Münchner Influencer verrät seine Geheimtipps: "Habe Köche nach Rezepten gefragt"

Wie ein klassischer Bayer sieht Viet Shao nicht aus. Aber der Sohn vietnamesischer Einwanderer ist in der Nähe von Augsburg geboren und aufgewachsen. Mit der vietnamesischen Suppe Pho ist er ebenso vertraut wie mit Knödeln und Gelbwurst. Inzwischen ist der 35-Jährige eingefleischter Münchner und hat seine Liebe zum Essen zum Beruf gemacht.
Über eine Million Menschen schauen sich täglich auf Tiktok, Instagram und Youtube seine Videos übers Kochen und übers Essen auf Reisen an. Nun hat er eine Art kulinarisches Reisetagebuch mit Rezepten aus acht asiatischen Ländern zum Nachkochen geschrieben.
Fürs Gespräch mit der AZ sucht er den Vietnamesen „Frau Vo“ in der Maistraße aus. Thony Huynh hat das Lokal nach seiner Mutter Thi Cho Vo benannt. Gemeinsam servieren sie den Gästen eine kleine, aber feine Auswahl an bodenständigen vietnamesischen Gerichten. Das ist nur einer von vielen Geheimtipps rund ums Essen und Kochen in München, die Viet Shao verrät.
"Dass dir etwas fehlt, merkst du ja erst, wenn es nicht mehr da ist"
AZ: Wer hat Ihnen das Kochen beigebracht?
VIET SHAO: Meiner Mutter war wichtig, mir die vietnamesische Kultur anhand des Essens zu vermitteln. Essen ist ein sehr großer Teil unserer Kultur. Ein typisches Kindheitsgericht ist Pho, das Nationalgericht aus Vietnam. Wenn ich nach Hause komme, wird diese Suppe gekocht.
Haben Sie mitgekocht?
Ich habe mich immer fürs Essen interessiert. Fürs Kochen damals nicht. Erst später, als ich mit meinem Azubi-Gehalt gezwungen war, zu kochen, habe ich damit angefangen. Dass dir etwas fehlt, merkst du ja erst, wenn es nicht mehr da ist.
Warum haben Sie keine Ausbildung zum Koch gemacht?
Nach dem Abitur wollte ich unbedingt arbeiten und selbstständig sein. Darum habe ich in Google eingegeben "Ausbildung mit dem höchsten Gehalt". Und da kam Kaufmann für Versicherungen und Finanzen heraus.
Wann haben Sie die bayerische Küche kennengelernt?
Wirklich lieben gelernt habe ich sie erst in München. Heute bin ich derjenige, der beim ersten Sonnenstrahl draußen im Biergarten sitzt!
Gibt es Parallelen zwischen der bayerischen und der vietnamesischen Küche?
Ähnlichkeit sehe ich in der Verankerung zwischen der Identität der Region und dem Essen. Was ich mit Bayern verbinde, ist auf jeden Fall das Essen. Eine Haxe und ein Wurstsalat gehören für mich genauso zur bayerischen Kultur wie eine Pho zur vietnamesischen.
"Ich schmiere einen Zentimeter Leberwurst auf mein Brot!"
Sie sind kulinarisch gesehen also mindestens ein halber Bayer?
Ich bin immer für ein Weißwurstfrühstück zu haben und liebe Haxe. Ich esse auch gerne Presssack, Gelbwurst und schmiere einen Zentimeter Leberwurst auf mein Brot!
Gefühlt ist München voller vietnamesischer Restaurants und Imbisse. Woher kommt der Erfolg?
Erstens gibt es sehr viele Vietnamesen in München. Vor 15 Jahren haben viele davon noch handwerkliche Berufe ausgeübt. Bei asiatischer Küche gibt es immer Trends. Das ging los mit chinesischen gebratenen Nudeln, dann gab es Thai-Currys, dann japanisches Sushi.
Aber die vietnamesischen Imbisse halten sich jetzt schon recht lange.
Vietnamesische Küche ist erstens weniger scharf. Zweitens gibt es gerade ein großes Bewusstsein für Gesundheit und Nährstoffe. Verglichen mit einer frittierten Ente oder einem Curry mit Kokosmilch ist vietnamesisches Essen fettarm. Die Gerichte enthalten viel Flüssigkeit und Kräuter und sind sehr nährstoffreich.

