Für einen Tag U-Bahn-Fahrerin in München sein

MVG-Fahrschüler lernen ein Drittel der praktischen Ausbildung am Simulator. AZ-Reporterin Emily Engels hat ihn ausprobiert. Und musste dabei so einige Probleme meistern.
| Emily Engels
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Den Bahnsteig hat AZ-Reporterin Emily Engels im Simulator immer im Blick. Echte Fahrschüler tragen zu Corona-Zeiten während der Ausbildung immer eine Maske.
Den Bahnsteig hat AZ-Reporterin Emily Engels im Simulator immer im Blick. Echte Fahrschüler tragen zu Corona-Zeiten während der Ausbildung immer eine Maske. © Daniel von Loeper

München - Im dunklen Tunnel sehe ich ein rotes Lichtsignal. Sofort ziehe ich den Bremshebel in meine Richtung - kurz danach stoppt die U-Bahn. Ich informiere die Fahrgäste darüber, dass es gleich weitergeht. "Gut reagiert", sagt meine Fahrlehrerin Claudia Meister-Singer über die Sprechanlage. Und ich merke, wie zum ersten Mal während meiner virtuellen U-Bahn-Fahrt der Stolz in mir hochsteigt.

Teamleiterin Claudia Meister-Singer "spielt" die Leitstelle.
Teamleiterin Claudia Meister-Singer "spielt" die Leitstelle. © Daniel von Loeper

U-Bahn fahren in München: Schnell reagieren und Nerven behalten

Denn was ich schon nach kurzer Zeit am U-Bahn-Simulator merke, ist: An das Fahren als solches gewöhnt man sich recht schnell. Eine viel größere Herausforderung ist es, bei Problemen schnell zu reagieren - und die Nerven zu bewahren.

Die Bahnhöfe sind alle virtuell dargestellt. Hier: Die Münchner Freiheit.
Die Bahnhöfe sind alle virtuell dargestellt. Hier: Die Münchner Freiheit. © Daniel von Loeper

Zu meiner Beruhigung: Hätte ich nicht rechtzeitig gebremst, hätte ein Fahrsperrmagnet auf den Gleisen dafür gesorgt, dass der Zug zum Stoppen kommt. Eine von vielen Absicherungen, die es bei der Münchner U-Bahn gibt. Eine weitere ist der "Totmann". Heißt: Ich muss den Fahrhebel permanent leicht nach unten drücken. Mache ich das nicht, piepst es — reagiere ich dann wieder nicht, stoppt der Zug.

Zehn bis zwölf Stunden am MVG-Simulator

Ein Drittel der Ausbildung, insgesamt zehn bis zwölf Stunden, findet am Simulator statt. Dafür stehen im MVG-Betriebshof in Fröttmaning zwei verschiedene Simulatoren zur Verfügung: Einer, der mit der Technik des moderneren "C-Zuges" ausgestattet ist und einer, bei dem angehende Fahrer lernen, mit dem älteren "B-Zug" zu fahren.

Auf dem Weg zum U-Bahnhof Studentenstadt beginnt es zu regnen. Da ich vorher einige Male zu früh vor dem Bahnhof abgebremst hatte, fahre ich dieses Mal schneller in den Bahnhof ein. Etwa in der Mitte angekommen bremse ich ab — doch der Zug hält nicht rechtzeitig, sondern fährt wegen der nassen Gleise noch ein bisserl weiter, sodass ein Waggon bereits über den Bahnsteig herausragt. Ups!

U-Bahn fahren lernen muss gelernt sein

Ich entscheide mich, weiterzufahren und sage nervös durch: "Ähm, es tut mir sehr Leid, rutschige Schienen. Ich bin über das Ziel hinausgerutscht." Tatsächlich kann es im Betrieb mal passieren, dass ein Fahrer sich verbremst — oder auf nassen Schienen noch ein Stückerl weiter rutscht. Man würde natürlich nur aufmachen, wenn auch die erste Tür trotz des Verrutschens noch gerade am Bahnsteig ist oder andernfalls diese versperren. Die Kommunikation mit den Fahrgästen wäre bei beiden Varianten essenziell.

Obwohl ich im Simulator bin und nicht gerade 1.000 Fahrgäste hinter mir sitzen, bekomme ich schnell mit, dass man sich auch als U-Bahnfahrer ein dickes Fell zulegen sollte. Denn Claudia Meister-Singer und MVG-Fahrschulleiter Bernhard Robl simulieren so manch eine Situation — die so ähnlich im Betrieb vorkommen kann.

Fährt auch selbst noch Dienste: MVG-Fahrschulleiter Bernhard Robl.
Fährt auch selbst noch Dienste: MVG-Fahrschulleiter Bernhard Robl. © Daniel von Loeper

Schwierige Situationen im Münchner U-Bahn-Betrieb

Im Sortiment: Ein Notruf-Missbrauch, bei dem ein Fahrgast eine Pizza bestellen möchte. Und ein echter Notfall: eine Schlägerei zwischen Fußball-Fans im Zug.

