Flughafen München: Neue Prognose stellt dritte Startbahn infrage

Es ist Dampf auf dem Kessel. Ein Bürger aus dem Freisinger Stadtteil Attaching, der weniger als einen Kilometer Luftlinie von der Nordgrenze des Münchner Flughafens entfernt liegt, spricht von einer "arglistigen Täuschung sondergleichen".
Auch Christian Pröbst (CSU), der Erste Bürgermeister von Wartenberg, einer Gemeinde im Osten des Flughafens, wettert auf einer Pressekonferenz des Bund Naturschutz in Bayern (BN) am Freitag: "Wir fühlen uns verar...."
Flughafen-Prognose: Weniger Flugbewegungen 2033 als noch vor Corona
Der Grund für den Unmut: eine bereits seit Dezember 2024 vorliegende Prognose im Auftrag der Flughafen München GmbH (FMG), die der BN erst kürzlich auf Nachfrage erhalten hat. Diese zeigt laut Verband, dass eine dritte Startbahn nicht erforderlich ist. Für den Flughafen München werden bis 2033 rund 415.600 Flugbewegungen pro Jahr vorhergesagt.
Die Kapazität des derzeitigen Zwei-Bahn-Systems gibt laut Flughafen aber bereits 479.000 Flugbewegungen her. Bis 2033 soll also nicht einmal das Vor-Corona-Niveau von rund 417.000 Flugbewegungen erreicht werden.
Zugleich soll die Zahl der Passagiere von derzeit 43,4 Millionen auf 53,6 Millionen anwachsen. Was die Prognose laut BN nicht zur Genüge berücksichtigt: den Anstieg des Sitzladefaktors, also wie viele Passagiere pro Flugzeug befördert werden. Das heißt, mehr Passagiere erfordern nicht automatisch mehr Flüge.

Die FMG weist auf AZ-Nachfrage darauf hin, dass die Prognose von einem Flugbetrieb auf dem vorhandenen Zweibahnsystem ausging. Das impliziert: Eine weitere Bahn würde die Potenziale für Flugbewegungen erhöhen.
MUC: Genehmigung für dritte Startbahn gilt für immer
Konkrete Pläne für den Bau der dritten Startbahn gibt es derzeit nicht – die Stadt München blockiert das Projekt, ebenso wie Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Trotzdem hat der Bayerische Landtag vergangene Woche einen Antrag der Grünen-Fraktion abgelehnt, die Planungen für eine dritte Startbahn aufzugeben und das Projekt aus dem Landesentwicklungsprogramm zu streichen.
Und auch die Baugenehmigung ist nicht erloschen, obwohl der seit 2016 geltende Planfeststellungsbeschluss nach zehn Jahren verfallen müsste, wenn von ihm nicht Gebrauch gemacht wird. Das Bayerische Verwaltungsgericht urteilte jedoch: Die FMG habe bereits Grund für die dritte Startbahn erworben und einen S-Bahntunnel gebaut, der ebenfalls Teil der Baugenehmigung sein soll. Heißt: Diese gilt für immer.

Christine Margraf, die stellvertretende Landesbeauftragte beim BN Bayern, sagt der AZ: "Die FMG hat permanent den Gemeinden gegenüber betont, dass sie das, was sie jetzt gebaut haben, sowieso brauchen und es nichts mit der dritten Startbahn zu tun hätte." Die FMG argumentierte vor Gericht hingegen, sie hätte bereits mit dem Bau insgesamt begonnen.
Dritte Startbahn: "Damoklesschwert über der Region"
Der BN fordert daher eine Teilaufhebung: "Man würde den Planfeststellungsbeschluss für das, was außerhalb der dritten Bahn ist, bestehen lassen, aber für die Bahn selbst aufheben", sagt Margraf. "Dafür ist die neue Prognose wichtig, weil der Planfeststellungsbeschluss zentral auf der alten Prognose aufbaut." Das dafür nötige Verfahren könnte die Gesellschafterversammlung des Flughafens jederzeit anstoßen. Zu der gehören neben der Stadt München (23 Prozent) auch der Bund (26 Prozent) und der Freistaat (51 Prozent).
Zugleich will der BN den Gerichtsprozess neu aufrollen. "Dieser Feststellungsbeschluss muss rechtsgültig beerdigt werden, sonst hängt dieses Damoklesschwert immer über der Region", sagt Margraf. Denn FMG und CSU wollen die dritte Bahn weiterhin. Wenn auch nicht alle aus der Partei: "Die Umlandbürgermeister möchten das nicht", sagt der Wartenberger Rathauschef Pröbst. "Politik muss Sicherheit schaffen."