Gastarbeiter bei AGFA München: Erinnerungen an ein neuen Leben

Vor 50 Jahren schloss Deutschland ein Anwerbeabkommen mit Jugoslawien. Gani Iberdemaj gehört zur ersten Generation der Gastarbeiter und erzählt über sein Leben in München.
| Vincent Suppé
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Gastarbeiter Gani Iberdemaj blickt zurück auf sein damaliges Leben in den 70er Jahren in München.
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Gani Iberdemaj heute.
oh 6 Gani Iberdemaj heute.

München - "Dreißigtausend Bilder am Tag! Jahrelang haben wir alle Farbfotos im Kosovo produziert", erzählt Gani Iberdemaj heute. 1972 kam er als sogenannter Gastarbeiter nach München und arbeitete für den Fototechnik-Hersteller AGFA, war Teil des deutschen Wirtschaftswunders. Elf Jahre später kehrte er zurück. Sein Wissen nahm er mit, baute eine Produktionsanlage auf und verbreitete die Farbfotografie in seinem Heimatland.

Vor 50 Jahren war Iberdemajs Heimat, der Kosovo, noch Teil Jugoslawiens. Und mit Jugoslawien hatte Deutschland 1968 ein Anwerbeabkommen geschlossen. Zu schnell wuchs die Nachkriegswirtschaft, zu groß war der Bedarf an Arbeitskräften, als dass der deutsche Markt ihn hätte decken können. Deshalb warben deutsche Firmen um Arbeiter aus dem Ausland – und die folgten dem Ruf. Zu Beginn der 1970er waren es 700.000 Menschen, die allein aus Jugoslawien nach Deutschland zum Arbeiten kamen.

Unter ihnen war auch Gani Iberdemaj. In Belgrad hatte er an einer Technikhochschule studiert und die deutsche Sprache erlernt, dann in Peja, einer Stadt im Westen des Kosovo, bei der Post gearbeitet. Als er von freien Stellen in Deutschland hörte, zögerte er nicht: "Als junger Kerl wollte ich was von Europa sehen." 22 Jahre alt war Iberdemaj, als er sich mit seiner Frau in den Bus nach München setzte – 24 Stunden Fahrzeit in ein neues Leben.

Iberdemaj arbeitete elf Jahre als Ingenieur bei AGFA

Jung, gut ausgebildet, motiviert – wie viele Gastarbeiter hatte Gani Iberdemaj keine Schwierigkeiten einen Job zu finden. "Elf Jahre lang war ich Betriebsingenieur bei AGFA", und noch heute schwingt Stolz in seiner Stimme mit, wenn Iberdemaj davon erzählt. Telefonanlagen, Feuermelder – Iberdemaj war für die gesamte Haustechnik des Camerawerks an der Tegernseer Landstraße zuständig.

In Deutschland sei er als Fachmann hoch angesehen gewesen, sagt Iberdemaj heute. Lehrlinge, für die nur er verantwortlich war, und ein eigenes Büro im Hochhaus unterstreichen seine Stellung bei AGFA. In München haben er und seine Familie sich immer wohl und integriert gefühlt. "Wir haben nie schlechte Erfahrungen gemacht!" Vielmehr wurde München für Iberdemaj ein zweites Zuhause.

Gani Iberdemaj heute.
Gani Iberdemaj heute. © oh

Und das, obwohl seine Zeit in München auch sehr anstrengend war. Als Ingenieur verdiente er gut, erzählt Iberdemaj, aber nicht so gut, dass er den Verwandten im Kosovo viel Geld hätte schicken können. Stattdessen hatten seine Frau, die ebenfalls bei AGFA angestellt war, und er selbst noch einen Zweitjob: "Am Abend haben wir oft noch als Verkäufer gearbeitet." Der Ingenieur Iberdemaj war dann Berater in der Elektroabteilung. Aber das nahm die Familie auf sich, denn trotz 1.000 Kilometer Luftlinie zum Kosovo blieb für die Iberdemajs eine enge Verbindung zur Heimat immer bestehen.

Kulturclub in der Schwanthalerstraße

Besonders nah war der Kosovo an den Wochenenden. Denn dann wurde bei Rilindja getanzt, musiziert und Schach gespielt. Diesen kosovarischen Kulturclub gründete Iberdemaj in München auf dem Gelände des heutigen Eine-Welt-Hauses in der Schwanthalerstraße. Ohne Internet und Satellitenfernsehen war es für viele Gastarbeiter die einzige Möglichkeit, Neuigkeiten aus der Heimat zu erfahren.

Rund 4.000 Kosovaren arbeiteten in den 1970ern in München, heute haben hier sogar 25.000 Menschen kosovarische Wurzeln. Gani Iberdemaj ist keiner mehr von ihnen: Er kehrte 1983 zurück, wollte sein Land voranbringen, erfolgreich sein. Seine Kinder schimpfen heute noch manchmal, dass er zurückging, doch Iberdemaj sagt ohne Bitterkeit: "Gastarbeiter sein heißt, es muss irgendwann zu einem Ende kommen."

Veranstaltung am Samstag: Gastarbeiter im Fokus

Am Samstag, 17. November berichten im interkulturellen Verein IG – Initiativgruppe (Karlstraße 50, Rückgebäude, großer Saal) Zeitzeugen über ihre Erfahrungen in den Anfangsjahren der Arbeitsmigration – im Fokus werden dabei Gastarbeiter aus dem Kosovo stehen. Die Veranstaltung dauert von 15 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei.

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