GenZ hat genug: Schulproteste erreichen München – so war der Demo-Tag

"Papa, Demo!" Das Kind, das diese Worte am Samstagnachmittag auf der Leopoldstraße in den Mund nimmt, mag kaum zwei Jahre alt sein. Man wundert sich direkt, dass es schon sprechen kann. Mit dem Finger zeigt es auf den Umzug der rund 5000 Protestierenden – aus dem Kinderwagen heraus. Der Papa schiebt den Wagen auf dem Bürgersteig seelenruhig weiter – wenige Meter neben dem Geschehen. "Jaja, Demo…"
Fürchten muss sich an diesem Samstagnachmittag in München niemand – auch nicht der Papa mit seinem Kleinkind. Die französischen Verhältnisse blieben aus in Bayerns Hauptstadt. Wirklich gerechnet hat damit ohnehin niemand. Bis zu 8000 Menschen hatten sich vorab angekündigt, rund 5000 waren es in der Spitze – nach Angaben der Polizei. Zeitweise reicht der Umzug vom Siegestor fast bis an die Münchner Freiheit.

Kundgebung vor der LMU
Wenige Minuten zuvor am Geschwister-Scholl-Platz redet sich eine Sprecherin namens Amelie langsam in Rage. "Wir sind es Leid, dass wir erst vernachlässigt werden, um dann an der Waffe verpflichtet zu werden. An uns wird gespart, während Superreiche um die Welt jetten", sagt sie auf der Demo-Bühne. "Wir sitzen auf alten Holzstühlen, während wir eine Flut von Tests irgendwie bewältigen müssen." Bei der Sprecherin handelt es sich um eine ehemalige Schüler-Aktivistin und Studentin.
Der Themen-Mix gehört zum Furor der Sprechenden und Protestierenden. Zuvorderst werden die Ausgaben für Aufrüstung und die Einsparungen bei Bildung in Verbindung gebracht. Rüstung rauf, Bildung runter? Diese Rechnung geht für viele nicht auf.
In Friedrich Merz personifiziert sich der Generationen-Konflikt. Der allgemein unbeliebte Kanzler kommt auch bei der GenZ schlecht weg – gibt auf vielen Plakaten den Buh-Mann ab. Auch Elma Sacirovic (29) – nicht mehr ganz GenZ, aber Mit-Protestierende – hat Probleme mit dem 70-Jährigen: "Er hat Wahlversprechen gebrochen – Stichwort Schuldenbremse – und seine Reformen bei Rente und Pflege nicht umgesetzt. Seine Lösung ist nur: mehr Abgaben. Er hat unser Vertrauen nicht verdient."

Dauerkrise macht mürbe
Die Schüler, mit denen die AZ gesprochen hat, eint ein Gefühl: Unsere Generation hat schlechte Zukunftsaussichten als jene zuvor. Das Thema Wehrpflicht treibt viele um. Leo G. (18), Schüler aus München, sagt es so: "Seit ich mich erinnern kann und Politik verfolge, gibt es immer nur Krisen. Das Problem ist: Wir haben keine Zukunftsaussicht, auf die wir uns freuen können. Wir leben in einer Welt, wo wir als Erwachsene in einer Klimakatastrophe leben werden." Er findet, die Politik müsse mehr an die Jugend denken.

Als sich der Geschwister-Scholl-Platz vor der LMU München weiter und weiter füllt, wird es auch politisch bunter. Hier trommeln ein paar Vertreter der Klima-Bewegung Extinction Rebellion, dort schwingen Antfia- oder Palästina-Flaggen. Quasi die üblichen Nebenschauplätze einer solchen Demo. Aus diesem Block werden später dann auch Bengalo-Feuerwerkskörper – man kennt sie aus den Fussball-Stadien dieser Welt – gezündet, weshalb der Demo-Umzug einmal zehn Minuten still stehen muss. Auch gegen das Vermummungsverbot verstoßen einige wenige Personen. Laut Polizeisprecher Thomas Schelshorn kommt es deshalb zu Festnahmen.

Ein musikalischer Fingerzeig ist vielleicht die Wahl der Songs, die durch die Lautsprecher der Demo-Parade dröhnen. Nicht nur schwindelerregend schneller Techno, sondern auch überraschend viele Songs aus der am heutigen Tag oft adressierten "Boomer"-Generation laufen. In Pink Floyds Hit "Another brick in the Wall" (1979) etwa wurde das Schulsystem einst ja eindringlich beklagt. "Erinnert euch, ihr Boomer", mag da die Message sein – ihr wart doch auch mal unzufrieden und wütend.
Warten auf’s BaföG
Mit einem handfesten Anliegen ist Julian Berg (21) aus Wien – gebürtig aus Lindau – angereist. Seit über einem Jahr wartet er auf sein Auslands-Bafög, das vom Amt in München bearbeitet wird. "Mir steht das Bafög zu, da mein Vater frühverrentet ist und meine Mutter zum Mindestlohn arbeitet. Meine Ersparnisse sind aufgebraucht – mir wurde gesagt, die Wartezeit beträgt bis zu 18 Monate. Warum, das weiß ich nicht."

Dann gibt es doch noch Zwischenfälle
Etwas brenzliger wird es zum Abschluss der Demo. Als die Abschlusskundgebung am Geschwister-Scholl-Platz ab 16:15 Uhr läuft, blockiert nebenan ein schwarzer Block die Ludwigstraße. Aufforderungen der Polizei, die Straße zu räumen, bleiben ohne Folge. Man steht sich lange direkt gegenüber. Ein Polizist droht im ersten Moment, Pfefferspray zu verwenden – mit gezückter Dose – was dann aber doch nicht passiert. Erst gegen 19 Uhr wird diese Blockade letztlich aufgelöst. Hintergrund war laut AZ-Informationen, dass sich 100 bis 200 Streikende spontan mit einer festgenommenen Person solidarisierten. Grund der Festnahme waren offenbar beleidigende Worte. Die Polizei spricht ferner von einem friedlichen Protest. Laut Polizeibericht wurden aus dieser Personengruppe 84 Personen wegen einer Ordnungswidrigkeit nach dem Versammlungsrecht angezeigt.

Die Luxus-Läden in der Maximilianstraße – noch so eine Randnotiz vom Wochenende – haben ihre Schaufenster somit umsonst mit Holz verrammelt. Der große Knall blieb aus.
Am Abend kurz nach der Demo erreicht die AZ den Münchner "GenZ regelt"-Sprecher Steve (18). Sein Fazit: "Wir fühlen uns bestärkt nach dem heutigen Tag. Unsere Anliegen sind berechtigt und beschäftigen unsere Generation. Ich habe heute viel Rückhalt von Menschen mit vielfältigen Hintergründen gespürt, die gemeinsam für eine bessere Zukunft kämpfen." Der nächste europaweite Protesttag wird der 20.11. sein. Auch "GenZ regelt" ruft dann wieder bundesweit zu Protesten auf.