in den Kanälen. Das ging bis Mitte des 19. Jahrhunderts. König Ludwig I. stellte den Betrieb ein, aus Kostengründen. Bis dahin waren die Wasserwege auch ein wichtiges Transportmittel. Die Eisenbahn gab es noch nicht.

Ist eigentlich der Einstieg, wo Ihre Gondel loslegt, historisch korrekt?
Ich habe ja dieses Plakat von 1712. Eine Fotografie davon steht an der Gondel. Darauf ist der Nymphenburger Schlosskanal zu sehen. In der Zeichnung des Künstlers Canaletto steigen die Herrschaften genau dort ein und aus, wo ich immer ablege und wieder ankomme. Ein sehr schönes Bild.

Max Emanuel wollte Kaiser werden, oder?
Er hatte große Pläne und verschuldete sich. Über drei Generationen wurden diese Schulden getilgt.

"Die Leute sind alle gut drauf, wenn sie bei mir sitzen"

Klingt auch wie der Märchenkönig Ludwig II.
Der Unterschied ist, dass Ludwig II. ein Fantast war; Max Emanuel war sehr berechnend, wollte, dass Bayern expandiert. Aber vermutlich war er genauso größenwahnsinnig wie Ludwig II.. Max Emanuels Ehe mit einer Habsburgerin wurde beispielsweise rückabgewickelt. Die Rede war von seelischen Grausamkeiten.

Auf dem Kanal sind Sie auch eine Art Kapitän, oder?
Durchaus. Ich habe den Anspruch, dass die Gäste ihre Freude haben. Eine gute Zeit. Das Schöne an dem Beruf ist, dass die Leute alle gut drauf sind, wenn sie in der Gondel sitzen. Es ist ein gutes Gefühl, etwas zu machen, was anderen Leuten Spaß macht.

Aber nochmal, wie kamen Sie als Versicherungsmakler darauf, hier wieder eine Gondel fahren zu lassen?
2014 war ich eingeladen zur 350-jährigen Grundsteinlegung des Schlosses. Da ist mir der geschichtliche Hintergrund bewusst geworden. Diese große alte höfische Tradition. Ich wollte sie wiederbeleben.

Große Freude und Entspannung: So sieht es aus, wenn Maximilian Koch Gäste über den Nymphenburger Kanal fährt.
Große Freude und Entspannung: So sieht es aus, wenn Maximilian Koch Gäste über den Nymphenburger Kanal fährt. © Daniel von Loeper

Warum?
2015 entstand ja das Heimatministerium. Eine Super-Idee. Wir unterhalten uns ja ständig über Nachhaltigkeit. Und ich finde es sehr nachhaltig, bestehende Infrastruktur zu nutzen, wie eben den Wasserkanal von Schloss Nymphenburg. Die venezianische Gondel ist nicht nur ein Touristenmagnet. Etwa 70 Prozent meiner Fahrgäste sind aus München.

Wie viel Fahrgäste haben Sie pro Jahr?
Etwa 2000.

"Ich darf jährlich 30 Heiratsanträge bezeugen"

Dann erzählen Sie 2000 Mal diese spannende Geschichte?
Nein, ich würde sagen, etwa die Hälfte will es wissen, was es mit der Gondel auf sich hat. Die meisten wollen die Fahrt genießen. Das Spektrum ist groß. Viele Fahrten sind lange vorher reserviert. Es passen bis zu acht Personen auf die Gondel. Wir haben Firmenevents an Bord, einen Tenor, der regelmäßig mitfährt, nämlich Giuseppe Del Duca, Hochzeitstage . . .

Wie viele Heiratsanträge erleben Sie dann eigentlich pro Jahr?
Es müssten etwa 30 sein.

Dieser Moment, wenn jemand in der Gondel zum Heiratsantrag ansetzt: Ist das inzwischen Routine für Sie?
Niemals. 90 Prozent kündigen das vorher an. Aber es ist etwas Hochemotionales. Ich stehe zwar in drei Metern Entfernung am Ruder. Aber ich spüre das, diese Nervosität. Sind ja meistens Männer, die den Antrag machen. Die jungen Leute machen dann auch gleich ein Foto und veröffentlichen es in Sozialen Medien.

Wie finden Sie das?
So ist die neue Zeit. Ich sehe das so: Die jungen Leute lieben es, ihr Glück zu teilen. Und über Soziale Medien ist das möglich. Das ist doch schön. Es gehört dazu.

Wie ist Ihre Gefühlswelt in dem Moment?
Es berührt mich sehr. Zwei Menschen lieben sich so sehr, dass sie sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen können. Es ist etwas Einschneidendes. Manchmal reiche ich dann die Blumen. Es ist wirklich ein großes Glücksgefühl, dass ich Zeuge sein darf.

