Geflohener Vergewaltiger: Waren die Behörden fahrlässig?

44 Tage nach der Flucht aus Haar hat die Polizei Kaiserslautern nur eine kleine Spur des Vergewaltigers Michael Kirchner.
| Hüseyin Ince
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Der gesuchte Michael K. - wo und wann das Bild entstand, ist unklar.
Polizei Kaiserslautern/privat Der gesuchte Michael K. - wo und wann das Bild entstand, ist unklar.

44 Tage nach der Flucht aus Haar hat die Polizei Kaiserslautern nur eine kleine Spur des Vergewaltigers Michael K.

München - Es sieht ganz danach aus, als sei der gesuchte und für die Öffentlichkeit nicht ungefährliche Sexualstraftäter Michael K. (56) nicht mehr in der Region München. Denn bei der Polizei in Kaiserslautern meldete sich am Donnerstagabend eine 59-jährige Pfälzerin, die ihn ziemlich sicher erkannte.

Demnach hatte sie Kirchner im Internet kennengelernt. Wann genau, das ist unklar. Aber nachdem K. seit Jahren im Maßregelvollzug gefangengehalten wird, hat sie ihn wahrscheinlich nach seiner Flucht aus der geschlossenen Psychiatrie im Isar-Amper-Klinikum in Haar kennengelernt.

Gesuchter Vergewaltiger nicht mehr in der Region München

Brisantes Detail der Geschichte: Von 17. bis 22. August übernachtete der verurteilte Vergewaltiger bei der 59-jährigen Bekanntschaft. Von seiner Vergangenheit wusste sie offenbar nichts – und auch nichts von seiner Flucht. Am 22. August (Donnerstag) verliert sich seine Spur. An diesem Tag sah ihn die Zeugin zum letzten Mal, nachdem er sie in die Arbeit fuhr, mit einem schwarzen Mitsubishi mit Pirmasenser Kennzeichen. K. ist möglicherweise immer noch mit diesem Fahrzeug irgendwo in der Südwestpfalz unterwegs.

Noch sind viele Fragen offen. Zu einigen wenigen konnte die AZ Antworten finden. So ist K. offenbar vor mehr als 20 Jahren wegen zwei Vergewaltigungen rechtskräftig verurteilt worden. Und die Tatsache, dass die Zuständigkeit für den Maßregelvollzug K. bei der Staatsanwaltschaft in Kaiserslautern liegt, deutet darauf hin, dass er wegen der Jahrzehnte zurückliegenden Taten weiterhin festgehalten wurde und wohl keine neue Straftat in der Region München begangen hat. Ansonsten wäre die Münchner Staatsanwaltschaft zuständig. Die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern hätte diese Unklarheiten beseitigen können, war aber am Freitagnachmittag nicht erreichbar.

Ist K. in der Südwestpfalz unterwegs?

Der Strafverteidiger Thomas Pfister (61) kennt ähnliche Fälle. "Es kann durchaus sein, dass jemand wegen einer Triebtat jahrelang im Maßregelvollzug gefangen bleibt, obwohl die Person ihre eigentliche Strafe schon längst abgesessen hat.“

Der Maßregelvollzug sei so etwas wie die Sicherungsverwahrung, aber nur für Triebtäter und ähnliche, psychiatrisch schwierige Fälle. "Und wenn die zuständigen Fachleute keine Heilung feststellen und den Verurteilten weiterhin für gemeingefährlich halten, bleibt die Person weiterhin im Maßregelvollzug“, sagt Pfister. Das war offensichtlich bei K. der Fall. Möglicherweise entschloss er sich auch deshalb zur Flucht am 13. Juli, weil ihm die zuständigen Fachleute seit mehr als 20 Jahren keine günstige Sozialprognose stellten.

Vergewaltiger bereits vor 44 Tagen aus Psychiatrie geflohen

Bleibt die Frage, warum niemand die Öffentlichkeit informierte, als K. am Samstag vor 44 Tagen aus der geschlossenen Psychiatrie in Haar geflohen ist. Die Polizei München habe sofort die Fahndung eingeleitet, so ein Sprecher. Trotzdem konnte der Sexualstraftäter wohl die Stadt verlassen. Ob denn eine Öffentlichkeitsfahndung angemessen gewesen wäre? "So eine Fahndung muss die Staatsanwaltschaft anweisen“, so der Polizeisprecher, die ab dem Tag der Flucht informiert gewesen sei.

Hier wird die Lage widersprüchlich. "Stimmt nicht“, sagt der Sprecher der Münchner Staatsanwaltschaft Florian Weinzierl: "Wir haben erst gestern von dem Fall erfahren.“ Außerdem seien die Münchner Behörden in diesem Fall gar nicht zuständig und könnten grundsätzlich keine Öffentlichkeitsfahndung ausrufen.

Dass von dem Mann eine Gefahr ausgeht, kann man in der Mitteilung der Polizei Rheinland-Pfalz lesen. Darin heißt es: "Treten Sie selbst nicht an den Gesuchten heran".

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