Frauen über 70 sind besonders gefährdet

Wie die Gaunerbanden bei ihren Anrufen vorgehen, wen sie sich besonders häufig als Opfer aussuchen und zu welchen Zeiten sie zuschlagen - alle Daten, alle Fakten.
| Ralph Hub
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Die beiden Mitarbeiter der Münchner Stadtsparkasse (Mitte).
Polizei Die beiden Mitarbeiter der Münchner Stadtsparkasse (Mitte).

München - Sind Sie eine Frau, um die 70 Jahre oder älter? Dann sollten Sie vorsichtig sein, wenn werktags zwischen zehn und 16 Uhr das Telefon klingelt und sich ein vermeintlicher Verwandter meldet, der behauptet, er stecke finanziell in der Klemme.

Die Enkeltrickbetrüger gehen nach einem strikten Schema vor, wie gestern die Polizei erstmals bestätigte. Sie suchen gezielt nach älteren Frauen. Über Adressenlisten, die im Internet kursieren, fischen sie Namen heraus, die auf eine Seniorin schließen lassen. „Die allermeisten Opfer sind nach unserer Erfahrung Frauen, die 70 Jahre oder älter sind“, erklärt Polizeivizepräsident Robert Kopp. Männer erwischt es selten. Die Auswertung der jüngsten Falldaten im Präsidium belegt, dass die Enkeltrickbetrüger ihre Opfer vor allem zwischen 10 Uhr vormittags und 16 Uhr anrufen. Genau in der Zeit, in der auch Banken und Sparkassen geöffnet haben. „An Wochenenden herrscht dagegen bisher Ruhe“, sagt Robert Kopp.

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Die Anrufer geben sich immer als Verwandte oder Freunde aus. Immer tischen sie den Opfern eine rührselige Geschichte auf. Sie erzählen von einem Immobiliengeschäft, einem Auto, das sie kaufen wollen oder von irgendeiner Notlage, in der sie ganz schnell sehr viel Geld brachen.

Diese fingierten Notrufe nehmen in letzter Zeit rasant zu: Im März waren es 89 (2014: 11) und im Februar sogar 93 (2014: 20). In den ersten drei Monaten kassierten Täter laut Polizei 114 000 Euro. Und das obwohl sie lediglich bei sechs Opfern erfolgreich waren.

Die Täter setzen die Seniorinnen massiv unter Druck. Sie rufen immer wieder an, so das sie keinen klaren Gedanken mehr fassen können.

So wie bei einer 80-Jährigen aus Schwabing. Sie erhielt Mitte März an einem Freitagnachmittag einen Anruf – angeblich war die Schwiegertochter dran. Sie brauche Geld, viel Geld, weit über 30 000 Euro. Die Seniorin hakt nach. Die angebliche Schwiegertochter behauptet, sie brauche das Geld, um ihrem Ehemann ein Geschenk zu kaufen. Konkreter wird sie nicht, dafür kommt jede Menge Liebesgesäusel. „Ich liebe deinen Sohn so sehr, ich muss ihm einfach etwas schenken“, lügt die Schwiegertochter dreist.

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Die 80-Jährige schwingt sich aufs Radl, fährt zur Stadtsparkasse am Kurfürstenplatz. Sie ist felsenfest überzeugt, dass sie mit ihrer Schwiegertochter gesprochen hat und dass das Geld für ihren Sohn ist.

Als die Kassiererin die enorme Summe hört, die die Rentnerin abheben will, schöpft sie sofort Verdacht. Sie verständigt ihren Chef. „Uns war klar, dass die Kundin einer Betrügerin aufgesessen war“, sagt Filialleiter Stefan Hermann. Mit Mühe gelang es den beiden Bankern, die Frau zu überzeugen, dass alles Schwindel war. Die Polizei wurde eingeschaltet.

Die Anruferin ist übrigens bis heute nicht gefasst.

Die beiden aufmerksamen Mitarbeiter der Stadtsparkasse wurden gestern im Präsidium belobigt. Vom Sicherheitsforum bekamen sie je 200 Euro.

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