Sind es immer heterosexuelle Paare bei den Heiratsanträgen?
Auch das ändert sich und ist wirklich schön. Es kommen immer wieder mal gleichgeschlechtliche Paare.

Was ist Ihre Lieblingsanekdote bei so vielen Fahrten?
Einmal war das ZDF da und wollte ein Interview auf der Gondel führen. Da war so ein etwas kleinerer schwarzhaariger Mann dabei. Sprach Englisch. Die Reporter baten ihn, ein Lied zu singen. Dann singt der los: Don’t pay the Ferryman. Und ja, es war Chris de Burgh! Das vergesse ich natürlich nie. Oft sind es aber Kleinigkeiten. Jede Fahrt hat ihre Geschichte. Die Well-Brüder haben mal auf der Gondel musiziert. Das war natürlich etwas Besonderes. Oder die Momente mit dem Tenor Giuseppe Del Duca. Wenn er singt, ist das immer einzigartig.

"Manchmal wird 30 Minuten geschwiegen, alle hören dem Plätschern zu"

Was passiert mit den Menschen, wenn Sie in Ihrer Gondel sitzen, wie ist Ihr Eindruck?
Ich denke, Sie fühlen sich wie in einer anderen Welt. Wenn sie langsam dahingleiten, nur das Plätschern des Ruders hören und das Quaken der Enten, dazu der Blick auf das Schloss . . . Man fühlt sich völlig entspannt, vielleicht ein wenig rückversetzt in die Barockzeit.

Gondoliere Koch ist geschichtlich interessiert. Seine Ablegestelle (am Stuhl) ist historisch korrekt und daher jahrhundertealt.
Gondoliere Koch ist geschichtlich interessiert. Seine Ablegestelle (am Stuhl) ist historisch korrekt und daher jahrhundertealt. © Daniel von Loeper

Neudeutsch würde man sagen: entschleunigt?
Genau. Ich habe auch Gäste, die kommen gemeinsam mit ihrer Concierge aus den teuersten Hotels in München. Die wollen einfach nur 30 Minuten schweigen. Es wird kein Wort gesprochen. Alle hören dem Plätschern des Ruders zu.

Apropos Ruder. Ich stelle mir das unheimlich schwierig vor, eine Gondel mit nur einem Paddel zu lenken und anzutreiben.
Das ist schon anspruchsvoll. Ich komme ja vom Wassersport. Früher bin ich gesegelt und war auch im Dreier-Team zweimal Weltmeister und viermal Europameister.

Das heißt, Sie müssen schon sportlich sein für den Job.
Ich war früher regelmäßig Rudern und habe geboxt. Auch das hilft. Die Gondel ist elf Meter lang. Da muss ich mit Gegenschlag arbeiten. In Venedig kenne ich einen Gondoliere, bei dem ich viel gelernt habe.

Inzwischen haben Sie nicht nur touristische Gäste, oder?
Ja, wir haben auch viele Werbe- und Film-Anfragen. Am Wörthsee war das mal eine Fahrt für Aperol, Crodino oder auch für den Luxusuhren-Hersteller Patek Philippe. Filmepisoden waren schon dabei, für den Film "Münter und Kandinsky" zum Beispiel wurde eine Sequenz auf der Gondel gedreht.

"Natürlich brauche ich sehr viel Sonnencreme"

Interessant.
Auch Dirndlwerbung war schon dabei. Die Abbrunzati-Boys sind ebenfalls schon drei Mal eingestiegen.

Jetzt ist der Sommer da. Gibt es für Sie etwas Schöneres, als Ausgleich zum Bürojob als Gondoliere unterwegs zu sein?
Für mich gibt es nichts Schöneres. Freitagmittag arbeite ich fertig, setze mich aufs Fahrrad und radel ins Schloss. Dann bin ich in einer anderen Welt. Es hält mich jung und fit, auch wenn ich den ganzen Winter viel trainiere, um als Gondoliere weiterhin arbeiten zu können. Eine Kombination aus Sport und angenehmen Menschen. Und natürlich brauche ich sehr viel Sonnencreme. Es ist ein Saisongeschäft sowie eine wunderschöne Ergänzung zu meinem Beruf.

Wenn Sie im Sommer regelmäßig am Wochenende auf die Gondel steigen, haben Sie wahrscheinlich wenig Zeit für Ihre Partnerin.
Unsere Hochzeitsreise vor 30 Jahren war Venedig. Dort habe ich nicht nur meine wunderschöne Frau Simône angesehen. So heißt auch die Gondel am Schloss übrigens. Ich habe damals auch zugeschaut, wie die Gondolieri um die Ecke gebogen sind. Das war die erste Inspiration. Es ist nicht ganz einfach. Simône hat nicht Hurra geschrien. Aber eine gute Ehe hält das aus. Sie fährt ab und zu mit, wie vor zwei Wochen. Da waren meine Kinder, Enkelkinder und eben meine Frau dabei und stiegen alle mit ein.

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