Filiale in der Agnesstraße macht dicht: Das Schwabinger Post-Sterben

Wie weit müssen die Münchner im Viertel bald für Einschreiben laufen? An der Agnesstraße ist auf jeden Fall bald Schluss. Die AZ hat sich vor Ort umgehört - und bei der Post nachgehakt.
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An der Fassade der Post in der Agnesstraße sind die Steinfiguren der Postheiligen zu sehen.
An der Fassade der Post in der Agnesstraße sind die Steinfiguren der Postheiligen zu sehen. © Daniel von Loeper

München - Am Nachmittag des Faschingsdienstags haben Anwohner rund um die Schwabinger Agnesstraße einen Vorgeschmack darauf bekommen, wie es sein wird, sobald die Postbank, Hausnummer 1 bis 5, hier endgültig die Schiebetüren verriegelt. Ab Mittag ist geschlossen. Das denkmalgeschützte Gebäude wird laut Postbank bis Ende des Jahres ganz verlassen sein. Vielleicht früher, nicht später. Ein genaues Datum steht nicht fest.

Ab Mittag machte die Post faschingsbedingt Feierabend

"Scheiß Fasching!" So faucht ein verhinderter Postkunde am Dienstag gegen 12.30 Uhr. Eigentlich hat das Haus unter der Woche ohne Mittagspause geöffnet. "Dürfen wir Sie kurz sprechen?", fragt die AZ. "Nein!", plärrt er sofort zurück. Stampfend und schnaubend geht er weiter. Und das ist ja nur die Wut von einem Tag, an dem die Postdienstleistung unerwartet ausfällt.

Andere wiederum wollen durch die automatische Türe gehen, in festem Glauben, dass geöffnet sein muss. Sie bremsen abrupt, damit sie nicht mit der Nase gegen die Glasscheibe knallen. Ab Mittag machte die Postbank faschingsbedingt Feierabend - und damit natürlich auch die Post. Fragende, leicht verzweifelte Gesichter. Die Schultern sinken, als sie den unauffälligen Din-A4-Zettel an der Türe entdecken, der auf den Faschings-Feierabend hinweist.

Neben der Agnesstraße schließt auch die Postfiliale in der Angererstraße

Am härtesten trifft es am Dienstagnachmittag Markus Liegmann (52). Der Ingenieur hat schwer zu schleppen. Er ist mit seiner Partnerin trotz starker Armschmerzen gekommen, um ein mangelhaftes Möbelstück zum Hersteller zurückzuschicken. Jetzt muss er den schweren Karton ächzend wieder heimtragen. "Wieder ein Service weniger", stöhnt er. Als er erfährt, dass die Filiale geschlossen werden soll, sagt er: "Dann muss ich in die Angererstraße." Aber die dortige Postbank schließt ja auch, Ende Februar.

Markus Liegmann kann nicht darüber lachen, dass die Post an der Agnesstraße geschlossen ist, seine Partnerin nimmt es mit Humor. Die schwere Kiste muss wieder heim.
Markus Liegmann kann nicht darüber lachen, dass die Post an der Agnesstraße geschlossen ist, seine Partnerin nimmt es mit Humor. Die schwere Kiste muss wieder heim. © Daniel von Loeper

Dass der Postdienst dabei der Leidtragende der Postbank-Entscheidung ist, war ihm nicht klar. Ein Eindruck verfestigt sich nach der Begegnung mit Liegmann: Kunden, die in einer Postbank einen Postservice brauchen, glauben oft, dass die Post hier der Hausherr ist. Dabei ist es eben umgekehrt. Rentabilität. Das ist das Argument der Postbank für den Beschluss, das Haus an der Agnesstraße aufzugeben. Die Kosten des Betriebes würden nicht mehr gedeckt. Und man sei sich ja einig, dass ein Betrieb rentabel sein müsse. "Seien Sie versichert, dass wir uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht haben", erklärt ein Postbank-Sprecher auf AZ-Nachfrage.

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"Es ist die Entscheidung der Postbank. Die müssen wir akzeptieren"

Auch sei dem Unternehmen bewusst, dass es eine große Verantwortung habe für die Postversorgung im Viertel. Genau deshalb werde man eben nicht sofort schließen, sondern erst, "wenn die Post einen neuen Kooperationspartner in der Gegend findet". Am Postdienst, den die Bankangestellten mitleisteten, kann es wahrscheinlich nicht gelegen haben. Manche Kunden erzählen von Warteschlangen zu Stoßzeiten, die angeblich bis zum Elisabethmarkt reichen, mit Kunden, die hauptsächlich zur Post wollen, nicht zur Bank. Und berücksichtigt man die Situation von Dienstagnachmittag, verfestigt sich der Eindruck. Einschreiben, Pakete, Briefmarken: Alle 15 bis 30 Sekunden wollte jemand zur Post. Zur Postbank musste keiner der Schwabinger vor Ort.

Eigenes Personal hat die Post hier lange nicht mehr - das ist eine langfristige Entwicklung, seit der Privatisierung der Bundespost ab den 90er Jahren. Bei der Schließung der Agnesstraße wäscht sie sich die Hände in Unschuld. "Es ist die Entscheidung der Postbank, die müssen wir akzeptieren", sagt ein Sprecher der Deutschen Post DHL Group auf Nachfrage.

Gebäude in der Münchner Agnesstraße wurde extra für Post gebaut

Er weicht aus, wenn man ihn konkret fragt, wie das denn die Post nun eigentlich findet, dass ihre Dienstleistung samt Postbank auch aus diesem Haus an der Agnesstraße weggeschwemmt wird, ohne das aktiv so entschieden zu haben. Und es ist ja nicht irgendein Gebäude. Das Haus wurde im Jahr 1926 extra für die Post gebaut. Sogar Steinfiguren von Postheiligen sind ja bis heute an der Fassade zu sehen.

Wird das Postangebot Opfer des eigenen Erfolges? Weil eben gefühlt die allermeisten "Bankkunden" Postdienstleistungen in Anspruch nehmen? Der Sprecher der Post vermeidet hierzu eine klare Aussage, sagt nur: "Umfragen haben regelmäßig zum Ergebnis, dass unsere Kunden mit uns außerordentlich zufrieden sind." Hat also vielleicht die Postbank keine Lust und keinen finanziellen Anreiz mehr, hauptsächlich Handlanger der Postdienstleistungen zu sein? Bankgeschäfte werden ja bekanntlich immer häufiger online erledigt.

Post muss in maximal 2.000 Metern für Kunden erreichbar sein

Anwohnern bleibt jedenfalls nur die Hoffnung, dass die Post ihr Versprechen einhält und einen neuen Kooperationspartner im Viertel findet. Gesetzliche Regelungen gibt es auch. Die Post-Universaldienstleistungsverordnung (PUDLV) besagt, dass eine stationäre Einrichtung in maximal 2.000 Metern für die Kunden erreichbar sein muss.


Was sagen Sie liebe AZ-Leser? Ist das Post-Sterben unvermeidlich? Sorgt es für Probleme oder braucht es die großen Filialen eh nicht mehr? Schreiben Sie es in die Kommentare an AZ, Leserforum, Garmischer Straße 35, 81373 München oder per Mail an leserforum@az-muenchen.de.

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