Warum haben Sie für unser Gespräch das Restaurant Frau Vo gewählt?
Ich mag echte Restaurants. Hier kommst du rein und merkst sofort, das ist ein Familienbetrieb. Auf den ersten Blick sieht es vielleicht nicht so einladend aus. Aber man merkt schnell, das hat Seele. In München sprechen wir oft von Optik. Aber was im Vordergrund stehen muss, ist das Essen.
"Wenn die Pho schmeckt, dann ist alles gut"
Woran erkenne ich ein gutes vietnamesisches Restaurant?
Wenn es sich wie hier auf ein paar Gerichte konzentriert. Hier merkt man einfach, dass eine Familie hinterm Tresen steht. Ist die Karte zu breit, steht auch noch Sushi oder Curry drauf, dann ist das oft schon mal schwierig. Aber wenn man Pho probiert und die schmeckt, dann ist alles gut.
Um die Küchen anderer Länder kennenzulernen, sind Sie vier Jahre lang durch 50 Länder gereist. Wie haben Sie das finanziert?
Bis 2022 habe ich in der Gastronomie gearbeitet. Zuletzt auf Teilzeit, um mir das aufzubauen. Und dann habe ich jeden Cent, den ich verdient habe, in meinen Socialmedia-Auftritt investiert. Schließlich habe ich meine Reisen zum Content gemacht und das hat mir wiederum Geld eingebracht.
Sie haben über eine Million Follower. Wie bekommt man die?
Im Lockdown habe ich mit Kochvideos auf Instagram angefangen. Das hat nicht funktioniert. Ein paar andere Sachen auch nicht. Dann habe ich Comedy-Videos gemacht und bis zum zweiten Lockdown hatte ich plötzlich 350.000 Follower. Da habe ich wieder auf Essen und Abenteuer umgestellt. Denn das ist es, was ich immer machen wollte. Und dann ging es immer weiter aufwärts.
Was reizt Sie am Reisen?
Was mich fasziniert, ist andere Kulturen über die Küche kennenzulernen. Deshalb habe ich da schnell den Fokus daraufgelegt.
Welches Gericht hat Sie besonders überrascht?
Überraschungen sind mittlerweile schwierig geworden. Ich informiere mich natürlich vorher. Aber ich suche vor Ort immer nach versteckten Ecken. Wenn da jemand etwas verkauft, das ich noch nie gesehen habe, dann probiere ich das. In Indien war das zum Beispiel eine Ziegenbeinsuppe. So etwas habe ich noch nie in meinem Leben geschmeckt. Und ich weiß bis heute nicht, was da drin war (lacht).
Was hat Ihnen am besten geschmeckt und wo?
Eine Peking-Ente in Peking. Da dachte ich mir: Was hast du in einem Leben bisher alles verpasst! Das kann doch nicht sein, dass eine Ente so anders schmeckt, als ich sie kenne. Genau dafür mache ich das.
Viele Rezepte haben Sie nun in Ihrem Kochbuch zusammengetragen. Auf welches Gericht sind Sie besonders stolz?
Natürlich liegt es mir besonders am Herzen, die vietnamesische Küche ein bisschen mehr zu repräsentieren. Da gibt es zum Beispiel Cha cá La Vong, gebratener Kurkuma-Fisch mit ganz viel Lauch und Dill. Das ist eines der besten vietnamesischen Gerichte, aber man findet es hier nur sehr selten.

Sie sind kein gelernter Koch: Wie sind Sie an die Rezepte gekommen?
Ich habe jedes Gericht im Land wirklich probiert. Teilweise habe ich die Köche nach den Rezepten gefragt. Die Hälfte hat sie mir gegeben, die andere nicht. Und dann ist ganz viel durch Ausprobieren entstanden. Inzwischen kann ich analysieren, was in einer Speise drin ist. Und das Internet gibt es ja auch noch. Und dann probiere ich so lange herum, bis es so schmeckt, wie ich es in Erinnerung habe. Ich interessiere mich einfach so dafür. Ich könnte den ganzen Tag über Essen reden!
"München tut gerade viel dafür, seinen Ruf als spießiges, reiches Volk abzulegen"
Wie authentisch ist die Münchner Asia-Küche eigentlich?
Oft ist sie noch ein bisschen angepasst. Aber zumindest bei der vietnamesischen Küche merke ich, wie die Restaurants immer authentischer werden und mehr in die Aromen gehen, die sie eigentlich haben sollen. Was spannend in München ist, dass die Menschen extrem interessiert und offen sind für neue Geschmäcker. Aber die chinesische Sezuan-Küche ist zum Beispiel sehr scharf, das ist für den deutschen Gaumen sehr schwierig. Der ist nicht dafür gemacht, betäubt zu werden. Auch in der thailändischen Küche ist sehr viel Power drin.

Haben Sie neben Frau Vo noch weiter Gastro-Geheimtipps in München?
Das Dong Que in Giesing serviert tolle Suppen und viele authentische vietnamesische Gerichte. Das Krua Thai am Hauptbahnhof wirkt nicht einladend, aber die thailändischen Gerichte sind der Wahnsinn. Die besten Banh mi gibt’s im Banh Mi Minh in der Theresienstraße und den besten Döner bei Djangos in Giesing.
Ihr Plan war, beim Reisen Inspiration für Ihr eigenes Restaurant zu finden.
Das ist immer in meinem Kopf. Aber leider wird Gastronomie immer schwieriger. In der Coronazeit sind viele Mitarbeiter gegangen, aber auch die Gäste haben sich gewandelt. Viele wissen den Service nicht mehr so zu schätzen wie früher. Dann kommen die steigenden Lebensmittelpreise. Die Leute geben auch weniger Trinkgeld. Ich denke, der Trend geht immer mehr zu No-Service. Aber ich habe eine Liebe für die Gastronomie und möchte das schon irgendwann machen.
Und Ihre Basis bleibt in München?
Für mich ist München die schönste Stadt der Welt! Ich finde beachtlich, wie sich das Bewusstsein der Münchner in den letzten Jahren gewandelt hat. Die Stadt wird immer lebendiger, die Leute gehen raus auf die Straße, leben bewusster. München tut gerade sehr viel dafür, seinen Ruf als spießiges, reiches Volk abzulegen. Und ich bin froh, ein Teil davon zu sein.