Genitalverstümmelung: 2.000 bedrohte Mädchen in München

Debatte um Genitalbeschneidungen: Was die CSU fordert - wo Experten aktuell das Hauptproblem sehen.
| Christina Hertel
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Beschnittene Mädchen leiden meist ihr ganzes Leben unter dem Eingriff. (Symbolbild)
Beschnittene Mädchen leiden meist ihr ganzes Leben unter dem Eingriff. (Symbolbild) © imago images/Panthermedia

München - Mit sieben Jahren wurde Sara, die ursprünglich aus Somalia stammt und heute in München lebt, beschnitten. Bis auf eine kleine Öffnung wurde ihre Vagina komplett verschlossen. Für jeden Gang auf die Toilette braucht sie zehn Minuten, ihre Periode dauert manchmal zwei Wochen. Sie leidet unter Rückenschmerzen, Juckreiz, Spannungen.

Genitalverstümmelung: Immer mehr betroffene Frauen in München

Saras Geschichte kann man in einem Jahresbericht des Vereins Imma nachlesen, der sich unter anderem um beschnittene Mädchen und Frauen kümmert. Und wohl Tausende Frauen in München könnten Ähnliches erzählen. Schätzungen gehen davon aus, dass fast 60.000 Frauen in Deutschland leben, die von Genitalbeschneidung betroffen sind. Das sind doppelt so viele wie noch vor fünf Jahren. Und auch in München leben immer mehr Frauen, deren Genitalien beschnitten wurden.

Genitalverstümmelung: Bisher gibt es nur Schätzwerte

11.370 Frauen und Mädchen, die heute in München wohnen, stammen ursprünglich aus Ländern, wo die Entfernung oder Verletzung der äußeren Geschlechtsorgane aus nicht medizinischen Gründen durchgeführt wird. Das sind fast 60 Prozent mehr als noch 2010. Rechnerisch könnten in München 2.000 Mädchen von Beschneidung bedroht sein - weil ihre Familien aus Ländern wie Somalia oder Nigeria stammen. Diese Zahlen gehen aus dem neusten Bericht zur Gleichstellung von Frauen und Männern hervor, den die Stadt verfasst hat. Allerdings sind sie reine Schätzwerte. Der CSU-Stadtrat Hans Hammer fordert deshalb nun in einem Antrag, dass unter anderem Beratungsstellen Fälle erfassen und einer zentralen Stelle melden müssen. Das soll auch für Zwangsheiraten gelten.

Hans Hammer.
Hans Hammer. © CSU

Ist eine Meldestelle überhaupt zielführend?

Außerdem will er, dass das Aufklärungsangebot ausgeweitet wird. "Praktiken wie Genitalverstümmelung und Zwangsverheiratungen sind völlig inakzeptabel und müssen verhindert und auch geahndet werden", sagt er. Ob eine Meldestelle zielführend ist, sieht Tanja Sachs skeptisch. Sie leitet beim Verein Imma die Beratungsstelle Wüstenrose, an die sich in München Frauen wenden können, die von Beschneidung oder Zwangsheirat betroffen sind.

Mitarbeiter müssen geschult werden

Schon jetzt müssten Sozialpädagogen wie sie es dem Jugendamt melden, wenn sie das Kindeswohl gefährdet sehen, sagt sie. Aus ihrer Sicht müssten vor allem Mitarbeiter auf den Ämtern besser geschult werden, das Thema möglichst sensibel anzusprechen, wenn sie einen Verdacht haben. Denn neben den körperlichen Folgen leiden Frauen auch psychisch. "Die Beschneidung ist Teil der Kultur", sagt Sachs. "Die Frauen müssen sich erst einmal damit zurechtfinden, dass das hier als Straftat angesehen wird."

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Viele Betroffene betrachten sich nicht als verstümmelt

Sachs spricht deshalb auch nicht von "Genitalverstümmelung", wie es in Medien oft zu lesen ist, wenn von dem Thema die Rede ist. Denn viele Frauen, sagt Sachs, würden sich selbst auch nicht als "verstümmelt" betrachten. "Das Wichtigste ist, Vertrauen zu fassen", sagt Sachs. "Und dies kann nur gelingen, wenn die Frauen sich nicht verurteilt fühlen." Mit einer Plüschvagina klärt sie die Frauen zunächst darüber auf, was mit ihnen geschehen ist. Die Geschichten, die ihr die Frauen erzählen, seien sehr unterschiedlich. Denn von Kulturkreis zu Kulturkreis werde Beschneidung anders praktiziert.

Corona erschwert die Situation erheblich

Die extremste Form, bei der fast die gesamte Vagina zugenäht wird, sei vor allem in Somalia verbreitet - wo auch Sara herstammt. Sie habe den Weg zu der Beratungsstelle mit Hilfe einer Ehrenamtlichen gefunden, die sie in ihrer Asylunterkunft kennenlernte, so steht es in dem Bericht des Vereins. Doch seit Ehrenamtliche wegen Corona die Unterkünfte nicht mehr betreten dürfen, sei der Kontakt zwischen den betroffenen Frauen und der Beratungsstelle eingebrochen. Möglichst sensible Mitarbeiter in den Ämtern, die Betroffene weitervermitteln, seien deshalb gerade dringlicher als die Fälle zu erfassen, meint Sachs.

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