Frau Mädel und ihr Paket-Boykott

Bei der Ladenbesitzerin werden täglich Pakete von Großkonzernen abgeladen – der Konkurrenz aus dem Internet. Jetzt hat sie die Nase voll und will nichts mehr annehmen. Dafür gibt es viel Beifall.
| Timo Lokoschat
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Impressionen aus dem Laden in der Jahnstraße 20.
AZ 5 Impressionen aus dem Laden in der Jahnstraße 20.
Impressionen aus dem Laden in der Jahnstraße 20.
AZ 5 Impressionen aus dem Laden in der Jahnstraße 20.
Impressionen aus dem Laden in der Jahnstraße 20.
AZ 5 Impressionen aus dem Laden in der Jahnstraße 20.
Impressionen aus dem Laden in der Jahnstraße 20.
AZ 5 Impressionen aus dem Laden in der Jahnstraße 20.
"Liebe Nachbarn": der Zettel im Schaufenster.
Petra Perle 5 "Liebe Nachbarn": der Zettel im Schaufenster.

Bei der Münchner Ladenbesitzerin werden täglich Pakete von Großkonzernen abgeladen – der Konkurrenz aus dem Internet. Jetzt hat sie genug davon und will nichts mehr annehmen. Dafür gibt es viel Beifall.

München - Am Freitagnachmittag um 15 Uhr sitzt Michaela Mädel entspannt auf dem Bankerl vor ihrem Second-Hand-Laden und trinkt einen Cappuccino. Die Bauarbeiter gegenüber machen Pause, die Sonne scheint auf die Schuhe, die Schals und die Schmuckstücke, die sie im Schaufenster drapiert hat – und auch auf den Zettel, der dort seit dem Abend davor hängt.

"Liebe Nachbarn...", steht darauf. Für sie nimmt Michaela Mädel seit Jahren Pakete an. Sie tut es gerne und sie tut es oft. Dienste wie UPS, Hermes und DHL laden bei ihr die Waren ab, die die Kunden bei Online-Versandhändlern bestellen – Mädels Konkurrenz aus dem Internet.

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Das brachte sie irgendwann ins Grübeln – und schließlich zu einer Grundsatzentscheidung, die sie auf dem Blatt Papier formuliert hat:

"Nachdem ich gestern mal wieder 7 (in Worten: SIEBEN) H&M-Pakete, 2 Pakete von Zalando und noch 3 weitere Pakete von anderen günstigen Großkonzernen hier liegen hatte, habe ich nun beschlossen, Pakete dieser Firmen in Zukunft nicht mehr anzunehmen. Ich bitte um Verständnis!
Ihre Nachbarin
Michaela Mädel"

Die kleinen Läden geben auf

Vorher schreibt sie über die Situation der kleinen Geschäfte, die ums Überleben kämpfen und es angesichts der billigen Wettbewerber aus dem Internet immer schwerer haben. Viele hätten aufgegeben – "siehe Fluktuation der Läden im ganzen Viertel". Ihre Freundin Petra Perle, die in der nahen Müllerstraße Münchens ältestes Wollgeschäft führt, sah den Zettel, fotografierte und postete ihn auf Facebook. Und löste eine Welle der Solidarität mit Michaela Mädel aus.

"Finde ich richtig. Machen wir schon lange nicht mehr“, berichtet zum Beispiel Olaf Kröger. „Hinzu kommt ja noch, dass die Pakete oft tagelang nicht abgeholt werden."

"Damit hätte ich nicht gerechnet"

Petra Schulz, Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung in der Hans-Sachs-Straße 11, schreibt: "Ich habe das gleiche Problem. Immer wieder betone ich, dass ich keine Pakete annehme, da es in der Nachbarschaft viele kleine Geschäfte gibt, in denen man nicht nur schauen und sich beraten lassen kann – sondern auch mal kaufen. Jeder liebt die kleinen, individuellen Läden, und jeder könnte etwas dafür tun, dass sie erhalten bleiben."

Jens Krumpholz, der ein Parkettgeschäft in der Bodenseestraße 20 betreibt, bringt das Problem auf den Punkt: "Die Versandhäuser benützen – wenn auch indirekt, aber sehr wohl wissend – tagtäglich und Jahr für Jahr genau die, die sie mit ihrem Online-Handel vernichten! Ich nehme ab sofort auch nix mehr an."

Er hat einen konstruktiven Vorschlag: "Zalando und Co. zahlen den Läden, die dauernd Pakete entgegennehmen, einen kleinen minimalen Anteil zur Ladenmiete und für den Zeitaufwand dazu." Das fände auch Michaela Mädel gerecht. Von den Reaktionen ist sie überwältigt: "Damit hätte ich nicht gerechnet."

Diesen Samstag hat sie wieder von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Die charmante Glockenbachbuchhandlung von Petra Schulz ist auch gleich nebenan. Und die beste Wolle (11 bis 16 Uhr) gibt’s sowieso bei der Perle.

Ohne Klicks, Kreditkarten und Bestätigungsmails – aber dafür mit einem netten Ratsch.

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