Von dem verpassten U-Bahnhof Studentenstadt aus fahre ich in den Tunnel. Doch wieder kann ich nicht weiterfahren. Es piept in meiner Fahrkabine, auf dem Display sehe ich ein rotes Licht.

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Was nun schon wieder? Ich kontaktiere die "Leitstelle". Eine Leitung ist rausgesprungen, meine U-Bahn, hat keinen Strom mehr, benötigt aber 750 Volt Fahrstrom. "Wir haben Ihnen besonders viele Störungen und Probleme eingebaut", gibt Meister-Singer dann zu. Im echten Betrieb kommen diese deutlich seltener vor. Trotzdem erklärt das, dass Technik-Unterricht zum Stundenplan eines jeden U-Bahn-Fahrschülers gehört. Denn zu helfen wissen müssen diese sich dennoch. Trotz all den Anforderungen sind Meister-Singer und Robl davon überzeugt, dass nur ein geringer Anteil der Schüler nicht geeignet ist. Für ihn kommt es vor allem auf die Motivation an.

U-Bahn-Fahrer bei MVG oft Quereinsteiger

Robl erzählt: "Wir haben die verschiedensten Menschen in der Ausbildung. Ich hatte schon Bäcker, Friseure, Theologen oder Banker." Quereinsteiger nimmt die MVG gerne. Robl: "Die sind oft bodenständig und zuverlässig." Zwei wichtige Eigenschaften für U-Bahn-Fahrer.

Ein weiterer: Stressbeständigkeit. Ein Fahrgast hat mal wieder den Notruf-Knopf betätigt. Der Grund: Ein Fahrgast im Zug ist bewusstlos. Ich schaue fragend in Richtung Meister-Singer. Sie signalisiert mir: Leitstelle anrufen — beim nächsten Bahnhof Fahrertür auf und nach hinten in den Zug gehen.

Hebel nach vorne heißt: U-Bahn fährt los.
Hebel nach vorne heißt: U-Bahn fährt los. © Daniel von Loeper

In unserem Übungszug liegt Robl auf einem der Sitze. Langsam kommt er wieder zu Bewusstsein. Ich fordere einen Fahrgast auf, ihn nach draußen zu begleiten - und dort auf medizinische Hilfe zu warten. "Oft ist auch ein Rettungssanitäter oder ein Arzt in der Bahn", sagt Meister-Singer. Sie und Robl haben mit all dem Erfahrung. Denn beide waren selbst zuvor Fahrer - und absolvieren noch immer Dienste.

Vom Fahrlehrer für Pkws zum U-Bahn-Fahrer

Robl war zuvor Fahrlehrer für Pkw und Motorrad, wollte dann in einen größeren Betrieb. Bei der MVG wurde er fündig. Nach einem Jahr Schichtdienst durchlief er weitere Stationen, etwa als Streckenverkehrsmeister oder bei der Leitstelle, bevor er Leiter der Fahrschule wurde. Und Meister-Singer ist erst sechs Jahre für die MVG Bus gefahren - und dann bei der U-Bahn gelandet. Zwei Beispiele für die unterschiedlichen Mitarbeiter-Biographien bei der MVG.

Ich bin virtuell am Marienplatz angekommen. Feierabend. Hätte ich eine Prüfung gehabt, wäre ich heute ganz sicher durchgefallen. Denn kurz vor Schichtende habe ich aus Versehen auf der Gleis- und nicht auf der Bahnsteigseite die Türen geöffnet. Zum Glück werden echte Fahrschüler etwa drei Monate begleitet - und erst zur Prüfung geschickt, wenn große Erfolgschancen bestehen. Prüfungen gibt's dann mehrere: Zwei schriftliche, eine am Simulator und eine in einer echten U-Bahn.

U-Bahn-Fahrer in München werden - so geht's

Erschöpft steige ich in Fröttmaning in die U6, die ich gerade noch virtuell gefahren bin. Doch anders als mit mir verläuft die Fahrt bis zum Marienplatz vollkommen ruhig und pannenlos.

Wer will U-Bahn-Fahrer werden?

Die MVG sucht laufend U-Bahn-Fahrer. Alle paar Wochen startet ein Kurs. Während der Ausbildung wird bereits Gehalt gezahlt. Ein U-Bahn-Fahrer verdient im Schnitt inklusive Zulagen 3.180 Euro brutto. Weitere Vorteile sind etwa ein sicherer Arbeitsplatz, flexible Dienstzeiten und Werkswohnungen. Bewerber müssen mindestens 21 Jahre alt sein und über ein hohes Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein verfügen. Aktuelle Jobs unter: www.mvg-jobs.de

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